»Total allein gelassen«

Nach der verheerenden Explosion fühlen sich die Kinder im Stich gelassen und müssen auch die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie ertragen

  • Von Karin Leukefeld
  • Lesedauer: 3 Min.

80 000 Kinder haben nach Einschätzung des UN-Kinderhilfswerks UNICEF durch die Explosion im Hafen von Beirut am 4. August 2020 ihr Zuhause verloren. Sechs Monate ist das her. Jetzt ist Winter, und nur wenige Häuser in den am meisten betroffenen Vierteln Mar Mikhail, Gemmayzeh und Karantina konnten ganz oder teilweise wieder hergestellt werden. Was ist aus den Kindern geworden, die als Zahl in den Listen internationaler Hilfsorganisationen auftauchen?

Wenn seine Tochter Yara heute Glassplitter sieht, fängt sie an zu zittern und zu weinen, erzählt Walid Al-Said in einem Videoclip, den die Deutsche Welle ausstrahlt. Manchmal wache sie mitten in der Nacht auf, weil sie ein Geräusch gehört habe, das ihr Angst machte. Yara spielt derweil mit einer Barbiepuppe, ihre linke Gesichtshälfte ist von einer Narbe bedeckt. Mit großen Augen blickt die Vierjährige in die Kamera, um sich dann gleich wieder abzuwenden. Ihr Bruder ist mit einem Auto beschäftigt und nimmt das Fernsehteam kaum wahr.

Herr Al-Said sitzt auf einem Stuhl. Hinter ihm stapeln sich Taschen, Kartons, Matratzen und Decken, die wenigen Dinge, die der Familie geblieben sind. Wegen der Corona-Vorschriften trägt er eine medizinische Maske. Es gebe keine Sicherheit in seinem Land, sagt Herr Al-Said in das Mikrofon der Deutschen Welle. »Ich möchte auswandern. Mit meiner Tochter, meinem Sohn und meiner Frau möchte ich in ein Land gehen, wo es sicher ist.« Was er nicht sagt, aber wohl denkt: Ob Deutschland uns aufnehmen würde?

Yara und ihr Bruder haben Glück im Unglück, sie sind mit ihren Eltern zusammen. Andere Familien wurden bei der Explosion getrennt, als die Eltern ins Krankenhaus gebracht oder getötet wurden. Manche Eltern waren auf dem Heimweg, als die Explosion geschah, und sie fanden ihr Haus oder ihre Wohnung zerstört und verlassen vor. Die Zahl der Kinder, die in Beirut auf der Straße leben, hat sich nach dem 4. August 2020 weiter erhöht, weil Menschen ihre Existenzgrundlagen verloren haben und ihre Kinder nicht mehr ausreichend ernähren können. Die Wirtschaftskrise und die Corona-Pandemie verschärfen die Lage so sehr, dass Neugeborene vor Krankenhäusern oder Kirchen ausgesetzt werden.

Mohammed (16) kümmert sich um den elfjährigen Oudia, der vor der Armut in seiner Familie davongelaufen ist. Die beiden leben schon seit Monaten auf der Straße und sammeln Schrott, den sie an Händler verkaufen. »Mohammed ist wie mein Bruder«, sagt Oudia einem französischen Filmteam. »Er wird mich verteidigen, wenn jemand versucht, mich zu entführen.« In die Schule oder in ein Waisenhaus wolle er nicht, sagt der Junge. »Gott wird mir helfen.«

Kinder sind Anfang Februar 2021 weder in Beirut noch in anderen Orten des Landes zu sehen. Kindergärten und Schulen wurden ganz oder teilweise zerstört und noch nicht wieder aufgebaut. Mit dem fünften Total-Lockdown wurden strenge Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie im Libanon eingeführt, einschließlich einer Ausgangssperre rund um die Uhr.

Seit Wochen habe er seine Freunde nicht gesehen, schreibt der dreizehnjährige Karem in einer Nachricht an die Autorin. »Die Sache mit der Schule läuft schlecht.« Nur drei Tage die Woche könne er an einem Unterricht per Handy teilnehmen. Dabei würden nicht alle Fächer unterrichtet und die Lehrer wüssten nicht, wie sie erklären sollten. »Wir verstehen überhaupt nichts«, schreibt Karem niedergeschlagen. Niemand wisse, wie es weitergehen solle. »Erst hieß es, die Schule werde am 8. Februar wieder beginnen, dann vielleicht am 15. Februar.« Er habe in den letzten Wochen Depressionen und Selbstzweifel gehabt, gibt Karem zu: »Ich fühle mich total allein gelassen.«

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