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Raus aus dem Berliner Ring

Aktivisten wollen angesichts schwindender Freiräume soziales Zentrum aufbauen

Die Fenster sind eingeschlagen und die Türen zugemauert. Seinen einstigen Glanz hat das DDR-Sporthotel in Hohenschönhausen verloren. In der Nachbarschaft gibt es neben einem Fitnessstudio und dem Discounter eher wenig soziale Infrastruktur. Gerade deshalb wäre es für eine Gruppe Berliner der ideale Ort für ihr Vorhaben.

Yuri ist einer von ihnen. Er ist ausgebildeter Bühnenbildner und seit zehn Jahren in verschiedenen linken Gruppen aktiv. Mit dem »Kollektiv e. V.« sucht er nach einem geeigneten Ort für ein soziales Zentrum nach italienischem Vorbild. »In Italien sind die sozialen Zentren in der Gesellschaft verankert und weniger subkulturell geprägt, Vergleichbares gibt es hier nicht«, sagt er. Konkret stellt sich Yuri ein Haus vor, das verschiedene Bereiche unter einem Dach vereint. So soll es nicht nur Wohnungen geben. Eine Kita, Raum für Veranstaltungen sowie Werkstatt und Garten würden so ein Zentrum erst ausmachen. Entstehen soll ein Ort für die Nachbarschaft. Statt wie in vielen linken Zentren, in denen sich vor allem eine subkulturelle Gruppe wiederfindet, soll in dem, das Yuri vor Augen hat, der Nachbar von gegenüber beispielsweise seinen Geburtstag feiern.

Er ist überzeugt, das Sporthotel in Hohenschönhausen wäre ein mögliches Objekt, wo sich das - mit erheblichem Sanierungsaufwand - verwirklichen ließe. Vom Eigentümer hat die Gruppe zwar noch keine Rückmeldung. Doch wo es am Ende wirklich hingeht, ist sowieso noch offen. Nur eines ist klar: »Wir wollen raus aus dem Ring.«

Dass in der Innenstadt die Quadratmeterpreise noch einmal höher sind als in den Randbezirken, habe mit dem Entschluss nichts zu tun. Wichtig sei ihnen, dorthin zu gehen, wo es wenig soziale Infrastruktur gibt und wo die Nachbarn besonders von Erwerbslosigkeit betroffen sind. »Es geht auch nicht darum, dass es dann eine Wanderschaft von Kreuzberg nach Marzahn gibt. Das Ziel ist die Verankerung im Leben der Menschen vor Ort.«

Yuri ist sich sicher, dass das auf Anklang stoßen wird. So würde es beispielsweise in Marzahn an Kitaplätzen mangeln, weshalb es Eltern freuen dürfte, wenn ein soziales Zentrum mit so einem Angebot hinzukommt, sagt er. In der nächsten Zeit will die Gruppe in den Berliner Ostbezirken Passanten fragen, welche Einrichtungen sie sich für ihre Nachbarschaft wünschen.

Das Vorhaben ist auch eine Reaktion auf zwei Punkte, die Yuri an den linken Szenen kritisiert. Einerseits, so sagt er, würde Potenzial dadurch verschenkt, dass der politische Fokus vor allem auf den Innenstadtbezirken liegt. Das andere Problem hätte sich beispielsweise bei der Räumung des Hausprojekts Liebig 34 gezeigt. Oftmals würden sich vor allem Aktivisten und weniger die Nachbarn für den Erhalt solcher Räume einsetzen. Denn, so meint Yuri: »Linke Orte haben den Anschluss an ihre Nachbarschaften verpasst, deshalb ist die Lage auch so, wie sie ist.« Trotzdem erkennt er an, dass sich die Stadtteile, in denen beispielsweise Hausprojekte stehen, in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt haben. Gegenüber in der Eigentumswohnung ist man mitunter weniger daran interessiert, dass es solche Orte gibt.

Um die Gefahr, dass ein soziales Zentrum, wie er es sich vorstellt, gerade in einer Umgebung mit finanziell schwachen Nachbarn der Aufwertung des Stadtteils Vorschub leisten kann, weiß Yuri.

Zwar würde das nicht nur von ihnen abhängen, sagt er. »Wir können aber darauf schauen, dass nicht nur Studenten einziehen sondern Empfänger von Transferleistungen oder die alleinerziehende Mutter mit Kind.«

Bis seine Vision Gestalt annimmt, wird es dauern. Neben der Herausforderung, ein passendes Objekt zu akzeptablen Konditionen zu finden, seien die Finanzen die größte Baustelle.

Ein erster Finanzplan rechnet mit knapp über einer Million Euro, die benötigt wird. Wahrscheinlich reiche das nicht einmal, gibt Yuri zu. Die Vorfinanzierung für den Kauf soll über Privatkredite laufen. Deshalb fängt der Verein gerade an, auf mögliche Unterstützer zuzugehen. Später soll das Projekt dann durch die Mieten der Bewohner finanziert werden.

Auch wenn das Vorhaben gerade erst in den Startlöchern steht, ein Name steht jedenfalls schon fest. Anton-Saefkow-Haus soll das soziale Zentrum heißen. Benannt nach einem Berliner Kommunisten und Widerstandskämpfer, den die Nationalsozialisten 1944 hinrichteten.

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