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Empathie für die Opfer

Jens-Christian Wagner von der Gedenkstätte Buchenwald über neue Formate des Gedenkens und Erinnerns

Im vergangenen Jahr mussten die Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Befreiung ausfallen. In diesem Jahr ist Ähnliches zu befürchten. Haben Sie deshalb auf der Homepage der Gedenkstätte einen Blog eingerichtet, in dem jeden Tag eine Geschichte erzählt wird?

Ein digitales Format zu wählen, ist Ergebnis der Überlegung, dass wir im April, zum Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald, vieles online machen müssen, was wir sonst in Präsenz taten. Zudem sind wir schon immer überzeugt, dass Gedenken Wissen braucht, weil die Hauptaufgabe unserer Tätigkeit an einem ehemaligen Ort des Terrors neben der Würdigung der Opfer natürlich die Bildungsarbeit ist. Es soll ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft gestärkt werden, und die Voraussetzung dafür ist erst einmal historisches Wissen. Dem digitalen Format des Blogs wird eine analoge Fassung der Texte folgen. Wir wollen Ende des Jahres das Ganze auch noch als Printpublikation in die Öffentlichkeit bringen.

Was wird in den kurzen Beiträgen erzählt?

Die Idee ist, zu zeigen, dass der Befreiung im April bzw. Mai 1945 eine Eskalation des Terrors vorausging. Die Befreiung hatten die Überlebenden schon vor Augen, gleichzeitig erhöhte sich die Todesbedrohung. Das war ein sehr ambivalentes Gefühl, zu wissen, die Alliierten kommen im Osten und Westen voran, die Befreiung steht bevor, aber nicht zu wissen, wie reagiert die SS auf diese Situation. Und tatsächlich reagierte ja nicht nur die SS, sondern es reagierten auch die Polizei und ganz normale Bürger mit einer Orgie der Gewalt. Stichwort: Todesmärsche. Wir brechen das Ganze bis auf persönliche Biografien herunter, die Empathie vermitteln.

Eines meiner Lieblingsexponate in unserem Blog: der Sonnenaufgang über dem Außenlager Holzen in Polen. Der polnische Lagerälteste schaut auf der Zeichnung, die der Franzose Camille Delétang zwei Tage nach der Befreiung von Warschau angefertigt hatte, hoffnungsvoll in Richtung aufgehende Sonne, in der geschrieben steht: »Polska 1945«. Die Befreiung naht.

Im Blog informieren Sie darüber, dass am Ende des »Dritten Reiches« noch viele Außenstellen des KZ Buchenwald geschaffen wurden, teilweise mitten in kleinen Dörfern.

Wenn man sich die Radikalisierung in den letzten drei, vier Kriegsmonaten anschaut, sieht man eine sehr dynamische Entwicklung. Sie geht quasi bis zum letzten Tag. Die Gewaltorgien finden in aller Öffentlichkeit statt. Wir haben ganz bewusst nicht nur Beiträge aus Buchenwald und Mittelbau-Dora ausgewählt, sondern auch von Außenlagern, die teilweise nur wenige Wochen vor der Befreiung eingerichtet worden sind. Das zeigt, wie weit der Realitätsverlust in der Führungselite, sowohl bei der SS, aber auch bei den vielen Kollaborateuren in der Wirtschaft, um sich gegriffen hatte.

Der Realitätsverlust begann mit der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad. Da war klar, dass der Krieg für die Deutschen verloren war. Aber statt die Niederlage einzugestehen, klammerten sich viele an die Hoffnung auf den »Endsieg« und gingen immer brutaler gegen die Verfolgten vor. Die Deutschen wussten weitgehend, welche Verbrechen seit 1939 begangen worden waren. Und deshalb glaubten viele der NS-Propaganda, die ihnen einredete, die Alliierten würden sich, wenn Deutschland den Krieg verliert, gnadenlos rächen. Also machten die meisten Deutschen bis Mai 1945 mehr oder weniger bereitwillig mit und ergaben sich nicht.

Wie hat sich das auf das Lagersystem ausgewirkt?

Es wurde weiter gequält und gemordet, gemäß der Propaganda der Nazis: bis zur letzten Patrone. Die meisten Häftlinge in den Konzentrationslagern kamen erst 1944/45 zu Tode. Die Rüstungsprojekte, die zum Schluss in den Außenlagern noch auf den Weg gebracht wurden, sollten die Wende im längst verlorenen Krieg herbeiführen. Doch dort wurden keine Waffen mehr produziert, sondern nur der massenhafte Tod von Häftlingen und Zwangsarbeitern.

Der Blog gehört zum »Countdown zur Befreiung«. Was ist noch vorgesehen?

