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Ein anderes Land

Brandenburg hat sich seit 1990 sehr verändert – die Bevölkerungsprognosen haben sich aber nicht überall erfüllt

  • Von Andreas Fritsche und Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.

»Die Attraktivität des berlinnahen Raums ist ungebrochen und die Lust, sich in Brandenburg niederzulassen, hat durch die Corona-Pandemie nach meiner Wahrnehmung sogar noch zugenommen«, sagt die Landtagsabgeordnete Andrea Johlige (Linke). »Aktuell entsteht sehr viel Wohnraum – sehr häufig als Eigentum und viel zu selten im bezahlbaren Mietsegment.«

Diese Entwicklung läuft seit den 1990er Jahren. Sie war vorherzusehen und kommt keineswegs überraschend. Dem jetzt unwiderruflich letzten Statistischen Jahresbericht für das Land Brandenburg, der gedruckt erscheint und nicht nur online publiziert wird, legte das Amt für Statistik seine Fachzeitschrift bei. Dieser Zeitschrift ist zu entnehmen, dass Brandenburg in entscheidenden Bereichen in den vergangenen drei Jahrzehnten ein ganz anderes Land geworden ist. Seine Einwohner führen inzwischen ein völlig anderes Leben.

Die Familie mit Kindern war einst mit 70 Prozent die dominierende Lebensform und hat jetzt nur noch einen Anteil von etwas über 50 Prozent. Ein Viertel der Eltern entscheidet sich gegenwärtig, nicht zu heiraten. Das sind mehr als doppelt so viele wie 1996. Je 100 Eheschließungen gab es 1991 knapp 20 Scheidungen, inzwischen sind es 31. In der Wohnung gibt es mehr Platz: 28,2 Quadratmeter hatte jeder Brandenburger einst durchschnittlich für sich, nun sind es 45,4 Quadratmeter. Die Lebenserwartung von Männern ist von 69 auf 78 Jahre gestiegen, bei Frauen von 77 auf 83 Jahre. Unter dem Strich blieb die Zahl der Einwohner ziemlich konstant bei 2,5 Millionen. Vor allem diejenigen, die aus Berlin kamen und sich im Umland ein Eigenheim bauten, glichen aus, dass junge Menschen dem flachen Land den Rücken kehrten und auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einer Arbeitsstelle in den Westen gingen.

Im Berliner Speckgürtel lebten 1990 rund 663 000 Menschen, heute sind es mehr als eine Million. Diese Entwicklung setzt sich ungebremst fort, so dass schon davon gesprochen wird, dass es noch so weit kommen könnte, dass 90 Prozent der Brandenburger auf den zehn Prozent der Landesfläche rund um Berlin zu Hause sind. Die Stadt Potsdam, die vor 30 Jahren 144 000 Einwohner zählte, nähert sich der Marke 180 000. Dagegen hat Eisenhüttenstadt seine Einwohnerzahl mehr als halbiert und Guben hat das beinahe getan. In Schwedt beträgt das Minus 42,8 Prozent. Da sind wir wieder bei der Landtagsabgeordneten Johlige. Ihr war im Jahr 2018 aufgefallen, dass die Bevölkerungsprognosen mindestens teilweise nicht exakt vorausgesagt hatten, wie es dann wirklich gekommen ist. Der Zuwachs im Berliner Speckgürtel war vorhergesagt. Doch in den Randregionen fiel der Einwohnerschwund nicht so dramatisch aus wie gedacht.
Weise Voraussicht bewiesen hat der Bundestagsabgeordnete Thomas Nord (Linke), der bereits vor mehr als zehn Jahren davor warnte, dass sich die Politik zu sehr von Bevölkerungsprognosen und anderen Vorhersagen leiten lässt. Wenn es dann anders kommt, hat die Politik falsche Entscheidungen getroffen.

Ein eindrückliches Beispiel dafür ist Cottbus. Hier sind noch vor gar nicht so langer Zeit Wohnblöcke abgerissen worden. Nun herrscht Wohnungsnot. »Die Politik war 25 Jahre lang aufs Schrumpfen ausgerichtet«, beschrieb Johlige schon im Jahr 2018 den Umgang mit den berlinfernen Gebieten. Anstatt wie früher Wohnungen abzureißen und Bahnhöfe zu schließen, müsse gebaut werden, wusste Johlige.

Inzwischen hat sich diese Ansicht durchgesetzt. In der vergangenen Legislaturperiode trug eine Enquetekommission des Landtags zur Zukunft der ländlichen Regionen dazu bei. Die Kommission hatte beim Leipziger Institut für Länderkunde ein Gutachten in Auftrag gegeben. Heraus kam, dass sich die Schrumpfung flächendeckend abschwächte, dass weniger junge Leute wegziehen und dass mehr Ältere zuziehen, um ihren Lebensabend im Grünen zu verbringen, dass überdies Flüchtlinge kommen, dass dies alles den Sterbeüberschuss aber nicht ganz ausgleichen könne – und dass es Ausreißer in der Statistik gebe.

Hat die Politik daraus gelernt? Beim von Guido Beermann (CDU) geführten Infrastrukturministerium heißt es, durch Bestandsentwicklung allein lasse sich der Wohnungsmehrbedarf in wachsenden Regionen nicht decken. »Hier sind erhebliche Anstrengungen in Form von Neubau sozial gebundener Wohnungen erforderlich.« Aber auch in schrumpfenden Städten »werden trotz Leerstands differenzierte Wohnungsangebote gebraucht«. Hier brauche es bezahlbare, kleine, barrierefreie Wohnungen.

Nach Ansicht von Johlige müsste noch viel mehr getan werden. »Gerade haben wir erlebt, dass auch Orte mit starkem Wachstum bei der Miete aus der Mietpreisbremse herausgefallen sind«, bedauert sie. »Zwar ist es nach mehreren Anpassungen endlich gelungen, das Programm zur Schaffung von Sozialwohnungen so attraktiv zu machen, dass das Geld auch abfließt. Das reicht aber nicht.«

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