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  • Gedenken in Coronazeiten

Jeder sollte das sehen, aber keiner ist da

Am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz gibt es dort erstmals keine Besucher - wegen Corona

  • Von Ingrid Heinisch
  • Lesedauer: 8 Min.
In solchen Güterwaggons wurden Menschen nach Auschwitz in den sicheren Tod transportiert – aufgenommen bei der Gedenkfeier am 27. Januar 2020.
In solchen Güterwaggons wurden Menschen nach Auschwitz in den sicheren Tod transportiert – aufgenommen bei der Gedenkfeier am 27. Januar 2020.

Oświęcim bietet dieser Tage ein tristes Bild. Alles ist von einem schmutzigen Grau überzogen, das von dem Kohlerauch stammt, der allenthalben aus den Schornsteinen aufsteigt. Die Stadt ist leer und wirkt wie ausgestorben. Normalerweise würden sich trotz der klirrenden Kälte die Touristen in der Gedenkstätte von Auschwitz drängen, um den Jahrestag der Befreiung zu begehen.

Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das KZ, in dem sich noch 7600 Gefangene befanden. Bis zu 1,5 Millionen Menschen wurden hier ermordet, 90 Prozent davon waren Juden. Die Vereinten Nationen erklärten 2005 den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

Anderthalb Kilometer entfernt vom ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befindet sich die Internationale Jugendbegegnungsstätte, kurz IJBS. Sie soll zur Versöhnung zwischen Deutschen und Polen beitragen, über die Geschichte des Holocaust aufklären und vor diesem Hintergrund die Begegnung nicht nur von deutschen und polnischen, sondern von Jugendlichen und Erwachsenen aus aller Welt ermöglichen.

Vor Corona stiegen die Besucherzahlen von Jahr zu Jahr. Manche Besucher bleiben nur für eine Nacht, manche ein bis zwei Wochen. Die meisten reisen in Gruppen an; sie alle nutzen die Möglichkeit, sich von diesem schützenden Ort aus der Realität von Auschwitz zu nähern. Normalerweise wird es dann im Dezember ruhig in der Begegnungsstätte - und Ende Januar füllt sie sich wieder bis auf den letzten Platz, denn die Gäste wollen an den Befreiungsfeierlichkeiten am 27. Januar teilnehmen. Gerade für junge Leute ist das ein großes Erlebnis, können sie dann doch einige der letzten Überlebenden von Auschwitz kennenlernen.

All das muss dieses Jahr ausfallen. Die IJBS ist geschlossen. Die Mitarbeiter kommen zwar manchmal in die Büros, doch die meisten arbeiten im Homeoffice. Nur die Rezeption ist besetzt. Wegen der Anfragen aus der ganzen Welt, wie die Zukunft aussieht. Wird die IJBS wieder öffnen? Wann können die Gruppen wieder kommen? Keine dieser Fragen können die Frauen von der Rezeption beantworten. Wie auch? Sie sind keine Hellseherinnen. Die Zukunft ist von Corona bestimmt. Also weiß niemand, wie es weitergeht.

Manchmal kommt ein Einwohner von Oświęcim herein, ein Jugendlicher vielleicht, der ganz naiv fragt, wann denn hier endlich wieder was los sein werde. Es sei doch sonst nichts los in Oświęcim. Das ist der Punkt: Oświęcim ist eine Kleinstadt mit etwa 40 000 Einwohnern. Sie leidet unter der Gedenkstätte, unter der ständigen Konfrontation mit der Vergangenheit - aber sie lebt auch mit und von ihr.

