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Vertuscht und bestochen

Die ehemalige Führung des Biathlonweltverbands arbeitete offenbar zutiefst korrupt.

  • Von Sandra Degenhardt, DPA
  • Lesedauer: 3 Min.
Anders Besseberg, früherer Chef des Biathlon-Weltverbands IBU
Anders Besseberg, früherer Chef des Biathlon-Weltverbands IBU

Jahrzehntelange Vertuschung von Doping und Korruption: Mit Luxusreisen, teuren Uhren, Hunderttausenden Dollar und Prostituierten soll sich der frühere Chef des Biathlon-Weltverbands IBU, Anders Besseberg, für sein Wegsehen bei russischen Dopingfällen belohnt haben lassen. Dem Bericht einer unabhängigen externen Prüfungskommission (ERC) zufolge habe Besseberg «systematisch korruptes und unethisches Verhalten» an den Tag gelegt. Er habe bei praktisch allem, was er tat, konsequent und ohne jeden Anstand russische Interessen bevorzugt und geschützt.

«Wir sind geschockt von dem beschriebenen Fehlverhalten. Andererseits sind wir dankbar für die vorgelegten Beweise», sagte der neue IBU-Präsident Olle Dahlin. Unter seiner Führung habe der Verband Reformen eingeführt, die derlei Missstände künftig verhindern sollen. «Doch wir lassen nicht nach und wollen weiter vorangehen als ein Verband, der höchste internationale Standards an seine Führungskräfte anlegt.

Unter dem Norweger Besseberg und später auch der ehemaligen IBU-Generalsekretärin Nicole Resch soll das von 2008 bis 2018 ganz anders gewesen sein. Interessen des russischen Verbandes, insbesondere im Zusammenhang mit der Dopingbekämpfung seien »ohne triftigen Grund geschützt« worden, hieß es im am Donnerstag veröffentlichten Abschlussbericht der ERC. Besseberg und Resch bestreiten die Vorwürfe. Aus gesundheitlichen Gründen konnte Resch bei der Untersuchung nicht befragt werden. Besseberg verweigerte eine Zusammenarbeit mit der Kommission. Beide Funktionäre hatten ihre Ämter seit April 2018 ruhen lassen.

Vor allem Besseberg, der von 1993 bis 2018 die IBU führte, habe laut Kommission schon vor 2008 »kein Interesse daran gehabt, den Sport vor Betrug zu schützen«. Er soll von den Russen mit Bestechungsgeld, »Jagdausflügen und Prostituierten belohnt worden« sein, heißt es. Er habe Doping nicht ernsthaft verfolgt, Sanktionen nicht durchgesetzt, Organisationen belogen und den Vorstand hintergangen. Resch, die sich anfangs Besseberg noch widersetzt habe, soll vor allem bei der Verfolgung russischer Dopingsünder nicht konsequent gewesen sein.

»Die frühere Verbandsführung konnte ohne Kontrolle agieren, ohne Transparenz und Rechenschaftspflicht«, sagte der ERC-Vorsitzende Jonathan Taylor. Mehr als 70 000 Dokumente und elektronische Dateien habe seine Kommission gesichtet und etwa 60 Personen befragt. Die Biathlon Integrity Unit, die beim Weltverband angesiedelt ist, aber autark von dessen Spitze agieren soll, prüft nun Klagen gegen Besseberg und Resch.

Seit 2017 laufen bereits Ermittlungen von Österreichs Staatsanwaltschaft wegen Doping- und Betrugsverdachts sowie Geschenkannahme. Besseberg steht ebenso im Fokus wie russische Sportler und Betreuer. Gegen Besseberg in Norwegen wie auch gegen Resch in Österreich laufen weitere strafrechtliche Ermittlungen - bislang aber ohne Anklagen.

Auch bei der Vergabe für die WM 2021 ans russische Tjumen habe Besseberg dem neuen Bericht zufolge Einfluss genommen. Zudem würden Aussagen von Informanten nahelegen, dass die russische Delegation unbekannte IBU-Kongressmitglieder bestochen habe. Die diesjährigen Weltmeisterschaften wurden den Russen später wieder entzogen und an Pokljuka in Slowenien weitergegeben. »Die IBU hat in den zurückliegenden zwei Jahren auf allen Ebenen einen klar erkennbaren Kurswechsel vollzogen und viel verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen können«, teilte der Deutsche Skiverband mit. Der Bericht sei ein weiteres wichtiges Signal, dass die IBU ihre Reformbemühungen ernst meine.

Der Thüringerin Resch wird unter anderem vorgeworfen, bei den Sotschi-Spielen keine zusätzlichen Tests für den Russen Jewgeni Ustjugow angeordnet zu haben, obwohl es Hinweise auf »hochgradig abnorme Blutwerte« gab. Russland gewann mit Ustjugow Staffelgold vor Deutschland. Er wurde nachträglich gesperrt, seine Olympia-Ergebnisse wurden annulliert. Dagegen geht Ustjugow gerichtlich vor.

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