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Von Prenzlauer Berg nach Spitzbergen

Kino in Zeiten der Pandemie: vom Sammeln, Bewahren und Bedeutungswandel eines sozialen Orts

  • Von Gabriel Hageni
  • Lesedauer: 8 Min.

Liebes Publikum! Selten haben wir so viel Stillstand erlebt. Was bleibt vom Kino, wenn alles steht? Was sollen wir konservieren, aufbewahren, in die kommende Zeit retten? Wie stellen wir uns Kino künftig vor?

In dieser Zeit des Stillstands, mitten in dieser langen Nacht, erinnere ich mich an eine Mail meines alten Bekannten »Kohle«. Er war im Jahr 2016 auf Spitzbergen, dem norwegischen Eiland weit hinter dem Polarkreis, unterwegs. Die »Russen« hatten dort einst Bodenschätze abgebaut und den Archipel in den späten 90er Jahren geräumt. Zurück blieben ein Städtchen mit 1000 Einwohnern, ein Hafen, Bergbauanlagen und ein Kulturpalast mit voll ausgestattetem Filmtheater. Er schrieb: »Darin gibt es noch (!) ungeöffnete Filmrollen.« In Pyramiden, dem einst sowjetisch besiedelten Ort auf Spitzbergen, leben neben einer Handvoll Menschen nur noch Rentiere, Eisbären und Polarfüchse. Die Stadt liegt endgültig verlassen zwischen endlosem sommerlichem Polartag und tiefer winterlicher Polarnacht. Von der Masse der einst Zugezogenen widersetzte sich lediglich die einst unfreiwillig aus der Ukraine importierte, osteuropäische Feldmaus dem geordneten Rückzug. So oder so, hier spielt nun niemand mehr. Vielleicht hätten wir damals Kontakt aufnehmen und die liegengebliebenen Kopien sichern sollen?

Vier Jahre danach steht auch unser Theater still. Nach dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr hatten wir die Wiedereröffnung unseres Kinos im Juli wenigstens in Teilen auf die Straße verschoben. Die fröhliche Aufführung des Stummfilms »Nosferatu« aus dem Jahr 1922 von Friedrich Wilhelm Murnau, mit der wir symbolisch die Coronapest zu besiegen glaubten, erfolgte Anfang September ganz unter freiem Himmel. Seit der Eröffnung unseres Kinos in der Greifenhagener Straße im Jahr 1913 sahen an diesem Ort noch nie so viele Besucher gemeinsam einen Film. Bereits am Vorabend lagen uns über 200 Reservierungen vor. Noch viel stärker als gewohnt, erwies sich das Kino bei dieser Aufführung als sozialer Ort. Nachbarn, Bezirksbürgermeister und Sie, liebes Publikum, unterstützten uns bei den Vorbereitungen. Von den vielen Postkartengrüßen, Mails, Vorbestellungen, besorgten Nachfragen und großzügigen Spenden an uns ganz zu schweigen. Manche Anwohner besuchten uns zum ersten Mal oder lernten sich untereinander ganz neu von Loge zu Loge, also von Balkon zu Balkon, kennen.

Während der Aufführung teilten wir eine gemeinsame Erfahrung, die man nicht am heimischen Bildschirm, sondern nur im Kino erleben kann. Und obwohl jede Zuschauerin und jeder Zuschauer den Film auf ganz eigene Art und Weise erlebte, schien allen das kollektive Erleben wichtig. Die Verfügbarkeit des Films im Internet oder auf DVD wirkten sich keineswegs negativ auf das Interesse aus.

Vielleicht erleben Bibliotheken und Kinos zurzeit einen ähnlichen Prozess. Weil das Internet viele ihrer bisherigen Funktionen übernimmt, sind sie noch längst nicht überflüssig geworden. Sie durchlaufen vielmehr einen Bedeutungswandel. Vor allem ihre Kompetenzen im sozialen Bereich werden anders wahrgenommen oder neu geschätzt. Wir sehen das Kino heute noch viel mehr als Ort des kulturellen Austauschs, des Zusammentreffens, der Erkenntnis, des Innehaltens, vielleicht des Spielens oder des spielerischen Umgangs mit dem Medium Film. Dafür brauchen wir die Räume dieses traditionsreichen kleinen Lichtspielhauses am nördlichen Ende des Prenzlauer Berges. Kino gehört mitten hinein in die Stadt, den Stadtbezirk, die Kommune, mitten hinein ins Leben, nicht an die Autobahnabfahrt Wildau und nicht aufs menschenleere Spitzbergen.

