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  • »Wonder Woman 1984«

Nicht wirklich feministisch

»Wonder Woman 1984« ist ein Mainstream-Film, der starke Frauenfiguren in einem Genre inszenieren möchte, das zumeist immer noch Männern vorbehalten ist

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 6 Min.

Einer der teuersten Hollywood-Blockbuster des Jahres 2020 dürfte »Wonder Woman 1984« sein, die aufwendige, zweieinhalbstündige Fortsetzung der Superheldengeschichte über eine im 20. Jahrhundert lebende Amazone aus dem DC-Comic-Universum, zu dem unter anderem auch Batman und Superman gehören, die hier aber nicht auftreten. Der geschätzt 200 Millionen Dollar teure Film sollte schon im vergangenen Frühling in die Kinos kommen. Der Start wurde aber corona-bedingt mehrfach verschoben. Dabei steckt in dem Film eine deutliche Anspielung auf Donald Trump. Denn der Bösewicht in der Geschichte namens Maxwell Lord, ein eher erfolgloser Unternehmer und Blender mit einer seltsam gelblich gefärbten Frisur, der sich aber medial geschickt als Fernsehpromi in den 1980er Jahren inszeniert, versucht, die Welt zu erobern und nutzt dabei im Lauf des Films irgendwann auch die Medienkanäle des Weißen Hauses. Insofern hätte »Wonder Woman 1984« eigentlich auch im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl eine breitenwirksame Unterstützung gegen Donald Trump sein können. In den USA kam der Film schließlich Weihnachten in die Kinos und wurde parallel vom Streaming-Anbieter HBO Max gezeigt, der hierzulande bisher noch keinen Ableger hat.

Da in Deutschland die Kinos noch geschlossen sind - und die Einspielergebnisse des teuren Films immer noch weit unter seinen Produktionskosten liegen -, wird er hier vor dem noch geplanten Kinostart ab heute auf Sky Ticket als Stream zu sehen sein. »Wonder Woman 1984« ist ein gutes Beispiel dafür, dass derzeit Superheldengeschichten zwar ungemein boomen und die Studios Unsummen in diese Filme investieren, dass es aber eben auch nicht mehr reicht, einfach nur ein weiteres Abenteuer aus diesem Genre herunterzuleiern. Klar gibt es auch in »Wonder Woman 1984« das gängige Superheldinnengeschäft mit Einbrecher- und Räuberjagen im Sinn einer eher platten Law-and-Order-Logik. Aber was den angestrebten Kultcharakter des Films ausmacht, ist die Trump-Kritik ebenso wie der 1980er-Jahre-Vintage-Retro-Style des Films inklusive der dazugehörigen Popmusik, etwa den Songs von Frankie Goes to Hollywood. Im Gegensatz dazu protzt man bei der Comic-Konkurrenz Marvel etwa in der Avengers-Filmreihe mit einem ausufernden Personal der bekanntesten und teuersten Hollywood-Schauspielgrößen.

Hochkarätig besetzt ist aber natürlich auch »Wonder Woman 1984« mit Gal Gadot in der Hauptrolle, Chris Pine spielt einen nach 70 Jahren wieder von den Toten auferstandenen Piloten und Liebhaber der Superheldin, Rosamund Pike wiederum ist gerade mal ein paar Minuten lang in einer Nebenrolle als Wonder Womans Mutter zu sehen. Den Bösewicht gibt sehr überzeugend Pedro Pascal, vielen aus der Netflix-Serie »Narcos« und dem Star-Wars-Ableger »Mandalorian« bekannt. Dabei bewegt sich »Wonder Woman 1984« ebenso wie der Vorgängerfilm an einer eigenwilligen Genregrenze zwischen Superheldengeschichte, Science-Fiction und Fantasy. So gibt es hier auf der einen Seite ein Artefakt, einen sogenannten Wunschstein, wie er auch in ein Märchen passen würde, gezimmert vor Tausenden von Jahren von irgendeinem fiesen vorzeitlichen Gott, der - einmal berührt - Wünsche erfüllt. Der Wunschstein bietet die Möglichkeit, alle materiellen Begehrlichkeiten, aber auch vor allem machtpolitischen Ziele Wirklichkeit werden zu lassen. Das Ganze hat aber natürlich einen Haken. Denn mit jedem erfüllten Wunsch geht etwas anderes verloren.

