Eine traumatische Erfahrung

Kinder haben wenig Raum, um die Auswirkungen der Explosion zu überwinden

  • Von Karin Leukefeld
  • Lesedauer: 6 Min.

Die Libanesen kämpfen mit vielen Krisen. Die COVID-Pandemie und die Folgen der Explosion im Beiruter Hafen lasten schwer auf den Menschen. Worauf konzentriert sich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz bei seiner Arbeit im Land?

Rona Al Halabi: Die Explosion hat das Leid durch die bereits bestehenden Krisen im Land verstärkt. Nach Monaten der Wirtschaftskrise und im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie war der Libanon ohnehin schon in einem fragilen Zustand. Die Auswirkungen der Explosion werden noch lange nachwirken. Neben den Nothilfemaßnahmen kümmert sich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sorgfältig darum, was mittel- und langfristig an Unterstützung gebraucht wird. Gleichzeitig unterstützen wir als IKRK das Gesundheitssystem des Landes in seinem Kampf gegen die Pandemie. Die COVID-19-Pandemie und die verhängten Einschränkungen, mit denen sie eingedämmt werden soll, verschärfen die schlechte Wirtschaftslage. Die Preise für Nahrungsmittel und andere Waren sind enorm angestiegen. Das IKRK hat allein 2020 mehr als 17 700 Menschen im Libanon mit Bargeld oder Hilfe zum Lebensunterhalt unterstützt.

War auch Ihre Organisation von der Explosion betroffen?

Rona Al Halabi: Unsere Arbeit verlangsamte sich, als 40 Tage nach der Explosion ein riesiges Feuer im Hafen ausbrach und Teile der IKRK-Vorräte an Lebensmittelpaketen, die in einem Lagerhaus untergebracht waren, in Flammen aufgingen. Wir haben alles unternommen, damit diejenigen, die auf unsere Unterstützung angewiesen waren, nicht davon abgeschnitten wurden. Das betraf Menschen im Libanon, aber auch in Syrien. Der Libanon ist auch Teil des humanitären Nachschubweges für die notleidenden Menschen in Syrien.

Es gibt viele internationale Hilfsorganisationen im Libanon. Gibt es eine Kooperation untereinander?

Rona Al Halabi: Um Betroffene der Explosion zu unterstützen, arbeitet das IKRK mit seinen langjährigen Partnern zusammen. Das sind die Rote-Kreuz-/Rote-Halbmond-Bewegung, das Libanesische Rote Kreuz und die Internationale Föderation vom Roten Kreuz und Roten Halbmond (IFRC). Die Libanesische Armee hat ein Koordinationszentrum eingerichtet, dem unser Partner, das Libanesische Rote Kreuz angehört. Außerdem koordiniert das IKRK seine Arbeit eng mit dem Welternährungsprogramm (WFP) und mit dem UN-Hilfswerk für Kinder UNICEF, das sich um die Wasserversorgung kümmert. So wollen wir vermeiden, dass irgendwo doppelte Arbeit geleistet wird.

Mehr als 300 000 Menschen waren von der Explosion betroffen. Innerhalb von Sekunden verloren sie alles. Wie reagieren Kinder in so einer dramatischen Ausnahmesituation?

Gisele Chahine: Diese Explosion war ein plötzlicher, gewaltsamer, aggressiver und außergewöhnlicher Vorfall für die Kinder. Es war ein traumatisches Erlebnis, in dem sie schutzlos einer Todesgefahr ausgesetzt waren. So etwas hinterlässt bei jedem Menschen Spuren, gleich welchen Alters. Das Bild des Todes, dem die Kinder ausgesetzt waren, stellt sich ihnen verschieden dar. Darum kann das Bild dieser Explosion nicht Teil der Erinnerung werden, sondern bleibt nur ein Phänomen, das sich in allen Einzelheiten in der Erinnerung erhält. Dieses traumatische Bild kann nach einem, zwei oder auch sechs Monaten neu auftreten und zwar so, als wäre es gerade erst geschehen.

In einem Moment haben die Kinder die Welt verloren, in der sie aufgewachsen sind. Wie können sie so ein Trauma überwinden?

