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Eigenheim, du deutsche Seele?

Velten Schäfer lauscht der landestypischen Labermaschine

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.
Wohnen im Kapitalismus: Eigenheim, du deutsche Seele?

Man kann jetzt viele Witze reißen über jenen »Kult des Eigenheims«, über den die Kulturhistorikerin Bärbel Harju vor einigen Jahren kluge Dinge geschrieben hat. Wofür brauchen Micheline und Michel so dringend die »eigenen vier Wände«, mit Vorgarten, stadtnah und doch im Grünen? Als Ort der Behauptung des Privaten gegen das Öffentliche? Als Trutzburg der traditionellen Kleinfamilie, als Statussymbol von Kleinbürgerlichkeit? Als Kulisse also für all die deutschen Gartenzwerge?

Seit Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter dem »Spiegel« etwas gesagt hat, das sich als verkappte Forderung nach einem »Verbot des Eigenheims« missverstehen lässt, läuft die Labermaschine auf Hochtouren. Konservative mobilisieren den »DDR-Plattenbau«, Liberale lechzen danach, ihrer Hauptkonkurrenz einen zweiten »Veggie Day« anzuheften. Und Linksgrüne rechnen vor, wie der Bau von Kleinfamilienbehausungen den Untergang der Menschheit beschleunige. Das Kommentariat spekuliert über die Wirkungen der Causa auf die Wahlen im »Land der Häuslebauer« - während das Feuilleton die Stifte spitzt für die ganz großen Essays: ob affirmativ über das Einfamilienhaus als Idealcontainer der strebsamen Volksseele oder kritisch-ästhetisch im Stil jener Begeisterung für brutalistische »Wohnmaschinen«, die jüngst urbane Intellektuelle in Altbauvierteln befällt.

Überwiegt in Kretschmanns Ländle noch immer der Drang zum Häusle? Oder kann man das schwäbische Wesen auch beim Sparen packen - und geht es um allgemeine Ressourcen? Demokratisiert das suburbane Einfamilienhaus die bürgerliche Villenkultur? Wie ist im Licht der soziologischen Doing-Culture-Diskussion das »Eigenheiming« als Selbstführungstechnik des spätmodernen Subjekts zu fassen?

Akademische Fragen mögen zuweilen unterhaltend sein. Doch lehrt uns das Eigenheim als Topos wie Gebäude nicht viel über dieses Land - weniger zumindest als diese Debatte selbst. Die nämlich ist geradezu beispielhaft deutsch, also nicht nur zutiefst vergrübelt, sondern auch höchst ideologisch und ein bisschen autoritär.

Ideologisch, weil in der messbaren Wirklichkeit trotz aller Eigenheimzulagen bis heute nicht das Häusle typisch bundesrepublikanisch ist, sondern die Mietwohnung. Und autoritär, weil denen, die das Einfamilienhaus zurückdrängen wollen, wie selbstverständlich Verordnungen gegen den Häuslebau einfallen statt etwa einer Rückkehr zu derjenigen Rechtslage, die dieses Land einst zur »Mieternation« schlechthin gemacht hat: Wären Mietverhältnisse wie in der Nachkriegszeit dem Eigentum de facto gleichgestellt, gäbe es weniger Wünsche nach flächenfressenden und energieineffizienten Separatbehausungen.

Wie alle Kulte wurzelt nämlich auch der um das Eigenheim letztlich in der materiellen Einrichtung der Welt. Der eingangs erwähnte Aufsatz von Bärbel Harju ist dabei dennoch lesenswert. Nur dreht er sich um »Privatheit und Suburbanisierung in den USA der Nachkriegszeit«.

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