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Alt wird nur, wer sich zu wenig bewegt

Straßenradweltmeister Gustav-Adolf Schur war das erste große Idol der DDR. An diesem Dienstag wird er 90. Ein Geburtstagsbesuch in Heyrothsberge

  • Von Jirka Grahl, Heyrothsberge
  • Lesedauer: 10 Min.

Täve bleibt wohl für immer einfach Täve, auch mit 90 Jahren. Das Herz seines Gegenübers weiß der Radweltmeister wie eh und je im Spurt zu gewinnen: lachend, duzend, schulterklopfend - schon, als er dem nd-Reporter die Tür zu seinem Haus in Heyrothsberge öffnet. »Na, Kämpfer! Wie geht’s Kämpfer? Wie war die Fahrt aus Berlin? Komm mal rein, Mensch!« Es ist Mitte Februar, im Vorgarten schmilzt der Schnee in der Mittagssonne, aus dem Flur strömt ein Schwall warmer Luft. Es riecht nach Essen. Gustav-Adolf Schur ist gut gelaunt. »So, nimm dir hier mal ein paar Hausschuhe und setz dich in die Stube!«, sagt Schur und wendet sich zur Treppe. »Ich gehe kurz nach oben und esse meinen Teller leer. Meine Tochter Gusti hat Rote-Bete-Suppe gekocht! Dann komme ich zu dir.«

Schur zu treffen ist wie ein Besuch beim Lieblingsonkel; bei dem, der immer eine dolle Geschichte erzählen kann. Der wirklich was erlebt hat. Der keine Langeweile kennt, anscheinend. Also hinein in die gute Stube: links ein Kaminofen und eine Hellerau-Schrankwand, rechts ein großes Sofa, davor ein Tisch, umringt von Z-Stühlen aus weißem Plaste. Wie im DDR-Museum: So sah es hier schon bei den Interviews zu seinem 80. und 85. Geburtstag aus. Nur das große Foto rechts in der Schrankwand ist neu: Renate Schur, seine Frau. Sie ist im Frühjahr 2020 gestorben. 58 Jahre lebten Reni und Täve Seite an Seite, vier Kinder haben die beiden hier großgezogen. Nun ist Schur allein.

In der Stube haben die Schurs über Jahrzehnte unzählige Reporter empfangen, hier in dem kleinen Dorf nahe Magdeburg. Und »nd« war besonders oft zu Gast, nachdem der Maschinenmechaniker aus dem Anhaltinischen in den 50er Jahren zur DDR-Ikone aufgestiegen war: Amateurweltmeister 1958 und 1959, Olympiabronze 1956 in Melbourne, Silber 1960 in Rom, neunmal DDR-Sportler des Jahres und vor allem: zweimal Gesamtsieger der Internationalen Friedensfahrt. Der »Course de la Paix« durch den Osten Deutschlands, die ČSSR und die Volksrepublik Polen war jahrzehntelang die beliebteste Sportveranstaltung der DDR - und Täve, SED-Mitglied und Volkskammerabgeordneter, ihr viel besungener Held. Bei jedem vor 1980 in der DDR Geborenen erzeugt allein das Nennen des Namens Täve sofort Friedensfahrt-Assoziationen: Mai, Fahrerfelder, Landstraßen, Fanfare, Siegerjubel. Und Täve als ewiges Idol der Rundfahrt - als erster DDR-Sieger.