Gisele Chahine: Auf diese Kinder muss sehr gut geachtet werden. Manchmal geraten sie in eine Situation, in der sie an diese schreckliche Erfahrung erinnert werden. Das kann eine Re-Traumatisierung auslösen. Wie sehr sie mit solchen schmerzlichen Erfahrungen umgehen können, hängt stark von ihrer Reife ab und davon, ob sie eine Situation verstehen und einschätzen können. Wichtig ist die Anwesenheit der Eltern, ihr Umgang mit den Kindern und ob die Eltern ihnen Sicherheit geben können.

Können Sie sechs Monate nach der Explosion eine Zwischenbilanz ziehen?

Gisele Chahine: Bei manchen Kindern verfliegen die Symptome mit der Zeit. Sie schwächen sich ab und können ganz verschwinden. Dann hat das Kind eine Widerstandsfähigkeit entwickelt. Andere Kinder durchlaufen eine zeitversetzte, chronische Phase. Sie haben Angst, dass sie von ihren Angehörigen, besonders von ihren Eltern, getrennt oder verlassen werden könnten. Sie haben Angst, dass ein solches Ereignis wieder geschieht; sie durchleben die Situation wieder und wieder. Manchmal wiederholen die Kinder das Ereignis spielerisch. Sie fügen eigene Szenarien hinzu und übernehmen darin eine aktive oder auch defensive, schutzsuchende Rolle.

Werden solche Spiele von Therapeuten angeregt?

Gisele Chahine: Ja, so können wir sehen, wie sie reagieren. Wir lassen die Kinder das Ereignis in einem Spiel oder auch in einer Zeichnung wiederholen und sehen, dass sie zumeist freudlos und aggressiv reagieren. Manche werden aggressiv, andere versuchen, sich zu schützen.

Manche Kinder erleben das Trauma erneut durch Halluzinationen oder durch Flashbacks. Sie haben wiederkehrende Albträume und wachen voller Angst auf. Andere Kinder vermeiden alles, was mit dem Ereignis zu tun haben könnte. Sie werden überaktiv, sind leicht zu irritieren, werden schnell wütend. Andere Kinder ziehen sich völlig in sich zurück. Sie reden nicht, zeigen an nichts mehr Interesse, haben kein Vertrauen in die Erwachsenen, in die Eltern, die sie nicht schützen konnten. Es gibt Essprobleme, Bettnässen, die Kinder lassen beim Lernen und in der Schule nach, sie können sich nicht konzentrieren.

Was ist das Wichtigste für diese Kinder?

Gisele Chahine: Die Kinder brauchen große Aufmerksamkeit. Es ist wichtig, ihr Verhalten frühzeitig zu entdecken. Ihre Reaktionen können zu Hause oder in der Schule beobachtet werden, aber unglücklicherweise kommt jetzt alles zusammen: die Proteste, die Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, die Explosion im Hafen von Beirut, COVID-19 ...

... so viele Probleme. Wer kann auf die Kinder achten?

Gisele Chahine: Die Schulen sind wegen der Pandemie geschlossen, also können die Lehrer keine Auffälligkeiten an den Kindern feststellen. Die Eltern sind überlastet. Sie versuchen, ihre Familie vor der Pandemie zu schützen, und müssen gleichzeitig ihr Einkommen sichern. In so einer Situation kann sich niemand von den Auswirkungen der Explosion erholen. Selbst wenn uns die Kinder stark und fröhlich erscheinen, bleiben sie verletzlich. Ihre Wunden sind unsichtbar und werden das Kind weiterhin begleiten. Hier kümmern sich die Menschen mehr um die sichtbaren Verletzungen.

Es gibt also sichtbare und unsichtbare Verletzungen?

Gisele Chahine: Die Kinder klagen vielleicht über Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder Müdigkeit, aber sie wollen zeigen, dass sie stark sind, um mit dem täglichen libanesischen Stress klarzukommen. Wir ermuntern die Eltern, mit den Kindern über die Explosion und ihre Gefühle zu sprechen. Das bringt die Familie zusammen und stärkt jeden einzelnen. Die Eltern sollten mit ihren Kindern so oft wie möglich spielen, denn das kann versteckte Verletzungen zutage fördern. Wir ermuntern die Familien auch, professionelle psychologische Hilfe anzunehmen. Sie müssen wissen, dass sie mit diesen Verletzungen nicht allein sind.

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