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Distanzhalten ist in Kitas nicht möglich

Teil 10 unserer Serie über Menschen in Berufen, die die Coronakrise besonders trifft

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.
Erzieherinnen: Distanzhalten ist in Kitas nicht möglich

»Ich würde gern mal wieder zur Arbeit gehen und nicht denken müssen: Hoffentlich hat niemand etwas«, sagt Eva Heinlein. Die 31-jährige Erzieherin arbeitet seit zwei Jahren in einem Kinderladen nahe des S-Bahnhofs Neukölln. 24 Kinder, sieben Kolleg*innen: eine vergleichsweise kleine Einrichtung. An dem seit März vergangenen Jahres andauerndem Grundproblem fast aller Kita-Mitarbeiter*innen ändert das nichts. »Seit Beginn der Pandemie habe ich im Grunde normal gearbeitet, das heißt: ohne Abstand und bei den Kleinsten auch ohne Maske.« Von der vielbeschworenen Corona-Formel AHA bleibt damit nur noch das Hygiene-H.

Anders gehe es aber gerade im Krippenbereich nicht, so Heinlein. Denn bei den Allerjüngsten führe das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zu einer enormen Verunsicherung. »Hier funktioniert alles über Mimik.« Zugleich ist in genau dieser Gruppe der Unter-Dreijährigen körperliche Distanz ein Ding der Unmöglichkeit. »Ich trage die Kinder ja herum, sie schlafen auf meinem Arm ein, ich wickele sie. Wenn nur eines von ihnen infiziert wäre, dann wäre ich es auch.«

Auch deshalb hat die Kreuzbergerin ihre Sozialkontakte im Privaten »deutlich reduziert«, wie sie - auf Abstand bedacht - während eines Spaziergangs bei klirrender Kälte erzählt. Einerseits erschwerend, andererseits ganz klar erleichternd kommt bei Heinlein hinzu, dass sie in einer Fünfer-WG lebt. Hier die Mitbewohner*innen nebst Freund*innen, dort die Krippenkinder nebst Kolleg*innen: »Das ist in beide Richtungen der Horror«, sagt sie mit Blick auf das Infektionsrisiko.

Erkrankt sei - »Mist! Hier ist kein Holz, auf das ich jetzt klopfen kann!« - in den zurückliegenden elf Monaten zum Glück noch niemand. Heinlein betont, dass Erzieherin unverändert ihr Herzensberuf ist. Trotzdem bleibe die Furcht vor einer Ansteckung eine treue Begleiterin. Sie nennt es »den krassen Spagat zwischen dem Wunsch, den Kindern Verlässlichkeit, Ruhe und Geborgenheit geben zu können und damit auch Angstfreiheit zu vermitteln, und der eigenen Angst, mich anzustecken«.

Um die Folgen eines etwaigen Corona-Ausbruchs irgendwie zu reduzieren, arbeiten Heinlein und ihre Kolleg*innen derzeit im Wochenwechsel, wobei die Zahl der zu betreuenden Kinder zuletzt stets unter der von der Bildungsverwaltung gesetzten Quote von 50 Prozent lag. Schwierig für die Leitung des Kinderladens seien hier vor allem die Wochen gewesen, als es der Senat lediglich bei Appellen an die Eltern belassen hatte, ihre Kinder möglichst zu Hause zu bespaßen und nur im »Notfall« in die Kitas zu schicken. »Diese schwammige Formulierung vom Notfall - jetzt entscheide mal, was ein Notfall ist. Und jeder Mensch hat auch eine andere Vorstellung davon, was ein Notfall ist.«

Die studierte Bildungswissenschaftlerin sagt, dass ihr in der Zeit deutlich geworden sei, unter welchem Druck Eltern stehen. »Die schicken ihre Kinder ja in der Regel deshalb in die Notbetreuung, weil sie arbeiten gehen müssen, im Homeoffice überlastet sind, ihnen ihre Chefs im Nacken sitzen, weil einfach erwartet wird, dass sie normal weiterfunktionieren, als gäbe es keine Pandemie.« An diesem Punkt wird die überzeugte Antikapitalistin dann auch grundsätzlich. »Hab einfach kein Leben mehr, aber Arbeiten, das läuft weiter: So funktioniert das nicht, so kriegen wir die Infektionszahlen nicht runter.« Heinlein plädiert dafür, »alles, und zwar inklusive der Arbeit, auf null runterzuschrauben«.

Dass man in Berlin davon meilenweit entfernt ist, sei ihr bewusst. »Es wird ja schon wieder über Lockerungen diskutiert. Wahrscheinlich werde ich in wenigen Wochen schon wieder halbwegs im Normalbetrieb arbeiten. Mutationen hin oder her.«

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