Werbung

Die Unbeugsame

Maria Edgarda Marcucci kämpfte in Rojava und wird nach ihrer Rückkehr in Italien streng überwacht

  • Von Anna Dotti
  • Lesedauer: 6 Min.

Maria Edgarda Marcucci für den Staat, Eddi für die Freund*innen, Şilan für die Genoss*innen. Viele Identitäten in einer einzigen Beschreibung zusammengefasst: »Ich bin eine Frau«, sagt Marcucci immer wieder über sich selbst. Dahinter verbergen sich ihre Weltanschauung und ihr politisches Engagement, wofür sie von der italienischen Justiz als gefährliche Person eingestuft wird.

Die 29-jährige linke Aktivistin hat eine schlanke Figur, trägt lange schwarze glatte Haare und oft große Kreisohrringe. Als Kind wollte sie Hackerin werden. Heute arbeitet sie als Übersetzerin für Englisch und für eine Radiosendung in Turin. Dort lebt sie aktuell in einer besonderen Isolation, die mit der Corona-Pandemie nichts zu tun hat. »Sonderüberwachung« heißt die Maßnahme, die das Turiner Gericht im Dezember über Marcucci verhängt hat, weil sie sich den Frauenverteidigungseinheiten YPJ in Rojava in den Jahren 2017 und 2018 angeschlossen hatte.

Die Kämpferin Marcucci ist in Rom aufgewachsen, zusammen mit zwei Brüdern und einer Schwester - mit der sie gerade zusammenwohnt. Ihr Familienleben hält Marcucci gerne privat, nur dies teilt sie mit: »Antifaschismus ist ein Wert, der mir in der Familie beigebracht wurde. Weil er die Geschichte unseres Landes ist.« Wegen ihrer politischen Überzeugung erlebte sie schon als Schülerin erste Konflikte. Ihr ehemaliges Gymnasium im Zentrum von Rom liegt nah am historischen Sitz der neofaschistischen Bewegung Casa Pound.

Vor zehn Jahren engagierte sie sich verstärkt und nahm nicht nur an Großdemonstrationen teil, sondern begann eine politische Militanz gutzuheißen. Damals hatte sie gerade ihr Philosophiestudium an der Universität in Turin aufgenommen und erhielt ein Stipendium. Doch schon nach einigen Monaten wurde die staatliche Förderung eingestellt. Marcucci sowie rund tausend andere Studierende blieben folglich ohne finanzielle Unterstützung. Zusammen in einem studentischen Kollektiv besetzte sie damals ein staatliches unbewohntes Studierendenwohnheim. In dieser Zeit begann sie auch, an einem feministischen Lesekreis teilzunehmen: »Die Entdeckung feministischer Politik war für mich wie ein Lebenselixier. Absolut notwendig, um in der patriarchalischen Gesellschaft zu überleben«, erzählt sie.

Während des Studiums wurden Marcuccis Personalien mehrmals von der Polizei aufgenommen. Noch immer ist sie nicht vorbestraft, aber mehrfach wurden vorbeugende Maßnahmen gegen sie verhängt: Unter anderem 2016 ein sechsmonatiger Platzverweis aus Turin aufgrund eines antifaschistischen Protests in der Universität. Danach ein ebenso langer Hausarrest wegen einer Auseinandersetzung mit Polizist*innen innerhalb der »No Tav« Bewegung. An deren Spitze kämpft die Aktivistin seit Jahren gegen den Bau einer Zughochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Turin und Lyon. Dieser Widerstand hat für sie nicht nur mit dem Bahnprojekt zu tun: »›No Tav‹ bedeutet Nein zu diesem Zug und einer kapitalistischen Entwicklung. Aber Ja zu sozialen, ökologischen und integrativen Erfahrungen - die dort im Susatal auch schon in die Praxis umgesetzt werden.«

Ihre Suche nach einer anderen Gesellschaftsform führte sie 2014 von Norditalien nach Syrien. Als die Feministin über das Massaker der Zivilist*innen von den Djihadisten in der irakischen Region Shingal erfuhr, begann sie sich mit dem kurdischen Kampf gegen den »Islamischen Staat« auseinanderzusetzen. »Ich habe erfahren, dass dort eine Revolution im Gange war und ein alternatives System, das meinen sozialistischen, feministischen und ökologischen Werten entspricht, wurde dort gelebt.«

Marcucci wollte diese Revolution nicht aus der Ferne beobachten. Also schloss sie sich einer solidarischen Delegation von italienischen Aktivist*innen an und ging im September 2017 nach Rojava. »Ich bin anderthalb Monate dort und kehre dann zurück«, mit diesen Worten beruhigte sie damals ihre Mutter. Aus ihrer anfänglichen Neugierde entwickelte sich bald der Wille, an dem sozialen Experiment in Rojava mitzuwirken: Als die Delegation zurückkehrte, blieben Marcucci und Jacopo Bindi in Syrien; Bindi arbeitete mit Zivilist*innen, Marcucci zog sich die mimetische Uniform an und begann, den Namen Şilan zu tragen. »Es war eine Gewissensfrage für mich. Ich war überzeugt, dass es mein eigener Kampf ist.« Hätte sie das nicht getan, wäre es ihr schwergefallen, sich im Spiegel anzusehen, erzählt sie.

