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Wagenplatz ist Risikokapital

In Berlin soll ein Teil der »Köpi« geräumt werden. Das Ultimatum des Besitzers sorgt für Widerstand.

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 6 Min.
Ein Bild aus besseren Zeiten: Im Sommer ahnten die Bewohner*innen noch nicht, dass der Köpi-Wagenplatz bis Ende Februar geräumt werden soll.
Ein Bild aus besseren Zeiten: Im Sommer ahnten die Bewohner*innen noch nicht, dass der Köpi-Wagenplatz bis Ende Februar geräumt werden soll.

Köpi is not for sale» und «buy our spaces & the city will burn», steht auf Transparenten an dem Zaun, der den Köpi-Wagenplatz in der Köpenicker Straße 137 in Berlin-Mitte umgibt. Die Kampfansagen, dass das bekannteste autonome Hausprojekt der Hauptstadt nicht verkäuflich ist und der, der es doch kauft, damit rechnen muss, dass Berlin brennt, haben den Eigentümer, die Startezia GmbH, augenscheinlich wenig beeindruckt: «Am 4. Februar haben wir erfahren, dass der Wagenplatz bis zum 28. Februar geräumt werden soll», erzählt Lukas, der, wie alle Köpi-Bewohner*innen, seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Gehen die rund 50 Menschen, die zurzeit auf dem Bauwagenplatz leben, nicht freiwillig, habe der Besitzer bereits ein Gerichtsverfahren für die Räumung eingeleitet. «Wir werden nicht gehen», stellt Lukas klar.

Es ist Donnerstagabend und die Bewohner*innen aus dem Haus und vom angrenzenden Wagenplatz haben sich zusammengesetzt, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Vom Wagenplatz weht der Geruch von brennendem Holz herüber, einer der Bauwagen-Bewohner, der sich Itchy nennt, macht sich ein Bier auf. «Die Stimmung ist gerade sehr schlecht, alle waren total schockiert von der Nachricht. Einige leben hier immerhin schon seit 20 Jahren», erzählt der 35-Jährige. Der Wagenplatz sei wie ein kleines Dorf mit vielen verschiedenen Kulturen und Sprachen, in dem sich alle gegenseitig helfen. «Wir machen alles zusammen und lernen viel voneinander, ob beim Kochen, Reparieren oder Sport», erzählt er und klingt fast schon wehmütig.

Seit sechs Jahren wohnt der Künstler hier und ist begeistert von dem «kreativen Ort», der ihn tagtäglich inspiriere, wie er sagt. Wie die anderen Wagenplatz-Bewohner*innen will er um seinen Lebensraum kämpfen, auch weil er nicht weiß, wo er sonst unterkommen könnte. In einer «normalen» Wohnung zu leben, kann sich Itchy nicht vorstellen. «Mir würde die Gemeinschaft fehlen», sagt er. «Hier leben nicht nur Menschen, die selbst gewählt haben, so zu leben, sondern auch viele, die nirgendwo anders einen Platz finden würden», erklärt Lukas. Viele der Wagenplatzler*innen kommen aus dem Ausland und haben keinen Anspruch auf eine Unterbringung durch den Bezirk, sie würden wohl auf der Straße landen.

Es ist nicht das erste Mal, dass dem selbstverwalteten Wohn- und Kulturprojekt in Mitte eine Räumung droht. Seit der Besetzung im Februar 1990 und der Legalisierung 1991 wurde das Grundstück in bester Lage unweit des Ostbahnhofs bereits mehrere Male verkauft. Als letztes hatte die Startezia GmbH Köpi und Wagenplatz als Teile eines Millionen Euro schweren Immobilienpakets erworben. Was der Eigentümer auf dem Gelände plant, ist unklar, auf nd-Anfrage war der Geschäftsführer am Freitag bis Redaktionsschluss nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Die Bewohner*innen gehen davon aus, dass die Köpi für die Startezia nur ein weiteres Spekulationsprojekt ist. «Für den Eigentümer sind wir nur ein Stück Land zum Spekulieren, für uns ist es ein wichtiger kultureller Ort und unser Zuhause», sagt eine von ihnen.

Die Bewohner*innen der Köpi hatten 2007 Mietverträge über 30 Jahre erhalten, sie sind vor einer Räumung vorerst sicher. Doch nachdem der Bezirk Mitte 2013 den Bau eines Vorderhauses vor die Köpi sowie eine Randbebauung zugelassen hatte, könnten die Wagenplatzler*innen mitten im Winter und mitten in der Pandemie ihr Zuhause verlieren. «Wir werden uns nicht teilen lassen, wir wollen gemeinsam als Köpi bleiben», stellt Hausbewohner Lukas klar. Zu den vielen unkommerziellen Kulturräumen des Projekts, darunter Werkstätten, ein Kino, Probe- und Konzerträume und Ateliers, gehöre der Wagenplatz untrennbar dazu.