Der Blog findet sich auf der Internetseite www.liberation.buchenwald.de. Das ist erst der Anfang. Zum einen wird es Statements von Überlebenden geben, die wir jetzt gerade einholen. Dann wollen wir ehemalige internationale Freiwillige befragen, die in den letzten 30 Jahren in der Stiftung gearbeitet haben: Welche Auswirkungen hatte die Tätigkeit in den Gedenkstätten Buchenwald oder Mittelbau-Dora auf ihre weiteren Lebenswege? Und dann wird auf der Seite noch ein reichhaltiges analoges Programm zu finden sein, das sich bis in den Sommer hineinzieht.

Sie kennen die Gedenkstätte Buchenwald sehr gut, haben viele Forschungen zu Mittelbau-Dora vorgenommen und waren dann dort auch Leiter. Was haben die Außenlager im Wirtschaftssystem der Nazis für eine Rolle gespielt?

Ich glaube, wenn man sich nur die KZ-Außenlager anschaut, war die wirtschaftliche Bedeutung nicht sehr relevant. Wenn man aber die vielen anderen Menschen dazu zählt, die Zwangsarbeit leisten mussten, Zivilisten und Kriegsgefangene, dann muss man feststellen, dass die deutsche Kriegsmaschinerie ohne diese schon viel früher zusammengebrochen wäre. Immerhin mussten zwanzig Millionen Menschen, fast alle aus dem Ausland, Zwangsarbeit für die deutsche Wirtschaft leisten. KZ-Häftlinge wurden ab 1942 in der Rüstungsindustrie zur Zwangsarbeit eingesetzt. Das ist im Grunde das Tragische: Diese Menschen wurden gezwungen, an der Verlängerung ihres eigenen Leidens zu arbeiten. Am deutlichsten sichtbar ist dies in Dora, wo die Häftlinge gezwungen wurden, Waffen herzustellen, die gegen ihre eigenen Familienangehörigen in ihren Heimatländern gerichtet sind würden. Es gab in Dora viele belgische Häftlinge, und es sind etliche V 2-Raketen auf Belgien abgeschossen worden.

Was planen Sie zum bevorstehenden Jahrestag der Befreiung?

Letztes Jahr haben wir noch gesagt: Wir holen 2021 alles so nach, was für 2020 geplant war. Das war ziemlich blauäugig. Dann sind wird auf ein hybrides Format gegangen, also eine Mischung aus Präsenz und digital. Wir gehen momentan noch davon aus, dass es am 11. April eine Veranstaltung im Weimarer Nationaltheater geben wird. Was wir wegen der speziellen Situation nicht geplant haben, ist ein Besuchsprogramm mit Überlebenden, auch wenn sicherlich einige kommen werden. Unbedingt kommen möchte Éva Fahadi-Pusztai, die auch eine der beiden Hauptredner*innen im Nationaltheater sein soll. Sie hat bei ihren ungarischen Behörden extremen Druck gemacht, dass sie geimpft wird. Dieser Tage schrieb mir die 95-Jährige erleichtert: »Ich bin geimpft, ich kann kommen.« Ihr größter Wunsch sei es, »so knackig wie nie zuvor mit meinen Kameraden auf dem Appellplatz zu stehen«.

Sie sind seit Oktober vergangenen Jahres neuer Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Was haben Sie sich persönlich vorgenommen?

Mit unseren Themen noch stärker in die Gesellschaft zu gehen und dazu beitragen, das Geschichtsbewusstsein zu stärken - weil wir vor einem Umbruch stehen. Das ist zum einen der Abschied von der Zeitgenossenschaft. Zweitens: Wir leben in einer digitalen Gesellschaft, in der der Zugriff auf Informationen im Wesentlichen über das Netz erfolgt. Dort steht völlig ungefiltert alles Mögliche. Das bemerken wir auch an Besuchern der Gedenkstätte, die sich im Internet etwas angelesen haben und dann geschichtsrevisionistischen Unsinn verbreiten. Wir müssen die digitalen Inhalte ausbauen, um dem mit fundierten Informationen zu begegnen. Und drittens haben wir es mit einem Erstarken des Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus zu tun, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Daher müssen wir umso stärker präsent sein, Haltung zeigen, Glaubwürdigkeit ausstrahlen.

Und in der historisch-politischen Bildung müssen wir den Blick noch stärker auf die NS-Gesellschaft richten als eine Gesellschaft, die radikal rassistisch organisiert war. Wir müssen fragen, warum die meisten Deutschen bereitwillig mitmachten, und dann können wir auch Aktualitätsbezüge herstellen, indem wir zum Beispiel den Blick auf Kriminalisierungsdiskurse der Nazis gegenüber den Ausgegrenzten und Verfolgten werfen. Das ist nicht so weit entfernt von der heutigen Kriminalisierung von Flüchtlingen.

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