Die Mär von der Zvilisierung

Mark Terkessidis über deutschen Kolonialismus und postkoloniale Erinnerungskultur

  • Von Eleonora Roldán Mendívil
  • Lesedauer: 3 Min.

Das neuste Buch des Migrationsforschers Mark Terkessidis gibt einen umfassenden Überblick über koloniale Betätigungen aus deutschsprachigen Territorien seit dem 16. Jahrhundert, über die kolonialen Eroberungen des Deutschen Kaiserreiches, bis hin zu aktuellen postkolonialen Debatten und Erinnerungskultur in der Bundesrepublik. Sein Hauptaugenmerk gilt den von der offiziellen deutschen Geschichtsschreibung ausgelassenen Kapitel Geschichte. So verweist er unter anderem auf die weniger bekannte Tatsache, dass es zwei bayerische Handelsfamilien waren, die Fugger und Welser, die schon in der frühen Neuzeit in Plünderung, Vertreibung und Ausrottung der indigenen Bevölkerung im heutigen Venezuela involviert waren.

Terkessidis zieht eine Linie von den Genoziden in Nord- und Südamerika, die in deutscher Verantwortung geschahen, über die Forschungsreisen des Namensgebers der ältesten Universität Berlins, Alexander von Humboldt, der Anwerbung deutscher Kolonialisten in Ländern wie Brasilien Anfang des 19. Jahrhunderts, bis hin zu den deutschen kolonialen Ansprüchen in Afrika zu gleicher Zeit. Die Geschichte des deutschen Kolonialismus begann eben nicht erst mit der Berliner Konferenz 1884/1885, auf der die europäischen Kolonialmächte sowie die USA und das Osmanische Reich sich den afrikanischen Kontinent untereinander aufteilten. Terkessidis macht auch auf eher marginale und doch nicht unbedeutende Ereignisse aufmerksam. So entstand 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, die erste Moschee auf deutschem Boden; nicht von Einwanderern erbaut, sondern vom Kaiser in Auftrag gegeben. Muslimische Kriegsgefangene, die für die Entente-Mächte, also ihre Kolonialherren, gegen Deutschland und dessen Verbündete kämpfen mussten, sollten nun für die Deutschen gegen Großbritannien und Frankreich in den »Heiligen Krieg«, Dschihad, ziehen. Damit verbunden war die Intention, dass jene, nach dem Krieg in ihre Heimat zurückkehrend, ein positives Bild von den Deutschen und Deutschland mit nach Hause nehmen. Was teils sogar aufging.

Sodann erweitert Terkessidis die Diskussion um die Frage, warum Preußen und später das Deutsche Reich in Ost- und Südosteuropa, etwa in Griechenland, nicht als koloniale Macht verhandelt wird. Preußens territoriale Ambitionen in Polen reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Die Haltung zu den östlichen und südlichen Nachbarn stand der rassistischen Abwertung, den kolonialen Zielen und Methoden in Afrika und Ozeanien nicht nach, betont der Autor.

Beleuchtet wird die gesellschaftliche Repräsentation und Reflexion zu verschiedenen Zeiten in Museen, Schulbüchern und in der Wissenschaft. Anhand konkreter Beispiele wird deutlich, wie die Relativierung und Verharmlosung deutscher Täterschaft und deutscher Verbrechen unter dem Deckmantel einer angeblichen »Zivilisationsmission« vonstatten gingt. Bis heute hat sich damit einhergehend das euphemistische Narrativ von »Abenteurern« und »Entdeckern« aufrechterhalten. Die hierzu konträren Stimmen der Kolonisierten und ihrer Nachfahren, die ganz andere Erfahrungen gemacht haben, finden kaum öffentlich Gehör. Forderungen nach Reparationen, Entschädigungen oder Rückführung von gestohlenen Kulturgütern sowie spirituellen Gegenständen, aber auch menschlichen Überresten (Mumien, Schädel) werden nach wie vor verweigert oder verzögert. Illegitim oder mit Lug und Trug erworbene Exponate sind weiterhin in deutschen Museen öffentlich ausgestellt.

Doch das verstärkte Engagement von Initiativen und Organisationen, die sich als Interessenvertreter der ehemals Kolonisierten verstehen, eröffnet neue Chancen. Die Debatte ist im vollen Gange. Es wird über anstößige Faschingskostüme, diskriminierende Namen von Süßigkeiten und bedenkliche Inhalte in Schulbüchern diskutiert. Terkessidis ist es wichtig, klarzustellen, dass es in der postkolonialen Aufarbeitung nicht nur um eine Veränderung von Bildern und Sprache geht, sondern ebenso materielle Konsequenzen zu ziehen sind. Er klagt die Beteiligung Deutschlands an der Aufrechterhaltung oder gar am Ausbau der Festung Europa gegen Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten an sowie rassistische Diskriminierung, die für Millionen von Menschen in der Bundesrepublik Alltag ist.

Mark Terkessidis: Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute. Hoffmann und Campe, 222 S., geb., 22 €.

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