«Wir sind ein wichtiger Teil der Infrastruktur von solidarischen Kämpfen – weltweit», sagt Lukas. Selbstverwaltete Räume wie die Köpi seien in einer Stadt wie Berlin, in der Freiräume zunehmend verschwinden, und in einer Zeit, in der unklar ist, wie viele kulturelle Orte die Coronakrise überstehen, wichtiger denn je. Orte, von denen auch die Stadt profitiert, immerhin steht die Köpi als subkulturelle Attraktion in jedem Reiseführer, vor der Pandemie wurden hier täglich Dutzende Tourist*innengruppen durchgeschleust. Doch genau diese authentische Kultur, mit der sich die Stadt schmückt, soll nun verdrängt werden. «Wir sind ein Teil dieser Stadt, ein Teil, wegen dem viele nach Berlin gekommen sind, Künstler, Freaks, das kann man nicht kaufen», sagt Lukas. «Sie zerstören die Kultur, die sie verkaufen», ergänzt ein anderer Bewohner.

Die Köpi sieht auch die Politik in der Verantwortung, solche Räume zu retten. Der Berliner Linke-Abgeordnete Niklas Schrader appelliert an den Bezirk, Gespräche mit dem Eigentümer aufzunehmen, um ein Räumungsmoratorium zu erwirken. «Hier ist ein überregional wichtiges Kultur- und Wohnprojekt in Gefahr, weil es nicht in die Pläne gesichtsloser Immobilienspekulanten passt. Und mitten in der Pandemie droht vielen Bewohner*innen die Obdachlosigkeit», sagt Schrader zu «nd». «Es muss alles unternommen werden, um eine Räumung abzuwenden.»

Auf die Politik allein will sich die Köpi dabei nicht verlassen. Gemeinsam mit anderen Wagenplätzen hat das Projekt für diesen Samstag ab 14 Uhr zu einer Fahrrad-Demonstration «gegen Verdrängung und für selbstbestimmtes Wohnen» aufgerufen, die von der Köpi aus zu verschiedenen, von Räumung bedrohten Wagenplätzen in Lichtenberg ziehen soll. «Wir wollen, dass Wagenplätze als Lebensform anerkannt und respektiert werden», sagt Anna Kante von der Wagenvernetzung Berlin, die die Demo organisiert. «Wir bieten Menschen einen Raum, die sich in ›normaler‹ Wohnkultur nicht wiederfinden. Räume, um Alternativen zu leben, sich politisch zu organisieren und Kunst und Kultur von unten zu kreieren und zu zeigen. All das stirbt mit der Verdrängung der Wagenplätze.»

Denn die Köpi ist nicht der einzige Wagenplatz in Berlin, der von Verdrängung bedroht ist. Die Wagenplätze «DieselA» und «SabotGarten» wurden in der Vergangenheit bereits mehrfach geräumt, erst vor zwei Wochen hatte die Räumung der Zeltstadt in der Rummelsburger Bucht für Empörung gesorgt. Viele weitere wie die «Wagenkunst Rummelsburg» oder das «Ratibor» sind akut räumungsbedroht und sollen noch in diesem Jahr ihre Plätze verlassen. Kaum einer der über 20 Berliner Wagenplätze habe eine langfristige, vertraglich gesicherte Bleibeperspektive, heißt es von der Wagenvernetzung.

Für die Bewohner*innen des Köpi-Wagenplatzes heißt das, dass sie im Fall einer Räumung nicht auf andere Plätze ausweichen können. «Wir sind zu viele Leute, und wir wollen gern alle zusammenbleiben, wir sind eine Familie», sagt Itchy. Er macht sich Sorgen, dass es trotz der großen internationalen Solidarität mitten in der Pandemie schwierig werden könnte, Widerstand zu organisieren. «Es wird nicht leicht, aber wir sind bereit zu kämpfen», sagt der Künstler. Die Nachbarschaft habe sich in den vergangenen Jahren genug zum Negativen verändert, die Stadt brauche nicht noch mehr seelenlose Bürokomplexe und Luxusapartments. Und auch in der Pandemie bleibe es bei dem altbekannten Slogan: «Köpi bleibt Risikokapital».

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