Bei einem Kinoerlebnis begegnen sich Menschen mit den verschiedensten Hintergründen und Erfahrungen. Sie leben in unserer Nachbarschaft als Friseurin, Professor, Steinsetzer, Studentin, Klavierbauerin, als Arbeitsmigrant, Theaterintendant oder Rentnerin. Doch ohne Unterstützung von Politik und Vermietern werden wir die Spielstätten auf Dauer nicht halten können.

Dank Ihrer großen Unterstützung, liebes Publikum, sind wir unserem Vermieter bis heute keinen Euro Miete schuldig geblieben. Doch so wie sich in Bibliotheken alles um das Buch dreht, steht Kino letztendlich als Ort für den Film. Ausgangs- und Bezugspunkt bleibt immer der Mensch. Seine Gegenwart und Zukunftsprojektion sind kaum ohne Blick in die Vergangenheit zu verstehen. Aber gerade die Programme mit älteren Streifen bereiten uns Sorgen. Im Internet oft frei zugänglich, laufen bei öffentlichem Abspiel oft unvorstellbar hohe Kosten auf. Nebenbei bemühen wir uns als mit der entsprechenden Technik ausgestattetes Lichtspieltheater um eine werkgerechte Aufführungspraxis.

Dafür besitzen wir das nötige historische Handwerkszeug. Die Vorführung digitaler Reproduktionen lehnen wir nicht grundsätzlich ab, denn unter bestimmten Umständen ermöglichen diese sogar erst eine Präsentation. Doch auch hier gibt es Unterschiede. Um einen Vergleich aus dem Bereich der Musik zu bemühen: Bachs D-Moll »Toccata und Fuge« gilt bis heute als Orgelwerk und wird ausschließlich auf den entsprechenden Instrumenten vorgetragen. Niemand denkt bei klassischen Konzerten ernsthaft über den Einsatz elektronischer Apparaturen nach. Als Kinobetreiber gerät man in vergleichbarer Situation hierzulande manchmal schon unter Rechtfertigungsdruck. Denn: Deutschland digitalisiert!

Andere Länder tun das übrigens auch, denken dabei aber stärker an die Verfügbarkeit und Erhaltung des analogen Films. Hätten wir uns also um die auf Spitzbergen liegengebliebenen Filmkopien bemühen sollen? Rein wirtschaftlich betrachtet machte die Sache keinen Sinn. Allein der Besitz einer Filmkopie befreit noch lange nicht von lizenzrechtlichen Verpflichtungen, ganz abgesehen davon, dass der Rechteinhaber eine Vorführung auch versagen kann. Diesbezügliche Anfragen in Russland verlaufen immer wieder im Sande, Kooperationen scheitern nach erfolgter Absprache, oder die vorgestellten Summen bleiben auch bei ausverkauftem Haus uneinspielbar. Obwohl wir mit einer ganzen Reihe russischer Titel das beste Ergebnis in ganz Deutschland erzielen, ist unser Verhältnis zum Heulen, Genossen! Trennen uns politische Visionen oder nur kulturelle Gepflogenheiten? Wir versuchen es weiter. Übrigens, auf den Zusatz zum Namen unseres Kinos »Filme aus Russland« wollen wir nicht verzichten. Er formuliert keinen festen Zustand, eher ein Ziel, eine Herausforderung.

»Dank« der letzten großen Filmvernichtungswelle vor zehn Jahren sind viele Titel heute nicht mehr verfügbar. Statt Überbestände bei vertrauenswürdigen Interessenten auszulagern - manche Verleiher und Kopieninhaber haben das weitsichtig getan - wurde im großen Stil Filmmaterial zerstört. Letzte Exemplare werden häufig so oft begutachtet, bis sie schließlich als unspielbar gelten. Wissen die Kollegen in manchen Kinematheken nicht, mit wie viel Kraft wir um den Erhalt jeden Meters Film kämpfen?