In der guten Stube

Täve Schur
Täve Schur

Auch dieser Tage saßen wieder etliche Besucher in der Stube der Schurs: Täve wird an diesem Dienstag 90 Jahre alt. Und wie eh und je empfängt der pflichtbewusste Schur die Journalisten aus nah und fern. So gut es eben geht mit 90. »Hier ist ganz schön was los gerade!«, sagt er, als er schwungvoll auf dem Sofa Platz nimmt. »Aber für ›nd‹ bin ich da, Ehrensache.« Seine Tochter kommt, sie bringt Kaffee und einen Teller mit Gesundem. Vollkornkekse, Nüsse, Apfelspalten. »Bedien dich, nimm nur!«, sagt Schur. »Und dann leg los: Was willst du wissen?«

Tja, was gibt’s eigentlich noch zu fragen, nach all den Jahren und all den verrückten Wendungen, die das Leben für den Menschen Schur bereithielt? Bei all den Büchern, Interviews und Dokumentationen, die sich schon mit dem Phänomen Täve befassten?

Vielleicht erst mal: Wie steht’s um die Gesundheit? Schon geimpft? Schur schüttelt den Kopf. »Nee, ist alles ein bisschen kompliziert. Hab niemanden erreicht unter der 116 117. Ich hoffe, ich krieg die Impfung, wenn hier nebenan im Altersheim geimpft wird.« Immerhin, sagt Schur, morgen werde er auf Corona getestet, beim MDR in Leipzig. Dorthin ist er mal wieder eingeladen, zur TV-Talkshow »Riverboat«. Schur freut sich drauf, weil neben ihm auch DDR-Schauspiel-Legende Herbert Köfer da sein wird: »Der ist älter, schon 100, Mensch!« Schur weiß schon, welchen Witz er dort machen will: Köfer sehe trotz der 100 Jahre blendend aus, das müsse aber auch so sein - weil ihm die Maskenbildner immer gutes Zeug ins Gesicht geschmiert hätten. Er als Radfahrer indes habe immer nur »Dreck in die Gusche« bekommen. Haha.

Jeden Tag 5000 Schritte

Immer witzig, immer tiefstapeln, auch das ist typisch Täve. Keine Koketterie, vielmehr eine Art vorauseilende Bescheidenheit. Denn in Wahrheit sieht Schur mit seinen 90 Jahren blendend aus - schlank, rank, aufgeweckt. Auch wenn der Friedensfahrer selbst unzufrieden ist, vor allem mit seiner Fitness: Eigentlich müsse er viel mehr Gymnastik machen, klagt Schur. »Aber mein Knie macht mir zu schaffen«, seufzt er und mutmaßt, die Schmerzen könnten mit einem Sturz von anno dazumal zusammenhängen: »Auf die Seite hat’s mich mal mächtig geschmissen, wer weiß, ob das nicht heute nachwirkt!«

Wenigstens gehe er täglich mit einer guten Freundin seine Runde durchs Dorf. »Anderthalb, zwei Kilometer, 5000 Schritte.« Wenn der Schnee weg ist, will er wieder aufs Rad steigen und mit einem Freund die gewohnte Strecke abstrampeln: »So um die 50 Kilometer.« Das müsse sein. Und mit gesunder Ernährung klappe es bei ihm ja ganz gut. Schur erzählt, er folge den Empfehlungen von Galina Schatalova, die in ihren Büchern zu einer sehr sparsamen Diät mit nur wenigen Hundert Kalorien rät. Schur schwört auf Schatalova: »Eine kleine Frau, die im Zweiten Weltkrieg als Sanitäterin bei den sowjetischen Truppen schlimmste Dinge gesehen und später studiert und geforscht hat. Ihr Buch mit dem Titel ›Wir fressen uns zu Tode‹ ist für mich sehr lehrreich und immer wirkungsvoll, wenn ich es noch einmal lese.«

Begeisterung für Noam Chomsky

Gesunde Ernährung und Bewegung - und sonst so? Womit füllt Täve seinen Tag? Schur greift sich eine Haselnuss und sinniert: Es sei viel zu tun am Haus, jeden Tag. Immer was zu arbeiten, grad sei er mit dem Schnee beschäftigt, der müsse vom Dach. Er lese Zeitung, natürlich; »Junge Welt« und »nd« hat er im Abo. »Kennst du Noam Chomsky? Der Mann hat neulich was sehr Kluges bei euch im ›nd‹ gesagt.«. Er springt auf und holt einen Zeitungsausschnitt, in dem er Sätze des US-Vordenkers gelb markiert hat: Chomsky spricht von der Angst vor Atomwaffen, von Umweltkatastrophe, einer riesige Einwanderungskrise durch die globale Erwärmung und sagt, dass es keine Alternative zu politischem Aktivismus gebe. »Besser kann man es nicht zusammenfassen«, findet Schur. »Übrigens, ich bin auch für Fridays for Future, die Kinderbewegung, die finde ich sehr, sehr gut.«

Er steht am Bücherregal und fängt an zu schwärmen von der Literatur. »Erik Neutsch, kennst du den? Hervorragend!« Oder hier, sagt er und zieht ein blaues Buch aus dem Regal: »Gisela Steineckert: Langsame Entfernung. Ganz stark, Mensch!« Die Schriftsstellerin kenne er persönlich, sie habe jüngst den Kontakt zu einer Bildhauerin vermittelt. Die Künstlerin habe von seinem Gesicht einen Abdruck genommen. Bald werde eine Täve-Statue fertig sein: »Dann gibt es zwei Nischl«, sagt er und lacht laut auf. Schur und Marx, die Absurdität des Gleichnisses gefällt ihm.

Das Größte war der Sachsenring 1960

Interessiert ihn denn der große Sport noch? Im Fernsehen beispielsweise? »Na ja, Biathlon gucke ich mir schon an«, sagt Schur. Sonst interessiere ihn nicht viel, Fußball schon gar nicht. Und Radsport? Ja, ab und an schalte er ein, die Zielankünfte der Tour de France, aber keine ganzen Etappen. »Das ist ein ganz anderer Sport als bei uns damals!«

Ach ja, die guten alten Zeiten: Weltmeister, Friedensfahrtsieger, Olympiasilber - was war sein schönster Erfolg? Schur zögert keine Sekunde: »Der Sachsenring! Weil sich da gezeigt hat, was die Massen begeistert!« Bei der Straßenrad-WM 1960 am heimischen Sachsenring entstand der Mythos Täve: Im Amateur-Straßenrennen war der DDR-Kapitän Schur als zweifacher Weltmeister der große Favorit, doch als kurz vor Schluss aus einer Dreierspitzengruppe sein DDR-Teamkamerad Bernhard Eckstein angriff, fuhr Schur wider Erwarten nicht hinterher. Der dritte Ausreißer, ein Belgier, belauerte den Weltmeister, statt Eckstein zu folgen - in der Gewissheit, Schur werde gleich selbst dazu ansetzen. Doch Täve tat nichts: Eckstein fuhr davon und gewann sensationell Gold für die DDR, Schur holte sich im Spurt sogar noch Silber.

Später räumte Schur ein, dass Eckstein in jenem Moment auf dem Sachsenring einfach in besserer Verfassung war als er. Doch die Opfer-Story war stärker. Sie taugte perfekt für jene Heldengeschichte, die bis 1989 in Dauerschleife durch die DDR-Sportberichterstattung lief: In einem guten sozialistischen Kollektiv nimmt sich der Einzelne im Fall der Fälle zurück. Selbst wenn es um WM-Gold geht. »Wie das Rennen lief, das hat die Menschen glücklich gemacht«, glaubt Schur.

Bis heute bekommt er regelmäßig Fanpost, und wenn er im 30 Kilometer entfernten Friedensfahrtmuseum in Kleinmühlingen zu Gast ist, kommen immer ein paar Dutzend Radsportbegeisterte und lassen sich Bücher oder Trikots signieren. Täve taugt noch heute als ideale Projektionsfläche für ein schwärmerisches Bild von der DDR. Arbeiterjunge, Weltmeister, Vater von vier Kindern (darunter ein Olympiasieger), von 1958 bis 1990 für FDJ und SED in die Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik abgeordnet. Ehrliche Haut, immer gut gelaunt, volksnah. Hätten nicht alle in der DDR so fröhlich und aufrichtig an den Sozialismus glauben und - vor allem - ihn in die Praxis umsetzen können?

