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Der Schaumschläger

George Orwells »1984« ist ein notorisch missverstandenes und instrumentalisiertes Buch. Doch schlimmer als der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck hat es vorher keiner getrieben - im Vorwort zur Neuübersetzung

  • Von Frédéric Valin
  • Lesedauer: 6 Min.
Für Habeck ist »1984« ein Stück Zahnseide, um die eigene Visage aufzupolieren; das hat der Roman nicht verdient.
Für Habeck ist »1984« ein Stück Zahnseide, um die eigene Visage aufzupolieren; das hat der Roman nicht verdient.

Was hat George Orwells »1984« uns heute noch zu sagen? Die Frage scheint albern, sind doch viele Versatzstücke der Orwell’schen Dystopie in heutige Diskurse eingesickert. Der Big Brother wurde sogar zu einer eigenen Fernsehsendung verballhornt, Wendungen wie »Neusprech«, »Gutdenk«, »Doppeldenk« oder »Wahrheitsministerium« sind immer noch verbreitet. Und der Dreisatz sich kritisch gebender Geister - dass Krieg Frieden sei, Freiheit Sklaverei und Unwissenheit Stärke - ist Pointe vieler Texte.

Kurz zusammengefasst, handelt »1984« von Winston Smith, der in einem stalinistischen London als Fußsoldat der Partei seiner Tätigkeit als Geschichtsrevisor nachgeht. Er ist ein subalterner Teil der Partei, die Großbritannien kontrolliert und vom »Großen Bruder« geführt wird. Er ist bereits skeptisch gegenüber der Propaganda, als er beginnt, Tagebuch zu schreiben, und sich in seine Kollegin Julia verliebt, die Teil des Widerstands ist. Sie erwidert seine Liebe, sie mieten sich heimlich ein Zimmer und planen ihre Zukunft, werden aber von der Gedankenpolizei aufgegriffen; sie werden gefoltert, verraten sich gegenseitig und fügen sich anschließend klaglos ein ins Glied. Als Winston Smith sicher ist, dass er den Großen Bruder liebt, endet das Buch.

Bereits 1980 schrieb Isaac Asimov eine umfassende Kritik zu »1984«, der noch heute wenig hinzuzufügen bleibt. Ein großes Missverständnis ist die Ansicht, so stellt es auch Asimov fest, dass es sich bei George Orwells Buch um Science Fiction handele. Tatsächlich ist es eine bis ins Groteske verzerrte Fantasie, wie Orwell sich eine Welt unter der Knute des Stalinismus vorstellt. George Orwell, ein bürgerlicher Dandy-Linker, hat alle radikaleren Formen linker Politik gehasst. Insbesondere Intellektuelle verachtete er. Seine Motivation, das Buch zu schreiben, umschrieb er so: »Ich glaube nicht, dass es die von mir beschriebene Art von Gesellschaft, tatsächlich geben wird, aber ich glaube, dass es etwas Ähnliches geben könnte. Überall auf der Welt haben sich totalitäre Ideen in den Köpfen der Intellektuellen festgesetzt, und ich habe versucht, diese Ideen logisch zu Ende zu denken.«

Was Orwell »logisch« nennt, hält aber überhaupt nicht zusammen. In seinem Roman bleibt völlig unklar, wie der Repressionsapparat von Big Brother funktionieren soll. Ständig fällt alles aus im London von »1984« - nur die Fernsehschirme nicht? Alle werden 24 Stunden am Tag überwacht - von wem, wie viele Leute sind dazu nötig und wer überwacht die dann wiederum? Für eine Entwicklung wie das Social-Scoring-System in China fehlte Orwell schlicht die Fantasie; das ist auch der Grund für seine Misanthropie. Alle seine Figuren sind entweder traurige oder sadistische Gestalten, die zur Interaktion überhaupt nicht fähig sind, sie aber wie etwas Unbestimmtes vermissen. Für dieses Unbehaustsein macht das Buch das Regime allein verantwortlich, nur bei der Unterschicht (den »proles«) finden sich noch echte Gefühle. Offensichtlich schrieb bei Orwell die Angst vor dem Niedergang des Bürgertums mit.

»1984« hat eine sehr bewegte Rezeptionsgeschichte. Zu Beginn des Kalten Krieges ist es von der antikommunistischen Repression benutzt worden, um kommunistische Intellektuelle zu diffamieren. Gleichzeitig haben liberale Kreise »1984« nicht nur zu einer Warnung vor Diktaturen und Totalitarismen erklärt, sondern zu einem Statement gegen Regierungen insgesamt aufgebläht. Nach dem Ende der Sowjetunion versandeten die Orwell-Referenzen vorläufig, bist im Zuge des großen Lauschangriffs und der beginnenden Videoüberwachung vonseiten der Datenschutzbewegung das Metaphernfass wieder angezapft wurde. Inzwischen ist Orwell eine Lieblingsreferenz des rechtsradikalisierten Bürgertums, das ständig von einer Gesinnungsdiktatur der Linken fabuliert und bei jeder Intervention sofort vermutet, sie sei der Einstieg in einen neuen Totalitarismus, zur Öko-Diktatur inklusive Gender-Neusprech und Gedankenkontrolle.

