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Das Grundrauschen der Macht

»Revolution«: Ein außergewöhnlicher Roman des belarussischen Schriftstellers Viktor Martinowitsch

  • Von Ingo Petz
  • Lesedauer: 5 Min.
Viktor Martinowitsch: Das Grundrauschen der Macht

Abraham Lincoln war der Meinung, man solle einem Menschen Macht geben, um seinen Charakter zu erkennen. Man könnte meinen, diese Einsicht habe Pate gestanden für den neuen Roman »Revolution« von Viktor Martinowitsch. Der belarussische Schriftsteller beschäftigt sich in vielen seiner Bücher und Essays mit den Auswirkungen von Macht, was daran liegt, dass seine Heimat eine Art Langzeitlaboratorium autoritärer Herrschaft ist. In »Paranoia« beispielsweise, Martinowitschs Debüt aus dem Jahr 2009, exemplifiziert er auch auf sprachlich atemberaubende Art und Weise, wie der böse Geist des Autoritarismus das Denken und Fühlen verhext.

Der belarussische Kulturraum war Teil des Russischen Zarenreiches und der Sowjetunion, in deren Anfangszeit Stalin mit dem Gift der dunklen Macht nicht nur den Belarussen den Schrecken gelehrt hat. Seit 1994 wird das Land von Alexander Lukaschenko regiert, der sich seit vergangenem Sommer nur noch mit extrem brutalen Mitteln an der Macht halten kann. Die Menschen begehren auf, wollen die autoritären Fesseln sprengen und selbst politische Verantwortung übernehmen. Aber darum geht es in »Revolution« nicht, auch wenn die Verlockung aufgrund des Titels groß ist, die Geschichte in die aktuellen Ereignisse einzuordnen. Was ist das Wesen von Macht? Das ist die Leitfrage, der Martinowitsch in dem Roman quasi phänomenologisch wie ein literarischer Forscher auf den Grund geht. Und zwar anhand des Protagonisten Michail Alexejewitsch German. Er ist Professor für Architektursemiotik. Ein Fachgebiet, das sich mit der Zeichenhaftigkeit von Architektur beschäftigt, also damit, wie Architektur und ihre unterschiedlichen Stile Bedeutung erwirkt, beispielsweise auch, wie der sowjetische Klassizismus Macht und Ideologie nicht nur versinnbildlicht, sondern auch Macht auf die Menschen ausübt und sie zur Unterwürfigkeit zwingt. Zeichen können aber alles mögliche sein: Wörter, Musik, eine Geste, bestimmte Geräusche. Die Interpretation von Zeichen und die Bedeutung von Zeichen, wie sie zwischenmenschliche Beziehungen prägen, beeinflussen, welche Macht sie letztlich über unsere Leben ausüben - das ist das Netz, aus dem Martinowitsch die Grundstruktur des Romans webt. Man kann auch sagen: Es ist das Grundrauschen dieses faszinierenden Buches.

Die Geschichte spielt im Moskau der Gegenwart, dieser »totalitären Schönheit«, wie der Ich-Erzähler die russische Hauptstadt beschreibt. Mit seinen tiefen Abgründen, seinen kriminellen Schattenleben, seiner Geschichte zweifelsohne ein guter Ort, um die Frage der Macht auszuloten. Und sie beginnt mit einer Art Schleudertrauma, denn so fühlt sich nicht nur German nach einem Autounfall, sondern auch der Leser, der in einen Sog aus Details, Reflexionen, Informationen, Namen und eben Zeichen gewirbelt wird. Der Effekt der Verwirrung und Haltlosigkeit ist von Martinowitsch gewollt. Allerdings ist es alles andere als leicht, der Geschichte in diesem Wirbel zu folgen. Dazu ist dieser German ein selbstverliebter Erzähler, der - ausgestattet mit einer Art High-End-Intellekt - zu überkandidelten und intellektualisierten Beobachtungsbeschreibungen, psychologischen Innenbeschauungen und philosophischen Ausflügen neigt, die nicht nur die Konzentration, sondern auch die Geduld des Lesers mitunter ordentlich strapazieren. In der literarischen Logik Martinowitschs muss German dieser anstrengende Herr der Zeichen sein, damit er eben die Rolle einnehmen kann, die sich im Laufe des Buches herausschält.

Dieser German kommt in Kontakt mit einer geheimen Organisation, für die er Aufträge ausführt. So muss er beispielsweise einen Zeugen vor Gericht spielen, auch wenn er mit dem eigentlichen Fall nichts zu tun hat. Mit den Aufträgen steigt German auf in dieser obskuren Organisation, zudem erfährt er auch berufliche Aufwertungen, die offensichtlich von der Organisation initiiert sind. Macht korrumpiert. Die moralische Degradierung Germans hat begonnen: »Aber nein, natürlich geschah nichts dergleichen, denn das Leben lässt uns keinen Raum für seelenrettende Erleuchtungen, man wird nicht über Nacht zum Arschloch, so wenig man sich über Nacht von einem Arschloch in einen Menschen zurückverwandeln kann. Du warst das Objekt, auf das ich das Beste, was ich noch in mir trug, fokussierte, aber Du konntest den Gesamtumfang dieses Guten nicht vergrößern, und es schmolz dahin, schmolz und schmolz.« Das Buch ist als Beichte an seine Freundin Olja angelegt, die allerdings - obwohl German sie angeblich so sehr liebt - sehr blutleer und wenig greifbar bleibt. Wie alle Frauen, die in dem Buch auftauchen. Für mächtige Männer sind sie eben meistens nur Projektionsflächen für sexuelle Begierden oder das Verlangen nach falsch verstandener Liebe.

Geleitet wird die Organisation von einem moralisch völlig verkommenen, aber hochintelligenten Mann, der Batja genannt wird, also Väterchen, was wiederum entfernt an Lukaschenko erinnert. Allerdings geht es dieser Bruderschaft nicht um die große Politik. Sie will das Klein-klein der zwischenmenschlichen Beziehungen beherrschen, und das Zeichengeflecht, in dem sich diese Beziehungen entfalten. So sagt dieser Batja zu seinem Zögling: »Der Einzige, der dir, Mischa, Macht verleihen kann, bist du selbst. Weil die Bevölkerung, auf die sie sich ständig berufen, benutzt werden will … ich baue lieber ein System auf, das ganz auf Intimität basiert, ohne Rhetorik und Täuschung. Du willst die Macht? Nimm sie dir! Und reiß dann schnell allen die Köpfe ab, die etwas dagegen haben.«

Es kommt, wie es kommen muss, in dieser verstörenden Geschichte, die die Synapsen zum Flimmern bringt, was auch an der geschmeidigen, schönsprachlichen Übersetzung von Thomas Weiler liegt. Auch wenn Martinowitsch das Buch ein wenig zu sehr mit philosophischen und anderen Exkursen und Namen und Zitaten aufgepumpt hat, auch wenn manche Wendung oder Charakterentwicklung nicht ganz so glaubwürdig ausfällt, ist die Rauschwirkung, den die Lektüre dieser dystopischen literarischen Machtstudie entfacht, nachhaltig. Es ist ein Rausch, der uns zu den Ursprüngen menschlicher Existenz wirbelt, wo es um Gut und Böse, Gott und Teufel, und um Leben und Tod geht.

Viktor Martinowitsch: Revolution. A. d. Russ. von Thomas Weile. Voland & Quist. 400 S., br., 24 €.

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