Auf der anderen Seite gibt es das Begehren der Figuren, etwas in ihrem Leben verändern zu wollen. Wobei die an diesem Punkt eher konservative Filmerzählung lieber die Gefahr des egoistischen Missbrauchs von Veränderung inszeniert, als nach emanzipatorischen Möglichkeiten zu fragen. Es geht eben um den Bösewicht Maxwell Lord, der sich dieses Artefakt schnappt und damit fortan nicht nur seine kurz vor der Pleite stehenden Geschäfte ankurbelt, sondern auch ein politisches Chaos auf der Erde stiftet, so dass irgendwann sogar ein Atomkrieg droht. Den zu verhindern, ist natürlich Aufgabe der coolen Superheldin, an deren Armbändern Geschossprojektile abprallen, die zwar nicht so stark ist wie Superman, aber dennoch über enorme Kräfte verfügt und im Lauf des Films sogar fliegen lernt. Wenn sie nicht gerade die Welt rettet, arbeitet Wonder Woman alias Diana Prince im normalen Leben als leitende Archäologin am renommierten Washingtoner Smithsonian Institute. Das Leben ihrer Arbeitskollegin, der tollpatschigen Barbara Minerva (Kristen Wiig) ändert sich wie das von Wonder Woman selbst durch den Wunschstein. Die sonst übersehene Barbara kann plötzlich nicht nur Kollegen und Freunde mit ihrem Humor begeistern, sondern sich auch handfest gegen aufdringliche Männer zur Wehr setzen. Denn »Wonder Woman 1984« ist eben auch ein Mainstreamfilm, der starke Frauenfiguren in einem Genre inszeniert, das zumeist immer noch Männern vorbehalten ist.

Auch wenn die aktuellen Wonder-Woman-Verfilmungen dabei einen eher simplen popkulturellen Feminismus transportieren, war die Entstehung der Superheldinnenfigur in den 1940er Jahren durchaus eine kleine genderpolitische Revolution. Denn weibliche Superheldinnen gab es in der damals wachsenden Comic-Industrie überhaupt nicht. Mit Wonder Woman wollte der Psychologe William Moulton Marston, der an der American University in Washington lehrte und Erfinder des Lügendetektors ist, eine starke weibliche Figur entwickeln. Marston sah vor allem Erziehungspotenzial in den Comics und die Möglichkeit, Geschlechterrollen für ein Massenpublikum zu hinterfragen und anders darzustellen. Dass die Abenteuer von Wonder Woman, die in den ersten Jahren aus seiner Feder stammten, auch mit SM- und Bondage-Fantasien (Sadomasochismus und Fesselspielen) verknüpft waren, hatte mit Marstons Privatleben zu tun. Er führte eine polyamore SM-Beziehung mit seiner Frau und einer Studentin, die maßgeblich zur Entwicklung des fiktionalen Stoffes beitrug. Das goldene Lasso der Wahrheit, das auch im aktuellen Film zu sehen ist, eine der Waffen von Wonder Woman, ist eine Referenz an den von Marston entwickelten Lügendetektor und Ausdruck von Bondage-Praktiken.

Von diesem Entstehungshintergrund ist im aktuellen Blockbuster, der kurz nach Weihnachten in den USA zu einem bisher nie da gewesenen Rekord an illegalen Downloads führte, kaum etwas zu ahnen. »Wonder Woman 1984« ist eben vor allem Mainstream-Unterhaltung, die sich aber innerhalb des Superhelden-Genres deutlich von den bellizistischen und altbacken-sexistischen Filmen des Comic-Konkurrenten Marvel mit seinen Avengers-Mega-Blockbustern abhebt. Hier wird die Handlung auch einmal dadurch vorangetrieben, dass sich Menschen unterhalten oder die Alltagskultur der 1980er Jahre recht ironisch in Szene gesetzt wird. Der Bechdel-Test, der sexistische Geschlechterklischees in Filmen überprüfbar machen soll und der danach fragt, ob es zwei eigenständige weibliche Figuren gibt, die sich unterhalten und dabei nicht über einen Mann reden, schlägt bei »Wonder Woman 1984« jedenfalls nicht negativ aus. Dennoch ist die inszenierte Weiblichkeit der Titelfigur vor allem auch eine Projektionsfläche des ganz platten männlichen Begehrens. Ein feministischer Film ist »Wonder Woman 1984« insofern nicht wirklich.

»Wonder Woman 1984« : USA 2020. Regie: Patty Jenkins, Drehbuch: Patty Jenkins, Geoff Johns, Dave Callaham. Mit Gal Gadot, Chris Pine, Kristen Wiig, Robin Wright, Connie Nielsen. 151 Min. Erstausstrahlung am 18.2. um 20.15 Uhr auf Sky Cinema und zum Streamen auf Sky Ticket ab 18.2.

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