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Das Phänomen Antisemitismus ist größer als das Offensichtliche

Charlotte Knobloch verurteilte bei Bundestagsgedenken für Opfer des Nationalsozialismus Holocaust-Vergleiche bei Querdenken-Protesten

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 3 Min.
Charlotte Knobloch (r) hält die Gedenkrede bei der Gedenkstunde des Deutschen Bundestags aus Anlass des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.
Charlotte Knobloch (r) hält die Gedenkrede bei der Gedenkstunde des Deutschen Bundestags aus Anlass des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Der Bundestag hat am Mittwoch an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert und den Blick auf das vergangene und aktuelle jüdische Leben in Deutschland gerichtet. Neben dem Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble (CDU) forderten auch die Rednerinnen Charlotte Knobloch und Marina Weisband ein stärkeres Engagement gegen Antisemitismus. »Das Phänomen Antisemitismus ist größer als das Offensichtliche«, mahnte dabei Knobloch und verurteilte Holocaust-Vergleiche bei Demonstrationen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. »Wer Corona-Maßnahmen mit der nationalsozialistischen Judenpolitik vergleicht, verharmlost den antisemitischen Staatsterror und die Schoah«, sagte die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. »Passen Sie auf auf unser Land«, forderte die 88-Jährige die Parlamentarier auf. Dabei betonte sie, dies explizit nicht an die »ganz rechte Seite des Plenums« zu richten. Dort sitzt die AfD. »Sie werden weiter für Ihr Deutschland kämpfen, und wir werden weiter für unser Deutschland kämpfen.«

Die 1932 geborene Knobloch schilderte in ihrer Rede, wie sie als jüdisches Kind in München die Ausgrenzung unter den Nationalsozialisten erlebte. Sie erzählte, wie sie nicht mehr mit anderen Kindern spielen durfte und der tägliche Schulweg zum Spießrutenlauf wurde. Sie sprach auch von der Beziehung zu ihrer Großmutter, die 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde. »Ausgrenzung und Anfeindungen hinterlassen tiefe Verletzungen«, erklärte Knobloch.

Die Autorin und Politikerin Weisband - 1987 in Kiew als Tochter jüdischer Eltern geboren - sagte, Jüdin in Deutschland zu sein, bedeute, die Schoah in sich zu tragen und mit den Traumata der Familie zu leben. Heute müsse sie durch Sicherheitskontrollen gehen, wenn sie beten möchte. Sie sei dankbar für diesen Schutz: »Aber es macht was mit uns.« Während des Studiums habe sich Weisband wie ein »Zootier« gefühlt. »Man begegnet uns mit einer Mischung aus Mitgefühl und Beklemmung - ich bleibe fremd«, sagte sie.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble bezeichnete es in seiner Rede als »unglaubliches Glück für unser Land«, dass jüdische Gemeinden heute heimisch in Deutschland seien. Gleichzeitig sagte er, es sei »niederschmetternd, eingestehen zu müssen: Unsere Erinnerungskultur schützt nicht vor einer Umdeutung oder Leugnung der Geschichte«.

Nach der Gedenkstunde wurde im Andachtsraum des Bundestags die Torarolle aus Sulzbach in der Oberpfalz mit den letzten acht Buchstaben vervollständigt. Die Heilige Schrift, die in einem Versteck die Zeit des Nationalsozialismus überdauerte und 2015 wiederentdeckt worden war, wurde restauriert und soll künftig in der jüdischen Gemeinde in Amberg wieder für Gottesdienste verwendet werden. Seit 25 Jahren erinnert der Bundestag mit einer Gedenkstunde an die Opfer der Judenverfolgung unter den Nationalsozialisten. Das Datum bezieht sich auf die Befreiung des NS-Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945.

Vielerorts fanden am Mittwoch weitere entsprechende Veranstaltungen statt. »Gedenken muss mehr sein, als ein bloßes Lippenbekenntnis«, erklärte dazu in einer Mitteilung die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten. Würdiges Gedenken finde so in jeder Bestrebung statt, ein neues Erstarken der Rechten zu verhindern. Die Linke-Abgeordnete Martina Renner nahm in einer eigenen Stellungnahme hiervon explizit die staatlichen Institutionen nicht aus: »Die starke Verbreitung antisemitischen und rassistischen Denkens in den Sicherheitsbehörden zeigt einmal mehr, dass wir die Verteidigung demokratischer Werte nicht anderen oder staatlichen Institutionen überlassen können«. Mit Agenturen

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