Übers Jahr kommen über eine Million Besucher aus aller Welt, um die Gedenkstätte von Auschwitz zu besichtigen, Tendenz steigend. Sie besuchen Führungen in allen möglichen Sprachen. Doch es gehört Glück dazu, eine Führung zu ergattern, weil die Gedenkstättenleitung zwar neue Führer ausbildet, es aber nie genug sind. Sie alle sind jetzt ohne Arbeit und ohne Einkommen. Die kleinen Cafés und Restaurants in der Nähe des Museums und in der Altstadt leben von den Touristen wie auch die Hotels. Die anderen Bildungsstätten in Oświęcim sind ebenfalls geschlossen. Sogar das Museum, nicht nur die Ausstellungen - niemand darf das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers betreten. Das hat es seit der Befreiung von Auschwitz noch nicht gegeben. Bis zum Frühjahr 2020. Da hat die polnische Regierung zum ersten Mal einen rigorosen Lockdown verfügt. Rigoroser als zum Beispiel die deutsche. Die Grenzen waren geschlossen, Geschäfte, die Schulen, die Kindergärten. Die Infektionszahlen waren relativ gering. Die Maßnahmen schienen erfolgreich. Dann kam der Sommer: Die Besucher kamen wieder, noch nicht viele, aber immerhin. Viele durften es auch nicht sein, weil auch hier als erste Regel galt: Abstand halten. Gemeinsam in einem Zimmer übernachten, Diskussionen in einem kleinen Raum, das war alles nicht mehr möglich.

Die Jugendbegegnungsstätte verzeichnete im vergangenen Jahr zwar einen ungeheuren Einnahmeverlust, aber die deutsche Bundesregierung und auch verschiedene Ministerien sprangen ein und glichen diesen aus. Niemand musste entlassen werden. Und dann sind da die Rücklagen, die sie aufgrund von Spenden bilden konnte. Das hat die IJBS vor allem dem VW-Konzern zu verdanken. Volkswagen dessen Name ja direkt auf die Nationalsozialisten zurückgeht, konfrontiert sich offensiv mit seiner Vergangenheit, zu der in letzter Konsequenz auch Auschwitz gehört. Seit dreißig Jahren ermöglicht VW seinen Auszubildenden eine Reise zur Jugendbegegnungsstätte, seit zwölf Jahren auch seinen Managern und Meistern.

So war es nur konsequent in der kurzen Phase der Lockerungen, zwei solchen Gruppen die Reise nach Oświęcim zu ermöglichen, wenn auch unter veränderten Bedingungen. Denn sie waren fast allein in der IJBS, sie trafen keine anderen Gruppen. Sie durften sich kein Zimmer teilen. Das haben gerade die Jugendlichen nicht als Luxus, sondern als Nachteil empfunden. Der freundschaftliche Austausch über das Erlebte mit dem Bettnachbarn fehlte.

Sie hatten keinen Kontakt mit der polnischen Bevölkerung, abgesehen von den Mitarbeitern der Begegnungsstätte. Alles konzentrierte sich auf Auschwitz, auf den Besuch der Gedenkstätte dort. Auch dort waren nur wenige andere Besucher. Umso mehr wirkte der Anblick des ehemaligen Lagers: die ungeheure Größe und Weite. Jerzej Miller, Manager bei VW, hat schon verschiedene Gedenkstätten ehemaliger Konzentrationslager kennengelernt, er glaubte sich für Auschwitz gut vorbereitet, dennoch haben ihn die Eindrücke dort überwältigt. Nicht anders erging es den Auszubildenden. »Jeder sollte das sehen«, meint Sophie Meyer aus Zwickau, »jeder.« Sie blicke seitdem auf ihr Leben mit einem anderen Blickwinkel. Das Interesse in ihrem Freundes- und Kollegenkreis sei riesig, wenn sie von ihrem Aufenthalt in Oświęcim erzähle. Einen ehemaligen Häftling haben beide Gruppen nicht treffen können, obwohl das normalerweise der Höhepunkt jeder Reise ist.

Ob solche Treffen jemals wieder möglich sein werden, ist ungewiss. Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, hat beide Gruppen begleitet. Seine Geschichten, die er von den ehemaligen Häftlingen erfahren hat, haben diese Lücke gefüllt. »Sie verbinden die Schreckenszahlen mit dem Leben echter Menschen, geben ihnen einen Namen und zeigen, dass diese Menschen wirklich einmal gelebt haben. Dies ist deshalb so wichtig, weil die meisten Opfer keine Gräber und keine Grabsteine haben«, sagt Jerzej Miller. Auch er bedauert, in diesen drei Tagen keine Polen kennengelernt, keine polnischen Kollegen getroffen zu haben, obwohl VW auch in Polen ein Werk unterhält.

