Ich komme mit Feminismus in dein Feuilleton

Was passiert, wenn man feministisch und kulturkritisch über die Serien oder Videospielreihen schreibt? Es melden sich Männer, die dafür kein Verständnis haben

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.

Es gibt Wesen auf der Welt, deren Lunte ist noch kürzer als die von Männern. Die Rede ist von Männern, die Fans sind. In der »South Park«-Staffel aus dem Jahr 2000, die ich gerade schaue, gibt es eine Folge, in der zwei »Star Trek«-Fans eine Zeitmaschine bauen. Das funktioniert auch, doch vor dem zweiten Einsatz zerstreiten sich die beiden Trekkies darüber, ob »Enterprise« 74 oder 75 Folgen hatte. Beleidigt bunkern sie sich zu Hause ein. Nun ist »South Park« in der Vergangenheit nicht durch kluge Interventionen zum Geschlechterverhältnis aufgefallen. Anders gesagt: sogar Nicht-Feministen bemerken die Obsession von Fans.

Ich habe zuletzt einmal über »Star Trek: Discovery« und einmal über die Videospielreihe »The Legend of Zelda« geschrieben. Wenn man Meinungsbeiträge schreibt, bedenkt man beim Argumentieren immer mit, welche Einwände gegen die aufgestellten Behauptungen naheliegenderweise eingebracht würden. Im Regelfall entstehen die besseren Texte dadurch, dass man solche potenziellen Einwände wenigstens implizit bereits im Text beantwortet, sozusagen vorauseilend. Ich glaube jedoch mittlerweile, dass bei feministischer Kulturkritik das Gegenteil der Fall ist: Es ist hier manchmal das »Weniger« an »Differenzierung«, das die Bruchlinien zwischen patriarchalem Beharrungsvermögen und Emanzipation freilegt. Vielleicht schreibe ich also in Zukunft noch mehr so, als hätte ich die ein oder andere Facette am Werk gar nicht zur Kenntnis genommen. Interpretieren Sie das gern als Versuch, Sie zur Weißglut zu treiben.

Im Fall der »Zelda«-Kolumne kam die Tage ein überhaupt nicht unbedeutender Kollege im Videospieljournalismus auf Social Media bei mir vorbei gesurft und versuchte, wie er später erklärte, »nur höflich sachliche Kritik« loszuwerden. Das lief binnen drei (!) Sätzen darauf hinaus, zu fragen, ob ich das Spiel womöglich gar nicht gespielt hätte. Danach folgten noch mal Erklärungen: immerhin müsse ich beim Spielen dieses und jenes mitbekommen haben, das meiner im Artikel dargelegten Kritik widerspreche. Ergo »darf ich Dich durchaus fragen, ob Du es vielleicht nicht oder nicht ausreichend gespielt hast ...«, wie er wiederholte. Frauen* in gönnerhaftem Ton zu professionellen Hochstaplerinnen zu erklären, daraus spricht stets die ganze Arroganz der eigenen, unbewussten Privilegiertheit.

Die Argumentation: Prinzessin Zelda ist 100 Jahre mit dem Oberdämon Ganondorf in einem Turm eingesperrt. Sie bannt ihn in ein schwächer werdendes magisches Siegel. Seine Untertanen verwüsten derweil die Welt. In dieser Zeit schlummert der Held, erwacht, erlebt sein Abenteuer (die Spielhandlung) und erreicht im letzten Moment, da das Siegel zerbricht, den Turm. Er ringt das Böse mit Schwert und Bogen nieder und verhindert so, dass die Prinzessin bei lebendigem Leib verspeist wird. Zelda wirkt dann im Abspann den entscheidenden Zauber. Auch viele andere Kommentator*innen, vorwiegend Männer, wollten darin keine Geschichte einer »Jungfrau in Nöten« erkennen: Zelda sei in den 100 Jahren ja gar nicht »passiv« gewesen. Das ist eine interessante Interpretation vor dem Hintergrund, dass viele Leute gerade keine acht Wochen mit ihren Nintendos zu Hause eingesperrt sein können, ohne das Leben ihrer eigenen Oma gegen einen Besuch in der Kneipe eintauschen zu wollen.

Was die »Star Trek«-Kolumne angeht, so erreichten mich auch Wochen später noch E-Mails von Männern, die darauf hinwiesen, dass die in der Serie dargestellten Vergewaltigungen ja gar keine Vergewaltigungen, sondern konsensueller Sex gewesen seien. Ein Leserbriefschreiber riet: »Bitte noch mal nachrecherchieren und den Artikel überarbeiten oder am besten aus dem Netz entfernen« - als würde die bemerkenswerte Differenzierungsfähigkeit von Männern beim Thema Vergewaltigung dem Statement des Feminismus widersprechen. Zur Würdigung auch solcher Zuschriften enthält diese Kolumne darum einen sachlichen Fehler. Der Fan, der ihn findet, kriegt nach der Pandemie kein Bier von mir ausgegeben.

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