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In allerletzter Instanz

SCHWARZ AUF WEIß: Sheila Mysorekar fragt sich angesichts der WDR-Talkshow »In letzter Instanz«, was Medienhäuser eigentlich unter Meinungsvielfalt verstehen

  • Von Sheila Mysorekar
  • Lesedauer: 4 Min.

Einmal in meinem Leben möchte ich so dreist sein, so dermaßen von meiner Unfehlbarkeit überzeugt wie die Gäste der WDR-Talkshow »In letzter Instanz«. Wer das Glück gehabt hat, die neueste Folge dieser Sendung zu verpassen, hier eine kurze Zusammenfassung: Es war rassistische Scheiße. Fünf Weiße bestätigten sich gegenseitig, dass es völlig übertrieben sei, diskriminierendes Vokabular aus der Sprache zu entfernen. Also etwa Z-Sauce in Paprikasauce umzubenennen.

Nun ist es ja nichts Neues, dass Wohl und Wehe der deutschen Sprache an einer Ketchup-Variante festgemacht wird; wahrscheinlich zu Ehren unseres großen Dichters Friedrich Schiller und seiner »Ode an die Tomatenpampe«. Aber an dieser Show konnte man noch etwas Anderes ablesen: Hier wurde offensiv gezeigt, dass es den Entscheidern – also Redaktionsleitung und Produktionsfirma (übrigens die von Frank Plasberg) – völlig egal ist, welche Auswirkungen diese Art von Rassismus-Apologie auf diskriminierte Minderheiten haben könnte. Dass keine Betroffenen eingeladen waren, ist kein Zufall. Man will sie nicht dabei haben.

Die Logik geht folgendermaßen: Rassismus ist eine Meinung, Antirassismus ist auch eine Meinung, Antirassismus ist linksradikal. Wir – unsere Redaktion, unser Sender, unsere Zeitung – wollen auf keinen Fall in den Ruf kommen, links zu sein. Das mögen die Rechten (vor deren Shitstorm alle Angst haben) nämlich nicht.

Also laden wir eine*n Kommentator*in oder beliebige Talkshow-Gäste ein, die Minderheiten vorwerfen, sich nur anzustellen, weil »ich find das nicht rassistisch!« Und zack, sind wir auf der sicheren Seite. Die Rechten können uns nicht vorwerfen, dass wir nicht alle Meinungen berücksichtigt hätten. Mit anderen Worten: Minderheiten-Bashing als simpelste Form der Meinungsvielfalt.

Das ist die, na ja, nette Variante. Die nicht so nette Erklärung wäre: das ist Absicht. Minderheiten-Bashing bringt Aufreger, also Einschaltquoten, Klickzahlen, Reichweite. Dieser »temperamentvolle Meinungstalk«, so die Beschreibung des WDR, ist möglicherweise eine kalkulierte Provokation, ohne Rücksicht auf die Folgen, die dies langfristig für Minderheiten in diesem Lande hat – etwa für Sinti*zze und Rom*nja.

Solche Angriffe werden auch gerne ausgelagert, nämlich durchgeführt durch eine Person, die selber aus einer migrantischen Familie kommt, die also als Kronzeug*in gegen Minderheiten agiert. Solche Leute lassen sich immer finden: Eine Necla Kelek, die auf FPÖ-Veranstaltungen spricht, ein Ali Utlu, der sich als islamophober Hater profiliert, oder eine Fatina Keilani, die vor Kurzem im »Tagesspiegel« schrieb, dass Antirassismus für manche ein »Geschäftsmodell« sei. Diesen Leuten ist maximale Aufmerksamkeit sicher, denn sie werden auf höchster Ebene instrumentalisiert.

Aber warum haben Medienhäuser eigentlich solch eine Angst vor dem Shitstorm von Rechts? Es liegt womöglich daran, dass der öffentliche Diskurs schon so weit nach rechts gerückt ist, dass Antirassismus als linksradikal und gewalttätig geframed ist. Und das ist eine Gefahr für unsere Demokratie.

Der kurze Sommer der BlackLivesMatter-Proteste hat in deutschen Medien eine Debatte angestoßen, aber für manche war es anscheinend nur eine Modeerscheinung. Einerseits hat gerade der WDR sehr fortschrittliche Diversity-Programme wie »WDR grenzenlos«, wo gezielt junge Medienschaffende mit Migrationsbiografie gefördert werden; andererseits scheint dieses Bewusstsein nicht in allen Ecken des Senders angekommen zu sein.

Dennoch berichten auch weiße Journalist*innen kompetent über Diskriminierung – etwa darüber, warum Paprikasauce manchmal ein Politikum ist. »Alltagsrassismus ist kein Diminutiv von Rassismus. Er ist die Wurzel, von dem alles ausgeht. Und mit Sprache fängt es an«, schreibt Georg Restle, auch er ein WDR-Journalist. Karin Kuhn, die Unterhaltungschefin des WDR, sprach sich gestern für eine »nachhaltige Diskussion« zu Sprache und Rassismus in den Medien aus.

Für die Sendung »In letzter Instanz« entschuldigte sich der Sender schließlich und twitterte, dass jeder Gast »seine Meinung äußern« dürfe, aber dass bei einem »so sensiblen Thema« auch Menschen hätten mitdiskutieren sollen, »die andere Perspektiven mitbringen.« Und versprach, daraus zu lernen.

Gut, hier ist Lektion 1: Rassismus ist keine »Meinung«. Und Antirassismus ist keine »andere Perspektive«. Die Achtung der Menschenrechte – und dazu gehört Antirassismus – ist die Grundlage unserer Gesellschaft. Und damit auch des Journalismus.

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