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»Alles soll mich erinnern«

Gisela Steineckert sammelte »Gedanken, Gedichte und Voraussichten«

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

Atme erst mal aus» - das sagt sie zu sich selbst, wenn es mal hastig zugeht. Nehmen wir es uns zu Herzen. Gisela Steineckert sorgt für eine liebevolle Ruhe, die befreiend wirkt. Deshalb hat Gisela Steineckert ja so ein riesiges Publikum - mit ihren jetzt 35 Büchern, mit Tausenden von Liedern, die sie für berühmte Interpreten geschrieben hat. Bald auch hoffentlich wieder in großen und kleinen Sälen überall im Lande, wo sie schon auf der Bühne sitzt, bevor die Veranstaltung beginnt, in die Runde schaut, die Blicke der Leute sucht und in sich aufnimmt, was sie in der Seele tragen. So scheint auch dieses neue Buch für derlei Auftritte gemacht. Kurze Texte, Miniaturen, dazwischen Gedichte, die vorgetragen werden wollen, in erwartungsvolle Stille hinein. Doch beim Lesen begreift man auch: Einen besonderen Sinn hatte es auch für die Autorin.

«Wenn der Gedanke und die Buchstaben mich als Person meinen, brauche ich beim Schreiben länger als sonst, weil es um die Fülle geht: das ganze Farbenspiel von Menschen, die mir Fremde sind. Oder Freunde - oder Leute, die mir eben unbekannt schienen, ehe die Erinnerung sie näher brachte. Fülle - ja, davon handelt das Buch. Von der Fülle eines nunmehr fast 90-jährigen Lebens: »Alles soll mich erinnern.« In der Zeit, als sie notgedrungen zu Hause fest saß, weil keine Veranstaltungen stattfinden konnten, hat sie rekapituliert, was ihr wichtig war.

Aber das hat keine strenge Ordnung. Vom Einst kommt sie ins Heute, vom Einzelnen aufs Grundsätzliche, was das Leben betrifft: die Güte und Geduld, die wir einander schenken sollten, die vielen persönlichen Bedrückungen, die es dennoch gibt, und die »Vorstellung von einer Zukunft, in der Menschen mit weniger Angst, Gewalt und Unterdrückung leben könnten«.

Sie denkt an ihre Kindheit in einer armen Familie. »Mir fällt gerade jetzt auf, das niemand eine Uhr hatte.« Aber auch Spielzeug für die Kinder gab es kaum. Zwei Zimmer für sechs Personen. »Da waren Frauen, und da waren Männer, und die einen kamen mehr zu Wort als die anderen …« Aber »jeder von ihnen stand auf seine Weise unter allen weiblichen Pantoffeln …«.

Was »gnadenlose Unzufriedenheit mit dem jeweils anderen« aus Menschen macht, darüber hat sie immer wieder nachgedacht. Es hätte ein ganzer Roman daraus werden können. Aber sie wollte ja auch sagen, was ihr an Liedern wichtig ist, was sie ihr bedeuten und den jeweiligen Sängern, die sie zu ihrem Besitz machen und dabei womöglich etwas finden, »was sie selber über sich vorher nicht wussten«. Unbedingt wollte sie von ihrer Tochter Kirsten erzählen, die ein so schönes Kind war, sich aber womöglich manchmal einsam fühlen musste und die nun selber schon Großmutter ist. Und von ihrer Enkelin Laura, die ihr von Geburt an ein ganz naher Mensch geworden ist und deren Lebensweisheiten, sie hier mitteilt. »Guck dein Kind an, nimm es in den Arm, sieh hin, dann erfährst du alles.« Also weg mit den strengen Erziehungshinweisen. »Die ganz Kleinen brauchen Wärme, die ist in der Mitte - nicht von sich selber, sondern in der Mitte bei den anderen.«

Und vom Anfang bis zum Schluss immer wieder Wilhelm Penndorf, der Mann, den sie mit 42 geheiratet hat. »Besonders groß und besonders stark«, der ihr so lange immer wieder eine Stütze war, bevor er selber krank und hilflos wurde. Diese schweren Jahre, aus denen jetzt nach seinem Tode auf eine wundersame Weise Wärme zu ihr strömt: »Du bist bei mir, Wilhelm.« So schlicht und so stark kann es gesagt sein.

Aber beim Lesen wird man auch Rätsel spüren, Geheimnisse, wie sie zu jedem Leben gehören. Auch hat sie manches, was ihr selber selbstverständlich ist, mitunter nur angetippt. Das Buch kommt aus der mündlichen Rede und will in diese zurück, mit warmer Erzählstimme vorgetragen. Da kann man schon sehen, wie ihr die Zuhörer beipflichten, wenn sie zum Beispiel über die DDR spricht und darüber, wie schön und schwierig mitunter das Leben in einer Großfamilie ist. »Voll versorgt« - das sollte sie unbedingt vorlesen: »Was will ich sagen? Dass im Alter alles anders wird, weil Sinne, Verstand, Gedächtnis und Neugier samt Lebensfreude sich nicht mehr so oft einmischen und ihre Macht abgeben an die Erfahrung? Ich bezweifle, dass dabei etwas Gescheites herauskommt.« Trotz und gleich Nachdenklichkeit, auch Wehmut darf für Momente sein.

Gegen Schluss steht der Satz »Meine Zeit ist um«. In der Mitte ein gegenteiliges Bekenntnis: »Ich stecke noch immer im Erwerben und freue mich auf eine vielleicht ganz neue Sicht, die mir durch meine Urenkelin zuteil wird, seit sie den Windeln entwachsen ist. Ich bin gespannt.« Beides gehört wohl zusammen als Einheit des Widerspruchs, der mit einem kalten Hauch auch im Buchtitel steckt: »Langsame Entfernung«. Langsam immerhin, na gut. Dass es nicht noch ein weiteres Buch gibt, ist nicht gesagt.

Gisela Steineckert: Langsame Entfernung.

Gedanken, Gedichte und Voraussichten.

Neues Leben, 192 S., geb., 15 €.

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