Musikanten als Kriegsbeute

Trotz erzwungener Bühnenabstinenz bleibt die Barockszene produktiv - drei Beispiele

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 4 Min.

Schaut man auf den Internetseiten von Künstlern nach den Terminübersichten, dann bietet sich seit Längerem ein trostloses Bild: Konzerte, Ausstellungen, Aufführungen sind in Zeiten des fortgesetzten, immer wieder verlängerten Lockdowns massenweise abgesagt, verschoben oder werden erst gar nicht mehr angekündigt. Hier und da gibt es Termine für das spätere Frühjahr, für den Sommer und Herbst - derzeit mehr trotzige Lebenszeichen als realistische Planungen.

Da ist es tröstlich und hoffnungsvoll, wenn Künstler in der erzwungenen Auszeit ihrer Kreativität andere Räume eröffnen. So auch bei den Barockmusikern. Das französische Ensemble Diderot um den italienischen Barockgeiger Johannes Pramsohler beispielsweise brachte den vierten Teil eines bemerkenswerten Projekts heraus: Seit Jahren gehen sie auf musikalische Reise in kulturelle Metropolen des Barock, in denen sich ganz eigene Klangästhetiken und Kompositionsschulen herausgebildet hatten. Nach Dresden, Paris und London ist »The Berlin Album« der jüngste Streich.

Auf der CD sind Triosonaten unter anderem von Georg Anton Benda und Johann Gottlieb Graun zu hören - Komponisten, die zur Berliner Schule gehören, die sich im Dunstkreis des preußischen Königshofes angesiedelt hatte. Der ebenso machtbewusste wie kunstsinnige Friedrich der Große, selbst leidlicher Flötist und Tonsetzer, förderte die Musik nach Kräften, was schon mal so weit ging, dass er 1742 nach einem siegreichen Feldzug gegen Sachsen als Kriegsbeute Sänger und Bläser nach Preußen mitgehen ließ.

Das Ensemble Diderot hat für die Einspielung auf den bei solchen Gelegenheiten beinahe obligatorischen Preußenkönig verzichtet, auch auf den weithin bekannten Carl Philipp Emanuel Bach. Stattdessen werden - das ist ein Prinzip des Ensembles - weniger bekannte Komponisten oder selten gespielte Werke namhafter Zeitgenossen bevorzugt, auch eine Handvoll von Weltersteinspielungen ist zu hören. Völlig verdient wurde das »Berlin Album« mit dem International Classic Music Award 2021 ausgezeichnet.

Ebenfalls auf Spurensuche war die Gambistin Juliane Laake. Das Ergebnis ist die CD »Englishman in Tyrol« - eine Anspielung auf Stings Megahit »Englishman in New York«, dem im Bonustrack eine federleichte Adaption gewidmet ist. Der Tiroler Engländer war der Gambist William Young, dem eine legendäre Kunstfertigkeit nachgesagt wird und der Mitte des 17. Jahrhunderts am Innsbrucker Herzogshof auftauchte. Dort war man froh, sich mit einem ausgezeichneten Virtuosen gegenüber den großen Höfen etwa in Wien und Paris brüsten zu können. Young brachte wie andere Landsleute die englische Gambenkunst nach Mitteleuropa, wurde euphorisch gefeiert und bald nach seinem Tod genauso inbrünstig vergessen. Juliane Laake und ihr Ensemble Art d’Echo holen William Young aus der Versenkung - auf dieser CD sind ebenfalls einige Werke überhaupt zum ersten Mal eingespielt und für die Nachwelt festgehalten.

Die Gambistin war auch an der jüngsten Aufnahme der Berliner Lautten Compagney beteiligt. Ein Ensemble, das in Coronazeiten immer wieder versucht, aus den schmalen Handlungsspielräumen das Bestmögliche zu machen, beispielsweise mit einer langen Reihe von Streamingkonzerten. »Time Zones« ist eine ganz typische Produktion der Lautten Compagney, die schon seit vielen Jahren genre- und epochenübergreifend arbeitet. Wort und Musik treffen in vorzüglichen musikalisch-literarischen Programmen ebenso aufeinander wie Barock und Moderne bei musikalischen Grenzüberschreitungen. »Time Zones« ist eine Begegnung des Magdeburger Hofkapellmeisters Samuel Scheidt aus dem 17. Jahrhundert mit dem 300 Jahre später lebenden französischen Musikerneuerer Erik Satie. Wie schon bei früheren Brückenschlägen über die Jahrhunderte gelingt es der Lautten Compagney auf frappierende Weise, die künstlerische Seelenverwandtschaft der weit voneinander entfernten Komponisten hörbar zu machen.

Der künstlerische Kopf der Lautten Compagney, der Lautenist Wolfgang Katschner, wird an diesem Mittwoch 60 Jahre alt. Was er vor gut 35 Jahren mit seinem Freund und Kollegen Hans-Werner Apel als Duo begann, ist längst ein weithin anerkanntes musikalisches Projekt geworden, das die Grenzen der Barockmusik und des kammermusikalischen Musizierens sprengt. Auch die Lautten Compagney musste große Projekte verschieben; so ihr seit 2010 im brandenburgischen Neuruppin angesiedeltes Aequinox-Festival, dessen elfte Ausgabe nach dem coronabedingten Ausfall 2020 und der Verschiebung 2021 nun für Anfang Juli vorbereitet wird.

Was soll man einem Künstler in diesen Zeiten zum Geburtstag wünschen? Neben Gesundheit wohl vor allem, dass bald wieder die direkte Begegnung mit dem Publikum stattfinden kann. Zu gönnen wäre es den Musikern genauso wie den Zuhörern.

Ensemble Diderot: »The Berlin Album« (Audax)

Juliane Laake & Ensemble Art d’Echo: »Englishman in Tyrol« (Querstand)

Lautten Compagney: »Time Zones« (Deutsche Harmonia Mundi)

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