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Nichts, das nicht passieren könnte

Die Lust an der Ziellosigkeit: Jana Volkmanns «Auwald» geht Umwege

  • Von Norma Schneider
  • Lesedauer: 4 Min.

Tausend Vögel scheißen gerade zugleich auf Leute, die auf der Wiese liegen und in die Wolken gucken, als gäbe es irgendwo irgendetwas zu sehen, und tausend Radfahrer haut es wegen schlechter Witterung aus dem Sattel. Die meisten überleben. Das meiste überleben wir. Das meiste ist bloß ein Ärgernis, schnell vergessen, nicht einmal lernen müssen wir daraus.« Judith, die Hauptfigur aus Jana Volkmanns Roman »Auwald«, weiß, dass das Leben immer irgendwie weitergeht, trotz aller Katastrophen. Vor allem, wenn man sich nicht allzu sehr von dem berühren lässt, was um einen herum passiert. Zu anderen Menschen bleibt Judith deshalb auf Distanz. Beziehungen und Freundschaften verlässt sie, bevor es ihr zu nah wird. Nicht immer verabschiedet sie sich, bevor sie - mal wieder - verschwindet. Sie hat Angst davor, »nie jemand anderes zu werden«, in einem Leben festzustecken, dessen Weg bereits festgelegt ist.

Denn Judith liebt es, Umwege zu machen. Wenn sie durch Wien spaziert, hat sie am liebsten kein festes Ziel vor Augen. Ihr Blick fängt die Details ein, an denen die meisten vorübereilen, ihre Sympathie gilt dem Unfertigen und Kaputten. Auch ihre Gedanken lässt sie gerne schweifen und Umwege machen, für die man keine Zeit hat, wenn man die Dinge nur nach ihrem Nutzen betrachtet. Es ist ein Vergnügen, wie Jana Volkmann die Leser*innen an Judiths Aufmerksamkeit für das Unscheinbare, an ihren kreativen Assoziationen und ironischen Kommentaren teilhaben lässt.

Doch »Auwald« ist kein Roman, der sich endlos in der Schilderung von Gedanken und Beobachtungen ergeht. Als Judith mit einem Ausflugsschiff nach Bratislava fährt, entwickelt sich eine ungewöhnliche, spannende und immer wieder überraschende Geschichte. Weniger aus Interesse als aus dem Wunsch, sich wie eine ordentliche Touristin zu verhalten, besucht Judith ein Museum. Dort wird ihr die Geldbörse mit dem Rückfahrticket nach Wien gestohlen. Den Diebstahl nimmt sie - wie fast alles - mit einer distanzierten Neugier hin, als wäre er zwar eine interessante Begebenheit, aber hätte nichts mit ihr zu tun. So unternimmt sie auch nichts, als sie die Taschendiebin an ihrer Stelle auf das Schiff steigen sieht, winkt ihr sogar noch zu.

Die Passagiere des Schiffs werden allerdings nicht wie geplant in Wien ankommen. Für Judith entsteht so die Gelegenheit zum Ausbruch aus ihrem gewohnten Leben. Ohne zu wissen, wie ein anderes Leben aussehen könnte, fängt sie einfach damit an, es zu leben und verschwindet im Auwald am Ufer der Donau. Dabei empfindet sie weder Euphorie noch Angst. Doch das Leben im Wald erweist sich nicht gerade als einfach für Judith, die wenig Ahnung von Selbstversorgung hat und der die Natur eigentlich suspekt ist. Es dauert nicht lange, bis sie die Freuden der Zivilisation vermisst und drauf und dran ist, für eine Cola alles aufzugeben.

Aussteigerromantik ist in »Auwald« aber zum Glück genauso wenig zu finden wie Selbstfindungsprosa. Dafür aber eine große Lust am Zufall und am Unerwarteten. Gerade dass sie kein bestimmtes Ziel verfolgt, macht die Unternehmung für Judith attraktiv - und für die Leser*innen interessant. »Genau zu wissen, dass man nirgendshin wollte, war ein ordentlicher Ansporn.« Der unbestimmte Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit muss nicht begründet werden. Dass darin ein Klischee steckt, weiß aber auch Judith: »Ab sofort bin ich nur noch ich. Wer allein sein kann, kann alles sein. Und so weiter.«

Ob sie wirklich alleine sein und bleiben kann, ob sie nicht doch auf irgendeine Form von Beziehung zu anderen, auf deren Resonanz und Unterstützung angewiesen ist, ist eine der Fragen, vor denen Judith davonläuft. Vorerst gefällt es ihr aber, als verschollen zu gelten. Sie hat kein Bedürfnis, den Irrtum zu berichtigen. Dass ihre Partnerin oder andere sich Sorgen um sie machen könnten, ist ihr kaum einen Gedanken wert.

Einfach macht es einem Jana Volkmann nicht mit Judith, die voller widersprüchlicher Empfindungen steckt. Gerade wenn man glaubt, ihre Figur zu fassen zu kriegen, entgleitet sie einem wieder. Manchmal ist sie in ihrer Empathielosigkeit abstoßend, dann wieder findet man es ungeheuer sympathisch, wie sie selbstironisch und pointiert über die Welt nachdenkt.

Zum Besten an »Auwald« gehört, dass der Roman nicht den Anspruch hat, seinen Leser*innen alles restlos verständlich und nachvollziehbar zu präsentieren. Es passiert einiges Unwahrscheinliches und Rätselhaftes, das man beim Lesen nie ganz zu fassen bekommt und das einen deshalb nicht so schnell loslässt. Den Hintergrund für Judiths Erlebnisse bildet ein diffuser Ausnahmezustand, in dem vieles machbar wird, was vorher nicht möglich schien. Die Welt fühlt sich unsicher an, »als könnte es jederzeit und überall zu brennen anfangen, als gäbe es nichts, das nicht passieren könnte«. Doch inmitten dieser permanenten Erwartung weiterer Katastrophen entsteht auch die Möglichkeit, die Dinge anders zu machen als bisher.

Jana Volkmann: Auwald. Verbrecher-Verlag, 184 S., geb., 20 €.

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