Die Macht der Mutanten

Trotz des sinkenden Inzidenzwertes wird der Lockdown wohl verlängert

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 4 Min.

Bisher waren Mutanten dann doch eher eine Angelegenheit für (Trash-)Literatur, Filme und Videospiele - für eine fiktionale Welt also. Dass Mutanten in der Realität eine ganz natürliche, alltägliche und mitunter auch gefährliche Erscheinung sind, dürfte den meisten wohl erst mit der Covid-19-Pandemie und den Veränderungen des Coronavirus richtig bewusst geworden sein. »Neue Virusvarianten entstehen fortlaufend, das gehört zur Evolution. Allerdings ist es bemerkenswert, wie schnell sich diese neuen, besser an den Menschen angepassten Varianten global ausbreiten«, erklärte dazu der Direktors des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena, Mathias Pletz, am Dienstag.

B.1.1.7 und B.1.351 heißen die Coronavirus-Varianten profan - die erste aus Großbritannien, die zweite aus Südafrika. Sie setzen sich, weil ansteckender, in immer mehr Ländern durch, machen die dortigen Lockdown-Anstrengungen zunichte und bringen ganze Gesundheitssysteme ins Wanken und darüber hinaus. Die Virus-Mutationen bereiten auch den politisch Verantwortlichen hierzulande große Sorge. So große Sorge, dass der nun schon diverse Male verlängerte Lockdown trotz des stetig sinkenden Inzidenzwertes wohl auch nach den erneuten Bund-Länder-Beratungen am Mittwoch noch nicht sein Ende finden wird. Sorgen sind es jedoch auch, die gleichzeitig den Druck auf Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten erhöhen, einen Ausweg aus den ständigen Lockdown-Verlängerungen zu finden: die Sorge vieler Betroffenen um ihre Existenz etwa, die vor den wirtschaftlichen Folgen oder die um die Zukunft der Schülerinnen und Schüler.

So zeichnete sich am Tag vor den Beratungen ab, in welche Richtung ein Beschluss der Beteiligten gehen könnte: Vorsicht walten lassen angesichts der Mutanten und den Lockdown verlängern, gleichzeitig aber Perspektiven für Lockerungen eröffnen. Der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) etwa erklärte im Deutschlandfunk, man müsse »einerseits sensibel weitermachen mit dem eingeschlagenen Weg, um noch mehr zu erreichen, andererseits aber auch schon deutlich machen, wenn es losgeht mit den Öffnungen, wo geht es dann los und in welchen Schritten?« Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) erklärte, mit Blick auf die Virusvarianten sei es sicherlich richtig, wenn die Eindämmungsmaßnahmen noch einmal verlängert würden. »Aber gleichzeitig muss es auch einen Perspektivplan geben«, so Schwesig.

Ähnlich äußerten sich zahlreiche weitere Länderchefs, Gesundheitsexperten und Vertreter der Parteien und Fraktionen aus Bundestag und Landesparlamenten. So auch der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen: »Symbolpolitische Öffnungen wie bei Friseursalons wären ein Geschenk für das Virus«, erklärte der Bundestagsabgeordnete und Arzt. »Wir sollten nicht den Fehler anderer Länder wiederholen, die nach zu schnellen Lockerungen einen Rückfall erlebt haben«, so Dahmen. »Ob wir lockern können oder nicht, sollten wir in einem einheitlichen Risikostufenschema und an einer Checkliste mit mehreren Kriterien festmachen.« Dies müssten Bund und Länder endlich vorlegen.

Einer der Punkte, die Politik und Betroffene beim Thema Lockerungen besonders umtreiben, ist dabei nach wie vor die Bildung. Simone Oldenburg, Chefin der Linksfraktion im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und deren bildungspolitische Sprecherin, verwies am Dienstag auf die prekäre Situation: »Schon heute haben die Kinder und Jugendlichen massive Wissenslücken und Defizite, sie sind ihrer Spiel- und Lernkameradinnen und -kameraden beraubt, werden zunehmend krank an Leib und Seele«, so Oldenburg. »Ein Jahr lang hatten Bund und Länder Zeit, gangbare Wege für die Kinder und Jugendlichen zu entwickeln und sie nicht ihrer Zukunft zu bestehlen. Aber während diese ihre Hausaufgaben machen, wenn auch oft am Küchentisch, haben dies die Regierungsverantwortlichen nicht getan.«

Auch andere Experten warnten am Dienstag erneut vor den möglichen negativen Folgen der andauernden Schulschließungen Diese führten nicht nur zu Leistungsverlusten, sondern gerade für Kinder »aus bildungsfernen Schichten« sei Schule oft einer der wichtigsten sozialen und emotionalen Bezugspunkte, erklärte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. »Genau da liegen die entscheidenden Risiken des zweiten Lockdowns.« Für diese Schüler und kleine Kinder, für die digitales Lernen keine Alternative sei, wüchsen die Risiken »überproportional zur Länge des Lockdowns«, so Schleicher. Mit Blick auf das weitere Vorgehen forderte er, dass kleine Kinder und Kinder mit Benachteiligung beim Präsenzunterricht systematisch Vorrang haben müssten.

Die Gefahr einer zunehmenden sozialen Spaltung sieht auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Unzureichende digitale Infrastruktur und Lehrkräftemangel träfen gerade Kinder aus ohnehin benachteiligten Elternhäusern besonders, erklärte GEW-Chefin Marlis Tepe, fügte aber auch hinzu, dass viele Schulen den Lockdown gut gemeistert hätten. »Schon heute von einer verlorenen Generation zu sprechen, wird der Realität nicht gerecht: Das wirkliche Leben ist komplexer.« Mit Agenturen

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