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Indianisch oder indigen?

Gerd Braune erkundet die klischeebesetzten Zonen in Kanada und deutschen Kinderzimmern

  • Lesedauer: 7 Min.

Brennende Autoreifen, Holzpaletten, die in Flammen aufgehen, blockierte Eisenbahnlinien und Straßen: Im Februar 2020 beobachten die Kanadier mit Verwunderung, Überraschung, Entsetzen und Enttäuschung, dass die von Premierminister Justin Trudeau und seiner liberalen Regierung seit 2015 geförderte Versöhnung zwischen Kanadas nichtindigener und indigener Bevölkerung noch lange nicht erreicht ist. Der Konflikt um den Bau einer Erdgaspipeline auf dem Territorium des Volks der Wet’suwet’en in der westlichen Provinz British Columbia und die dadurch ausgelösten landesweiten Protestaktionen setzen eine Politik, die auf Ausgleich, Verständigung und respektvollen Umgang miteinander baut, einer Zerreißprobe aus. Als zwischen Toronto und Kingston die Polizei auf dem Territorium Tyendinaga der Mohawk die Blockade einer der wichtigsten Eisenbahnlinien des Landes räumt und einige Demonstranten vorübergehend festnimmt, sind Plakate zu sehen, die postulieren: »Reconciliation is dead!« - Die Versöhnung ist tot. In Kanadas Hauptstadt Ottawa ziehen Demonstranten mit Mohawk-Flaggen, Trommeln und Gesang vor das Parlament. Sie fordern, dass sich die Polizei aus dem Territorium der First Nations zurückziehen müsse.

Den Bemühungen, Vertrauen zwischen dem kanadischen Staat und den indigenen Völkern aufzubauen, droht in den ersten Mo- naten des Jahres 2020 ein erheblicher Rückschlag, trotz der ebenfalls zu hörenden Parolen »Reconciliation is alive« - Die Versöh- nung lebt weiter. Nach Jahren des feierlich beschworenen Wegs zur Aussöhnung und vielen kleinen und größeren Erfolgen auf die- sem Pfad - der langsamen Verbesserung der Lebensverhältnisse in Reservationen und abgelegenen Gemeinden der indigenen Völker und der Anerkennung ihrer Rechte - muss die kanadische Mehrheitsgesellschaft erleben, dass eine gleichberechtigte und respektvolle Koexistenz mit den indianischen Völkern, den First Nations, und den Inuit und Métis offenbar noch in weiter Ferne liegt. Wird es gelingen, die Politik der Versöhnung fortzusetzen? Das Wort der »Truth and Reconciliation Commission« vom Herbst 2015, die Versöhnung stehe am Scheideweg - »Reconciliation at the crossroads« -, gewinnt unerwartete Aktualität.

Über mehrere Wochen zieht sich die Krise hin. Die Trudeau-Regierung widersetzt sich unverantwortlichen Forderungen unter anderem des konservativen Parteivorsitzenden Andrew Scheer, hart durchzugreifen. Trudeau will den Dialog: »Dies ist ein kritischer Moment für unser Land und unsere Zukunft. Es gibt keine Beziehung, die für mich und Kanada wichtiger ist als die Beziehungen zu den indigenen Völkern.« Perry Bellegarde, der National Chief und Vorsitzende des Dachverbands »Assembly of First Na tions« (AFN), konstatiert: »Wir werden Versöhnung niemals durch Gewalt erreichen.«

Ende Februar setzen sich die Hereditary Chiefs der Wet’suwet’en und die Bundes- und Provinzregierung schließlich an einen Tisch und handeln eine Vereinbarung aus, die den Weg für eine Beendigung der Blockaden und eine friedliche Beilegung des Konflikts freimachen soll. Sie verständigen sich auf zügige Gespräche über die Rechte der Wet’suwet’en auf ihrem traditionellen Territorium, finden aber zunächst keine Lösung im Konflikt um die Pipeline, die offensichtlich von der Mehrheit der Wet’suwet’en abgelehnt wird, aber auch Unterstützer hat, selbst unter den Chiefs. Ein für Mitte März geplantes Treffen aller Chiefs der Wet’suwet’en zur Beilegung der Krise muss dann aber wegen einer anderen Krise, der Coronaviruspandemie, verschoben werden.

»German Indianthusiasm« oder »Die deutsche Indianertümelei«

Warum sind Europäer und vor allem die Deutschen so fasziniert von den indigenen Völkern Nordamerikas? Diese Frage hörte ich mehrfach von Kolleginnen und Kollegen und Bekannten, mit denen ich über dieses Buchprojekt sprach. Manchmal sprachen sie von Besessenheit: »Why are you so obsessed?« Einige wussten etwas über die Wurzeln dieser Begeisterung: Gab es nicht einen deutschen Schriftsteller, der über »Indianer« schrieb? Gemeint war damit natürlich Karl May mitsamt seiner imaginären Figuren Winnetou und Old Shatterhand. Ich erzählte dann über die Bedeutung der Bücher von Karl May und insbesondere der Filme, die in den 1960er Jahren gedreht wurden. Ich erzählte, dass es in Deutschland Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg und Elspe gibt und ich Winnetou, sprich Pierre Brice, in Winnetou III in Bad Segeberg sterben sah. Ich erwähnte auch James Fenimore Cooper und seine Lederstrumpf-Romane, Chingachgook und Uncas, die »letzten Mohikaner«, und die Faszination, die bis zum heutigen Tag die Romane von Jack London ausüben, welche jährlich viele Deutsche in das Yukon-Gebiet führen, wo sie die Atmosphäre der Goldrausch-Zeit und First-Nation-Kultur erleben wollen.