Unbeirrbar für die DDR

Schur hält die DDR bis heute für den besseren Staat. Diese Unbeirrbarkeit macht ihn zum Idol all jener, die dem Arbeiter- und Bauernstaat nachtrauern. Seine Beliebtheit zapfte die PDS 1998 an: Gregor Gysi überredete Täve, für den Bundestag zu kandidieren. Schur, damals 67, willigte ein - auch, um seinem Sohn aus der Patsche zu helfen, der mit einem Hotelprojekt im Harz gescheitert war und auf einem sechsstelligen Schuldenberg saß. Schur wurde zum zweiten Mal Parlamentarier.

Hat es ihm im Bundestag gefallen? Schur lehnt sich zurück in sein Sofa. »Überhaupt nicht. Sicher, im Bundestag habe ich bedeutende Leute kennengelernt«, sinniert er, »Christa Luft, Heinrich Fink, feine Menschen, echte Vorbilder.« Aber das Politikmachen sei »viel zu kompliziert« gewesen: »Wenn ich die Massen von Papier sehe, die im Vorsaal ausgelegt waren - immer neue Gesetzesvorlagen, Vorschläge! Tonnen von Material! Da tut einem der Kopf weh, da darf ich gar nicht dran denken. Das schafft man gar nicht.«

Niederlagen gehören dazu

Schur hat kein Problem damit, in der Rückschau auch Fehler einzuräumen. Dem Weltmeister fiel nach seinem Karriereende nicht alles so leicht wie in seinem Sportlerdasein. Von 1964 bis 1970 versuchte er sich als Trainer mit Jugendlichen. Er hatte ja Sport an der DHfK studiert. War er ein guter Trainer? »Nein, war ich nicht. Ich war viel zu weich. Du musst dabei eine bestimmte Härte an den Tag legen, du musst raus und immer vor Ort sein, mit den Eltern sprechen und viel erklären. Ich hatte aber grad geheiratet und zu Hause Kinder, das war alles schwer machbar.«

Irgendwann wurde es ihm zu viel. Deswegen sei er ganz gern als Funktionär zum Deutschen Turn- und Sportbund in Magdeburg gewechselt: »Ich war verantwortlich für Propaganda, Kultur und internationale Arbeit.« Aber auch das sei ihm nicht leicht gefallen. Keine Fremdsprachenkenntnisse, keine Erfahrungen - und als Verantwortlicher des Bezirkes Magdeburg immer wieder zu den DTSB-Granden nach Berlin zitiert. »Ich stand zwischen Baum und Borke«, sagt er heute. »Das war nix.« Waren Trainerzeit und Funktionärs-Ära Niederlagen für den Siegertypen Schur? »Ja, natürlich«, sagt er ohne Zögern, »das war alles nicht zufriedenstellend.«

Und nun, wie ist sein Leben heute, als 90-Jähriger? Täve nippt an seinem Kaffee. »Ach, weißt du, man hat eigentlich gar keine Zeit, groß darüber nachzudenken.« Er freue sich auf die Geburtstagsfeier im kleinen Kreis: »Meine Kinder dürfen kommen, sonst keiner. Die Tür bleibt zu, und das Telefon wird sowieso rausgezogen. Wer gratulieren will, soll mir einfach eine Karte schreiben!«

Gibt es ein Motto, eine Lebensweisheit des Täve Schur? »Ein Motto? Hm. Ich habe mal gesagt: Man bewegt sich nicht weniger, weil man alt wird, sondern man wird alt, weil man sich weniger bewegt. Das ist auch für mich persönlich eine Art Leitfaden gewesen: Bewegen! Wir müssen uns bewegen, allesamt!«

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