Nach einer knapp zwei Monate dauernden militärischen Ausbildung begann sie Anfang 2018, gegen den türkischen Angriff auf Afrin im Nordwesten Syriens zu kämpfen. Sie blieb unverletzt. Der Krieg hat keine sichtlichen Zeichen auf ihrem Körper hinterlassen - der Typhus wurde ihr einziges gesundheitliches Problem. Über die Bombardierungen, den Tod ihrer Genoss*innen sowie den ihrer Feind*innen, den sie möglicherweise mit verursacht haben könnte, spricht sie nicht. Über das Zusammenleben in Rojava redet sie dagegen lang und gerne: Darin erkennt sie die Revolution des demokratischen Föderalismus am meisten.

Unter Frauen verbrachte die Kämpferin ihre Tage weg vom Schlachtfeld mit viel Sport und viel Lernen - etwa von der Historie des Feminismus bis hin zur kurdischen Sprache - und sehr viel Selbstkritik. In diesem streng strukturierten Alltag fühlte sie sich wohl: »Wenn der patriarchale Blick auf unser Leben minimiert wird, wenn Frauen über sich selbst bestimmen, ändert sich die eigene Wahrnehmung«, sagt sie.

Im Juni 2018 entschied sich Marcucci, nach Italien zurückzukehren, um die Revolution in ihre Heimat zu tragen. Doch nach ihrer Rückkehr fiel es ihr schwer, sich wieder im Alltag zurechtzufinden. Sie nahm die sozialen Ungleichheiten und die Sexualisierung des weiblichen Körpers in der kapitalistischen Gesellschaft viel stärker wahr, was sie ziemlich belastete. Die größte Überraschung aber erlebte sie aber Anfang Januar 2019, als sie zusammen mit Bindi und drei anderen Aktivisten, die mit ihr in Rojava waren, vor Gericht gestellt wurde. Die Turiner Staatsanwaltschaft hielt sie alle wegen ihrer militärischen Ausbildung für gefährlich. Doch Marcucci widerspricht der Einschätzung vehement: »Inwiefern stellt jemand, der gegen Isis kämpft, eine Gefahr für die Gesellschaft dar?«, fragt sie. Für sie ist die islamistische Terrororganisation die eigentliche Gefahr für die Gesellschaft. Aber nicht sie.

Über diese Frage wurde in Italien zuletzt viel diskutiert. In dem knapp zwei Jahre andauernden Prozess war Marcuccis Gesicht der italienischen Öffentlichkeit vertraut. Das Turiner Gericht bestätigte im Dezember 2020 die geforderte polizeiliche Maßnahme gegen die Kämpferin - für die anderen vier Männer aber nicht. Marcuccis entschlossen wirkendes Auftreten war wohl letztlich für das Urteil entscheidend. »Ihr hartnäckiger Widerstand gegen die öffentliche Autorität ...« - zitiert Marcucci aus dem Urteil, das sie als staatliche Repression gegen ihren Aktivismus ansieht. Natürlich ist sie noch immer wütend über das Verfahren: »Die Gerichte in Turin sprechen eindeutig die Sprache der Polizei«, kritisiert sie. Auch die Kosten des Prozesses soll Marcucci tragen. Das will sie aber nicht und lässt daher das Urteil beim italienischen Kassationsgericht prüfen.

Derzeit lebt sie unter der vom Gericht verfügten Sonderüberwachung in einer sehr beschränkten Freiheit, die bis März 2022 andauern soll. Führerschein und Reisepass musste sie abgeben; Ortswechsel muss sie in Italien von der Polizei genehmigen lassen; das Haus darf sie nur zwischen 7 und 21 Uhr verlassen und muss ein rotes Büchlein bei sich führen - darauf notieren die Polizist*innen ihre tägliche Kontrolle. Außerdem darf sie ab 18 Uhr kein Geschäft mehr betreten, und öffentliche Veranstaltungen von Konzerten bis zu Kollektivtreffen sind ihr generell untersagt.

Digitale Treffen fallen allerdings nicht darunter, sie stellen eine Lücke im Gesetz dar und bleiben ihr möglich - auch wenn Facebook mittlerweile schon zweimal ihren Account geschlossen hat. Marcucci akzeptiert die gerichtlichen Vorgaben nicht. »Ich nehme keine Ratschläge von Menschen ohne Verstand an.« Schon gar nicht von jenen, »die diese illegitimen Maßnahmen gegen mich beschlossen haben«. Sie gibt sich weiterhin unbeugsam.

Dazu passende Podcast-Folgen:

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung