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Willkommen in der Traumafabrik

Empathisch und humorvoll erzählt Hengameh Yaghoobifarah in dem Romandebüt »Ministerium der Träume« die Geschichte der Beinahe-Boomerin Nasrin, die ihre Schwester verliert

  • Von Nelli Tügel
  • Lesedauer: 4 Min.
»Und wovon träumst du, Nasrin?«: In der Enge des eigenen Zuhauses findet man manchmal keinen Platz.
»Und wovon träumst du, Nasrin?«: In der Enge des eigenen Zuhauses findet man manchmal keinen Platz.

Der orangerote große Kreis auf dem pinken Cover ist zunächst nur ein ästhetischer Hingucker - nach der Lektüre von »Ministerium der Träume«, dem Debütroman von Hengameh Yaghoobifarah, erscheint er als die Verbildlichung der Krater. Die Krater sind die Stellen in den Erinnerungen der Protagonistin Nasrin, in denen das vergraben liegt, woran sie nicht denken möchte, und in die sie immer wieder abzustürzen droht.

Dabei hat Nasrin schon mit der Gegenwart alle Hände voll zu tun: Wegen des Todes ihrer jüngeren Schwester Nushin ist die Mittvierzigerin plötzlich verantwortlich für deren pubertierende Tochter Parvin. Als wäre die Trauer nicht herausfordernd genug, muss Nasrin, die als Türsteherin in einer Berliner Bar arbeitet und sich für ziemlich jugendlich und unorthodox hält, feststellen, dass sie im Umgang mit der 14-Jährigen auch nur eine latent überforderte Fast-Boomerin ist. Nachdem Parvin beim Schlüpfer-Klauen im Karstadt erwischt wird, ist Nasrin stinkwütend, stört sich aber auch an der eigenen Bigotterie. (»Finden wir Dieb:innen auf einmal schlecht? Als Nushin gezockt hat, habe ich sie dabei unterstützt und ihr sogar manchmal eine Wunschliste mitgegeben.«) Als sie Parvin und eine Freundin zugeballert zu Hause antrifft, stellt sie beide zur Rede (»Ich hätte zum Beispiel gerne gewusst, seit wann du überhaupt kiffst. Und woher das Gras ist. Hat sie es mitgebracht? Oder wer hat es dir gegeben? Wieso bis du so frech zu mir?«) und fühlt sich dabei selbst »wie ein Clown, der einen FBI-Sketch spielt«. Dass das Gras, wie sich herausstellt, ihr eigenes war, macht die Sache nicht besser - die ganze Szene dafür umso köstlicher.

Nasrin möchte für ihre Nichte da sein, ist aber immer wieder mit Situationen konfrontiert, auf die sie niemand vorbereitet hat. Erschwerend kommt hinzu, dass in der Trauer um die Schwester beziehungsweise Mutter Nasrin und Parvin sich und ihre Geheimnisse voneinander abschirmen - und unwillkürlich darum konkurrieren, wer der verstorbenen Nushin näher stand. Für Nasrin ist klar: Keine kannte Nushin besser als sie, denn die Schwestern hatten eine besondere Beziehung. Als Kinder flohen sie gemeinsam mit der Mutter aus Teheran vor dem Iran-Irak-Krieg, verloren den Vater, landeten in der Lübecker Hochhaussiedlung Hudekamp und übernahmen dort schnell füreinander Verantwortung. Oder besser gesagt: Nasrin musste für die kleine Schwester Verantwortung übernehmen. Sie ist meist diejenige, die sich kümmert und aufpasst - aber niemand ist da, um sich auch um sie zu kümmern, denn die Mutter ist emotional unerreichbar. In einem Gespräch über den Familienfreund Manoucher, der im Iran gefoltert wurde, ebenfalls floh und der Familie in Lübeck über Jahre hilft, fragt sich Nasrin, wer eigentlich für die Starken da ist, wenn diese mal Unterstützung brauchen. Es geht um Manoucher, aber auch um sie selbst.

Nasrin ist jedenfalls überzeugt davon, als einzige gewusst zu haben, wie es Nushin wirklich ging - und deshalb ist sie auch sicher, dass deren mutmaßlicher Unfalltod ein Suizid gewesen ist. Dass der Tod tatsächlich weder Unfall noch ein von arabischen Automechanikern verübter »Ehrenmord« war, wie die Polizei meint und Nasrins Mutter sofort bereit ist zu glauben (»Diese ekelhaften Araber. Da haut man wegen ihnen aus der Heimat ab, und dann erwischen sie meine arme Tochter in Deutschland!«), lässt sich schnell erahnen. Die Suche nach der Wahrheit gestaltet sich so spannend wie ein Krimi. Für Nasrin bedeutet diese Suche, akzeptieren zu lernen, dass sie doch nicht alles über ihre Schwester wusste.

Und sie bedeutet, dass Nasrin in die Krater hinabsteigen und nach Lübeck-Hudekamp zurückreisen muss, das sie und Nushin einst gemeinsam verlassen haben. Auch darum geht es in »Ministerium der Träume«: Dass Berlin nicht nur eine Hipsterhölle ist, sondern ebenso Zuflucht bietet für jene, die in den Hochhaussiedlungen der - in diesem Fall westdeutschen - Provinz in den 1990er Jahren von Nazis gejagt wurden und in der Enge des eigenen Zuhauses keinen Platz fanden. »Und wovon träumst du, Nasrin?«, wird die Protagonistin in einer der Rückblenden gefragt, die die Gegenwart des Romans immer wieder unterbrechen. »Lebend aus diesem Viertel rauszukommen, diesem Ort, wo jeder Traum vom Treppenhausgeruch erstickt wird und Wut das einzige Gefühl ist, das dich nicht wie ein Opfer dastehen lässt«, denkt Nasrin und sagt: »Ich weiß es nicht«.

Dabei gelingt Hengameh Yaghoobifarah eine nuancierte Beschreibung des Ortes, der für Nasrin und Nushin zur Traumafabrik wird und sie bis in die Gegenwart verfolgt; wo es aber auch Nachbarschaft und Freundschaft gibt, wo sich die Ausländerkids zusammenschließen, um Kampfsport und politische Theorie zu lernen, wo sich Nasrin zum ersten und zum zweiten Mal verliebt. Und wo sich schließlich auch die Lösung findet zu dem Rätsel, das Nushins Tod zu Beginn des Romans aufgegeben hat.

Hengameh Yaghoobifarah: Ministerium der Träume. Blumenbar, 384 S., geb., 22 €.

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