Damit fehlte das zweite wichtige Element, für das die Jugendbegegnungsstätte steht: die Begegnung, vor allem mit Polen und mit anderen. Denn die Idee hinter der IJBS war eine revolutionäre: ausgerechnet in Polen ein solches Projekt, in einem Land, das mehr als alle anderen Staaten unter der nationalsozialistischen Herrschaft gelitten und sechs Millionen Menschen verloren hatte, darunter drei Millionen polnische Juden. Die Jugendbegegnungsstätte sollte ein Vorreiter auf dem Weg zur Versöhnung zwischen Deutschen und Polen sein.

Die Idee entstand aus der Zusammenarbeit der evangelischen Organisation »Aktion Sühnezeichen« und der Gedenkstätte, wohin 1967 eine erste Gruppe deutscher Jugendlicher fuhr. Es war eine Vision, deren Realisierung fast zwanzig Jahre dauerte. Seitdem haben jährlich etwa 160 Gruppen die IJBS besucht.

Und all diese Gruppen haben auch Polen getroffen: bei offiziellen Veranstaltungen, die von der IJBS organisiert wurden, wie auch inoffiziell, weil die Begegnungsstätte für jeden polnischen Besucher offen ist. Mehr noch, sie bietet ein kulturelles Angebot für die Bewohner von Oświęcim. Sie hat sich zu einem Kulturzentrum entwickelt.

Dies alles ist in diesem Jahr weggefallen. Obwohl der Austausch mit Polen gerade jetzt so wichtig wäre. Denn die so oft beschworene deutsch-polnische Freundschaft erweist sich als immer brüchiger, je weiter die erzkonservative PiS-Regierung in Polen nach rechts schwenkt und sich immer autoritärer und antidemokratischer gebärdet. Oświęcim und auch Małopolskie, die Wojewodschaft, in der es liegt, sind Hochburgen der PiS.

Insbesondere die Bergarbeiter fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. Noch vor dreißig Jahren waren sie die Vorreiter des wirtschaftlichen Fortschritts in Polen, jetzt gehören sie zu den Verlierern. Ihr einziger Garant ist die PiS, die sich vehement dagegen wehrt, die Kohlezechen zu schließen. Vor vierzig Jahren bildeten gerade diese Bergarbeiter das Fundament der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarność. Heute tritt die PiS die Freiheitsrechte, für die die Arbeiter damals kämpften, mit Füßen.

Umso wichtiger wäre es, dass in Oświęcim wenigstens die Jugendbegegnungsstätte mit ihrem kulturellen Angebot dagegenhält. Sie versuchen es immer noch. Auf ihrem Youtube-Kanal haben sie den 77. »Krakauer Poesie-Salon« in Kraków und die Preisverleihung für die 8. »Poster-Biennale« gesendet. Früher haben sich die Besucher bei diesen Veranstaltungen gegenseitig auf den Füßen gestanden. Nun haben die Kantinenfrauen für das Krankenhaus und das Hospiz süße und herzhafte Blätterteigtaschen gebacken, um die Ärzte und Pflegekräfte dort zu unterstützen, aber auch um ein Zeichen zu setzen: »Wir sind da!«

Es ist , als ob der Jugendbegegnungsstätte von zwei Beinen, auf denen sie gestanden hat, gerade eines wegbricht. Christoph Heubner hat nicht wirklich Angst um deren Fortbestand. Auch nicht in einem dritten Lockdown. Zu viele Politiker stehen für die IJBS ein. Und die Gedenkstätte wird ihre Anziehungskraft gerade auf junge Menschen wohl immer behalten.

Heubner ist sich sicher, dass die Bundesregierung die Begegnungsstätte immer unterstützen wird. Aber um das zweite Standbein sorgt er sich: »Es ist ein Akzent der Beständigkeit deutsch-polnischer Beziehungen und des Erreichten, dahinter dürfen wir nicht zurückfallen!«

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