Hartmut Lutz, emeritierter Professor für Nordamerika-Studien und indigene Literatur an der Universität Greifswald, hat diese Faszination vieler Deutscher wissenschaftlich erforscht. Mittlerweile wird sie auch mit »Indianthusiasmus / Indianthusiasm« beschrieben. Der 1945 geborene Forscher stellt sich immer wieder die Frage, wie es möglich sein kann, dass ein Volk, in dem der Rassismus so tief verwurzelt ist, dass es den Holocaust ermöglichte, andererseits eine fremde Ethnie so glorifiziert und romantisiert.

Zusammen mit anderen Autoren hat Lutz den Band Indianthusiasm - Indigenous Responses herausgegeben. Die Aufsätze setzen sich kritisch mit den europäischen Fantasien über die indigenen Völker Nordamerikas, den »indianischen« Themenparks und den deutschen Hobby-Indianern auseinander, die sich in Camps zusammenfinden, Powwow veranstalten und vorgeblich indianischen Lebensstil imitieren. Die Wurzeln dieser Faszination und der romantisierenden Darstellung der Vergangenheit sehen einige der Autoren im deutschen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts. »Indianerspielen ist Teil der deutschen Kultur«, sagt Lutz in einem Gespräch mit mir. Denn Karl May hat mit seinen Büchern, so unrealistisch sie auch sein mögen, über viele Jahrzehnte das »Indianerbild« in Deutschland geprägt. Er beurteilt das »Indianer- spielen« erwachsener Menschen und ihren Indianerhobbyismus kritisch. »Manches ist rassistisch, zumindest infantil. Die Realität wird nicht wahrgenommen, es ist eskapistisch, also eine Flucht in eine Scheinwelt.« Die »Indianertümelei« hat nach seiner Ansicht dazu geführt, den Blick auf »die Indianer« zu verstellen. Sie spiegelt aber auch Hochmut wider: »Ich eigne mir eine andere Kultur an und betreibe sie als Hobby.« Andererseits kann »Indianthusiasmus« auch dazu führen, sich ernsthaft mit der Gegenwart und der Lage der indigenen Völker auseinanderzusetzen und damit Solidarität mit indigenen Völkern schaffen, meint Lutz. In Kanada wird der deutsche »Indianthusiasm« teils amüsiert, teils äußerst kritisch gesehen. Anders als an Fastnacht und Karneval in Deutschland sieht man an Halloween in Kanada keine Kinder in »Indianerkostüm« herumlaufen. Dies würde als rassistisch und »politically incorrect« verurteilt.

Für den kanadischen Rundfunk CBC reiste 2018 der Ojibway-Autor Drew Haydn Taylor für die Dokumentation Searching for Winnetou nach Deutschland, besuchte »Indianercamps« und sprach mit Hobbyindianern, um zu erkunden, was hinter dieser »Besessenheit« steckt. Nach Ausstrahlung der Dokumentation wurde ich sehr oft auf diese deutsche Faszination angesprochen. Sie wird nicht nur als »funny« gesehen. Kanada diskutiert sehr intensiv über »kulturelle Appro- priation«, die kulturelle Aneignung, wie das unbefugte und nicht authentische Zueignen anderer Kulturen bezeichnet wird. Wo ist die Grenze zwischen kultureller »Aneignung /Appropriation« und kultureller »Wertschätzung /Appreciation«?

Die Entkolonialisierung von Sprache

In den 1990er Jahren arbeitete ich als Redakteur in der Nachrichtenredaktion der Frankfurter Rundschau. Zu meinen thematischen Zuständigkeitsbereichen gehörten die indigenen Völker. Ich legte Wert darauf, dass in der Zeitung durchgehend einige Regeln für den Sprachgebrauch eingehalten werden. Es sollte keine Stämme mehr geben, sondern nur noch Völker, indigene Gemeinden oder Nationen. Ich wollte auch keine Reservate mehr sehen, die der Duden in erster Linie als »Freigehege für gefährdete Tierarten« definiert, sondern allenfalls Reservationen, laut Duden ein »den Indianern vorbehaltenes Gebiet in Nordamerika«. Dass das nicht ganz durchzuhalten ist, lernte ich erst in Kanada, als mir bewusst wurde, dass hier bis heute von »reserve« die Rede ist, in den USA überwiegend von »reservation«. Und ich bat darum, auf Stereotype und Klischees wie Friedenspfeife und Kriegsbeil zu verzichten. Aber wie steht es um die Bezeichnungen für die indigenen Völker? »Begriffe sind ein Minenfeld. Man kann sehr schnell verletzen, wenn man unsensibel mit der Sprache umgeht«, unterstreicht Professor Hartmut Lutz.

Im Herbst 2019 traf ich in der Kleinstadt Osoyoos im Okanagan-Tal von British Columbia Clarence Louie, den Chief der »Osoyoos Indian Band«. Wir trafen uns auf der Terrasse von Nk’mip, des ersten Weinguts in Nordamerika, das im Besitz einer First Nation ist. Chief Louie trug eine schwarze Lederjacke mit mehreren Logos von »Indian Motorcycle« und an seiner linken Hand einen Ring mit dem Schriftzug »Indian«. Ich sprach ihn darauf an und fragte ihn, ob ich ihn »Indian«, also »Indianer« nennen darf. Seine Antwort war klar: »I am an Indian.« Und dann fügte er hinzu: »Ich wurde unter dem Indian Act geboren und lebe unter dem Indian Act. Ich mag die Begriffe indigen oder aboriginal nicht.«

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