Bei uns werden gefährdete Acetatfilme vor jedem Abspiel geprüft. Wie viel hundert Meter Perforation haben wir in der Vergangenheit bei defekt angelieferten Kopien repariert? Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich befürworten wir die Unantastbarkeit von Sicherungsstücken! Doch was geschieht mit den ausrangierten Filmen? Es heißt: Manche Kopien seien den Kinos, oder ihrem Publikum nicht mehr zuzumuten? Als Konsequenz laufen die entsprechenden Titel dann eben nie mehr, nicht im Fernsehen und nicht im Internet.

Dass es auch anders geht, haben die Kollegen vom Arsenal Institut für Film und Videokunst bewiesen. Bei der einzigen deutsch untertitelten Fassung von Schukschins »Kalina Krasnaja« waren die letzten Meter leider unwiederbringlich zerstört. Manche hätten die so unvollständige Kopie einfach weggeworfen, andere ihre besondere Schutzwürdigkeit betont und sie deshalb nie mehr der Öffentlichkeit präsentiert. Die Kollegen vom Potsdamer Platz haben uns ihr Material damals ausgeliehen, und wir konnten das fehlende kurze Ende mit einer anderen, deutschsprachigen Kopie ergänzen. So etwas funktioniert im Kino. Wir tun das, weil wir eine Musealisierung des Kinos vermeiden wollen. Weil wir gern das sind, was das Kino seit seinen Anfängen auch immer war, eine riesige Schaubude, ein Guckkasten und lebendiger Erfahrungsraum.

Ein wenig reizt uns deshalb auch die Exkursion nach Spitzbergen. Vielleicht dürfen wir die vergessenen Filmkopien mitnehmen? »Kohles« Mail hatte eine Liste mit Titeln enthalten. Wir sammeln ja eigentlich nicht und bewahren trotzdem auf. In unserem Archiv lagern über 300 analoge Filmkopien neben Theatertechnik, Fotografien, sowjetischen Zigarettenschachteln, historischen Soldatenbriefen und Konservengläsern.

Hatten wir uns nicht gegen eine Musealisierung des Kinos ausgesprochen? Ja und nein! Einerseits meinen wir: Lebendiges Kino gehört nicht ins Museum. Aber Kinos sind als Orte des Innehaltens, des Nachdenkens oder der Kontemplation durchaus dem Museum verwandt. Dinge gelten als musealisiert, wenn sie ihren ursprünglichen Kontext verlassen. Eine während der Vorstellung des Films »Nosferatu« im Foyer aufgebahrte Figur des titelgebenden Haupthelden hatten wir vorher aus dem Depot des Filmmuseums Potsdam geliehen. Noch einmal Dank dafür, liebe Kollegen! Wir hatten das Museumsstück also aus seinem ursprünglichen Kontext befreit, Nosferatu demusealisiert.

Wenn wir erführen, dass morgen das Kino unterginge, gingen wir vorher noch schnell in unser Archiv. Wir nähmen ein Glas, vielleicht die über 40 Jahre alten, eingeweckten Aprikosen aus dem Regal, zögen am Gummiring, hörten das Ploppen und fummelten mit den Fingern eine Frucht heraus. Wir nähmen sie in den Mund, zutschten am Fruchtfleisch und steckten den abgelutschten Kern in die Erde. Da wüchse dann bestimmt noch etwas ... Wenigstens im Kino könnten wir uns diese Szene vorstellen. Die restlichen Kerne packten wir zusammen mit einem eben gerade ausgedachten Film in einen Briefumschlag und schickten sie zur internationalen Gendatenbank, ins ewige Eis, nach Spitzbergen. Für die Zukunft, für das Kino!

PS: Gern nehmen wir Anmeldungen für einen gemeinsamen Kinobesuch im verlassenen Kulturhaus in Pyramiden/Spitzbergen entgegen. Technik und Film liegen dort eigentlich bereit. Für den Fall des Falles hätten wir Ersatz dabei.

Gabriel Hageni ist Leiter des vereinsbetriebenen Kino Krokodil im Berliner Prenzlauer Berg; Infos und Kontakt über www. kinokrokodil.de oder kinokrokodil@email.de

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