Alle Aktualisierungen des Orwell’schen Alptraums sehen sich vor die Herausforderung gestellt, die inhärenten Widersprüche und Fehldeutungen von »1984« zu verarbeiten; das rechtsradikalisierte Bürgertum verweigert sich dem und wird einfach nur möglichst laut. Gemäßigtere Kräfte, die sich selbst der Mitte zuordnen, müssen etwas leiser sein, und das bedeutet aber auch, das sie Widersprüche nicht so zusammenbrüllen können. Aber wenn sie doch so volksnah sein wollen, wie sie behaupten zu sein! Wie zum Beispiel der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck, der das Vorwort zu einer Neuübersetzung des Buches beigesteuert hat.

Um es vorwegzunehmen: Habeck wird dieser Aufgabe nicht gerecht. Stattdessen bedient er sich in der Orwell’schen Nomenklatur, als wäre es ein beliebiger Ramschladen. Er nennt es »Ansichten über Wahrheit«, und das ist in sich schon eine Frechheit, weil klar ist: Für Habeck gibt es keine Wahrheit, außer der, dass alles relativ ist, sofern er dort bleibt, wo er ist. Habecks Welt zentriert sich um Habeck.

Habeck beginnt seine Ausführungen, indem er die herausragende Bedeutung von Orwells Werk betont; Orwell sei »der Analytiker des Totalitarismus«. Schon das ist falsch: Orwell, das sagt er selbst, analysiert nicht, er imaginiert. Habeck weiß das, ignoriert es aber: Das macht es ihm leicht, ein ganzes Potpourri sorgenvoller Betrachtungen über aktuelle Entwicklungen loszuwerden. Da wird munter alles zusammengeschlonzt, was nicht einmal ansatzweise zusammenpasst: China wird zum neuen Stalinismus, aber Big Tech auch irgendwie, nicht fehlen darf der Hinweis auf die Fragmentierung und Blasen in den sozialen Medien. Außerdem soll Orwell gleichermaßen den NS-Staat und die DDR beschrieben haben, aber rätselhafterweise hält Habeck »1984« am Ende doch für eine Fiktion, die nicht Wirklichkeit werden darf. Das zu leisten, so Habeck mit seinem letzten Satz, sei »unsere Aufgabe«, und man spürt schon die Hand des alles versöhnen wollenden designierten Kanzlerkandidaten auf dem eigenen Knie. Wir alle! Ach so.

Politisch bringt Habeck Orwell gegen alles in Stellung, für das er selbst nicht stehen will, nur sich selbst lässt er mit einer penetrant zelebrierten Unaufdringlichkeit komplett raus. Für Habeck ist »1984« ein Stück Zahnseide, um die eigene Visage aufzupolieren; das hat der Roman, selbst wenn man ihn nicht schätzt, nicht verdient.

Sehr schwer verhebt sich Habeck beim Versuch, die AfD zu brandmarken. Winston Smiths Tätigkeit der Geschichtsumschreibung steht bei ihm in einer Reihe mit Alexander Gaulands Versuch, den Holocaust als »Vogelschiss« abzutun; Doppeldenk wird bei ihm zum Synonym für »alternative facts«. Es gibt aber keine zentrale Stelle, an der staatlich verordnet wird, wie Geschichte und Sprache umzuschreiben seien; so etwas glauben höchstens QAnon-Anhänger*innen. Die Lügengeflechte der Rechtspopulisten von Donald Trump bis Alice Weidel funktionieren ganz anders als das »Ministerium für Wahrheit«, und Habeck weiß das auch, gibt sich aber überhaupt keine Mühe, sondern schmiert Buzzword auf Buzzword dahin. Es ist reines Haltungsturnen, und offenbar hat er ganz grundsätzlich keine Begriffe für aktuelle Entwicklungen. Leichter wurde es der AfD selten gemacht, sich in Position zu bringen. Habeck, dieser als intellektuell geltende Politiker, der smart ist und redegewandt und reflektiert, zeigt sich hier als Schaumschläger.

Dafür kann Orwell nichts, er hat sich Mühe gegeben, dass sein Roman nicht allzu wörtlich gelesen werden soll; schlussendlich aber hat sich seine Lust am Plakativen gerächt. Jetzt ist sein Roman in erster Linie Steinbruch für Polemiker*innen. Es wäre eine Überlegung gewesen, Orwell vor seinen eigenen Fans und solchen allzu billigen Vereinnahmungen zu schützen, indem man ihnen die Begriffe nimmt, die sie falsch verstehen, und neue Begriffe für »Doppeldenk« und »Neusprech« findet. Diesen Gefallen hat die Übersetzung von Lutz-W. Wolff Orwell nicht getan. Dafür hat er ein sehr gutes, sehr dichtes Nachwort verfasst, in dem gerade auch auf die parodistische Komik des Buches hingewiesen wird. »Witzig ist, was die etablierte Ordnung umstürzt«, wird da Orwell zitiert, und bis es soweit ist, macht sich eben im Vorwort die etablierte Hoffnung selbst lächerlich.

George Orwell: 1984. Mit einem Vorwort von Robert Habeck. Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff. dtv, 416 S., geb., 24 €.

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