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  • Berlin
  • Auswirkungen der Coronakrise

Verzweiflung bei Eltern und Kindern

Psycholog*innen versuchen, die Pandemie-Situation von Schüler*innen und ihrem Umfeld zu erfassen

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 5 Min.

Maren Peters versucht es sachlich: »Es kann an allen Stellen Probleme geben, oft auch an mehreren Stellen gleichzeitig«, fasst die Schulpsychologin für Gewaltprävention und Krisenintervention zusammen. Peters arbeitet im Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum (Sibuz) in Pankow. Gefragt nach der Situation von Berliner Kindern und Jugendlichen in der Pandemie, beschreibt sie anschaulich, wie sich viele von ihnen mit der monatelangen Abwesenheit von äußerer Tagesstruktur schwertun, sich damit herumschlagen müssen, selbstständiger als sonst die schulischen Aufgaben bewältigen zu müssen. Möglicherweise, so Peters, war die Situation des Lockdowns und des Zuhause- Lernens für manche am Anfang sogar spannend und neu. »Aber das hat schnell nachgelassen.«

Auch eine motivierte und begabte Zweitklässlerin mit einer engagierten Mutter und einem im Ausland arbeitenden Vater bekommt in einer Zweiraumwohnung einfach nicht die notwendige Ruhe und Unterstützung, weil sich dort alles um die frischgeborenen Zwillingsbrüder dreht. Das Mädchen sei »völlig verzweifelt«, erklärt die Psychologin.

Oder der stille, schon immer eher zurückgezogene Elftklässler, der ohne die wenigen Kontakte, die er vorher hatte, in ein tiefes Loch fällt und vermehrt suizidale Gedanken hegt: »Er tut nichts mehr für die Schule, aber die Tatsache fällt weder Eltern noch Lehrkräften über längere Zeit auf.«

Ein großes Problem: Kinder und Jugendliche fallen mit ihren Problemen und Nöten nicht mehr auf, sind nicht mehr ansprechbar oder können sich nicht mitteilen. So wie das aufgeweckte Mädchen einer vierten Klasse, das es aufgrund von Konzentrationsproblemen nicht schafft, die Arbeitsblätter auszufüllen und den Wochenplan abzuarbeiten. Dabei gerät nicht nur das Kind unter Druck, sondern auch die Eltern. So dass ihnen immer wieder »die Hand ausrutscht«, weil weder sie noch die Lehrkräfte in der Lage sind, zu erkennen, dass die Schülerin überfordert ist. Maren Peters beschreibt auch eindrücklich die Situation von Kindern in einer Flüchtlingsunterkunft: Kein WLAN und kein Drucker, keine Hausaufgabenbetreuung aufgrund der Corona-Bestimmungen. »Die Kinder verstehen die Aufgaben nicht, verlieren ihre deutschen Sprachkenntnisse, verlernen wieder Lesen und Schreiben«, berichtet die Psychologin.

Rückschläge, Ängste, Gewichtsverlust bis hin zu stationären Behandlungen. Die Lage ist für viele Kinder und Jugendliche sehr ernst. In Berlin kommen seit Beginn der Corona-Pandemie mehr von ihnen etwa mit Ängsten, Essstörungen oder Depressionen zur Behandlung in psychiatrische Kliniken, wie zuletzt aus einer Sonderauswertung der Krankenkasse DAK hervorging. Die Zahl solcher Einweisungen hat sich demnach in der Hauptstadt im ersten Halbjahr 2020 fast verdoppelt. »Es ist insgesamt ein Riesenthema unter Kollegen«, sagt der Jugendpsychiater Martin Holtmann vom Beirat der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Viele Stationen bundesweit seien in diesem Winter voll, die Sprechstunden überlaufen.

Christoph Correll, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie auf dem Charité-Campus Virchow, sagt, was in seiner Klinik häufiger vorkommt als vor der Pandemie: »sehr magere essgestörte Mädchen, noch dünner als früher« zum Beispiel. »Wahrscheinlich, weil Lehrer, Freundinnen oder Kinderärzte als Korrektiv fehlen.« Auch Hautritzen als zerstörerische Bewältigungsstrategie komme häufiger vor.

Aus Sicht von Schulpsychologin Maren Peters sind die Probleme im ersten und zweiten Lockdown grundsätzlich dieselben. Jedoch gibt es im zweiten Lockdown durch den Winter weniger Ausweichmöglichkeiten in das »Draußen«, zum Beispiel weniger Sport, und noch weniger Kontakte. Außerdem sei anzunehmen, dass sich durch die nun schon länger andauernden Maßnahmen die persönliche Situation der Familien eher verschlechtert hat, die Kräfte abnehmen und die Überforderungssituationen sich häufen. Immerhin hätten sich die Schulen weiterentwickelt, der Onlineunterricht habe sich verbessert und vor allem der Förderunterricht in Präsenz sei enorm wichtig für Schüler*innen, die zu Hause aus verschiedenen Gründen »nicht ins Lernen kommen«.

Und natürlich gibt es auch Kinder, die die soziale Situation an der Schule sonst eher als belastend empfinden, die gemobbt werden oder eine autistische Störung oder soziale Ängste haben. Sie erleben es als Entlastung, zu Hause bleiben zu können. Auch Schüler*innen, die mit den inhaltlichen Anforderungen nicht zurechtkommen, haben mitunter den Eindruck, dass es jetzt nicht mehr so auffällt oder nicht so wichtig ist, wenn sie etwas nicht verstehen.

Maren Peters findet es richtig, dass nun zunächst die Jüngsten in den Wechselunterricht zurückkehren konnten. Sie können am wenigsten selbstständig lernen, sind fast vollständig auf das technische, persönliche und inhaltliche Vermögen der Eltern angewiesen. Im Fall einer Kindeswohlgefährdung können sie sich schlecht selbst Hilfe suchen.

Aber auch alle anderen sollten für ihre persönliche Entwicklung und psychische Gesundheit die Möglichkeit zu einem positiven und unterstützenden Sozialkontakt in der Schule haben, sowohl mit Lehrkräften als auch mit Mitschüler*innen - mehrmals in der Woche. »Aus meiner schulpsychologischen Sicht sollte alles getan werden - Impfungen für Schulpersonal, Schnelltest, Lüftungsanlagen, Treffen und Unterricht im Freien - um die Schüler*innen schnell und regelmäßig in die Schulen zu holen. Und wenn es nur zweimal pro Woche oder eine Stunde täglich ist«, betont Peters. »Das motiviert, gibt neue Energie, Freude, Input, verhindert das Abrutschen und Abdriften und ermöglicht den Schulen einzuschätzen, welchen Schüler*innen es zu Hause nicht gut geht und was die Hilfsmöglichkeiten sind.«

Ob bei Kindern, Eltern, Psycholog*innen: Die Anstrengungen, die Situation der Pandemie zu bewältigen, sind enorm. Und mit ihren Folgen werden viele Berliner Familien noch lange zu kämpfen haben.

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