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Onkel Willis unbekanntes Werk

Wie lebte, wie malte Willi Sitte? Eine Recherche zu seinem 100. Geburtstag. Von seinem Urgroßneffen.

  • Von Aron Boks
  • Lesedauer: 14 Min.

Es war der 31. Januar. Wir saßen beim Abendessen. Meine Eltern, mein Bruder, meine Großmutter und ich. Auf einmal sage ich, dass Willi Sitte nächsten Monat 100. Geburtstag hat. Das hatte ich auf Wikipedia gelesen. Willi Sitte ist ein berühmter Verwandter: »Onkel Willi«. Man sagt, er sei der einflussreichste Künstler der DDR gewesen. Ich habe ihn nicht kennengelernt. Er ist mein Urgroßonkel.

Das Gespräch, das sich nun entwickelt, wirft die typischen Fragen auf, die sich immer ergeben, wenn von Onkel Willi die Rede ist. War er mehr Künstler oder Parteifunktionär? Wurde er nicht mehr von der Stasi überwacht, als das er der Stasi Informationen lieferte? Wann wurde er von Picasso inspiriert, einen neuen Stil zu schaffen? Und warum war er in der DDR so erfolgreich?

Meine Großmutter erzählt dann gerne Anekdoten, aber eine schlüssige Antwort hat sie nicht. Die hat niemand von uns. Plötzlich steht meine Großmutter auf: »Ich muss noch etwas vom Dachboden holen«, sagt sie. Als sie wieder vor uns steht, hat sie ein Bild in den Händen. »Es ist von meinem Onkel«, sagt sie. Tatsächlich war Willi Sitte ihr Onkel. Das Bild habe er ihrem Vater zur Hochzeit geschenkt, erzählt sie, 1940, im Krieg, in Reichenberg. Die Stadt heißt heute Liberec und liegt in Tschechien. Und Kratzau heißt Chrastava. Das ist in der Nähe. Dort wurde Willi Sitte am 28. Februar 1921 geboren. Sein Vater war Bauer. Und Kommunist.

Das Bild ist ein Ölgemälde mit bemerkenswert detaillierten Figuren. Zwei Männer kümmern sich um das Nutzvieh, während eine Frau ein Kleinkind auf dem Schoß hält. Um die Figuren herum ist üppige Landschaft, festgehalten in diesen barock nachmittäglichen Lichtfarben, die immer etwas Schweres in sich tragen. Das Gemälde erinnert mehr an Albrecht Dürer, als an jenen Maler, der in der DDR den sozialistischen Realismus prägen sollte. Am rechten Rand des Bildes steht »1940«. Eine Signatur fehlt.

An der FU in Berlin habe ich einmal über meine Verwandtschaft zu Willi Sitte gesprochen. Ich saß im Seminar über Exilpublizistik wir diskutierten Bertolt Brecht und sein Verhältnis zur DDR. Über Umwege kamen wir auf Sitte zu sprechen. Ich sagte, er sei mein Urgroßonkel. Allein diese Äußerung bescherte mir eine Teilnahmebestätigung für das Seminar. Doch eigentlich weiß ich nichts über diesen Onkel Willi.

Und jetzt ist da dieses Gemälde, das nicht signiert ist. Und der 100. Geburtstag am 28. Februar. Es wird Zeit, mehr über diesen, mir fremden Verwandten zu erfahren.

Farben und Folgen

Ich sitze mit der Kunsthistorikerin Gisela Schirmer in ihrer Bibliothek in Osnabrück. »Nein, familiäre Ähnlichkeit kann ich bei Ihnen nun wirklich nicht erkennen.«, sagt sie zu mir, nachdem ich ihr meinen Verwandtschaftsgrad zu dem Mann geschildert habe, dessen Biografie sie 2003 unter dem Titel »Farben und Folgen« veröffentlicht hat. Ich habe dieses Buch im Regal meiner Eltern gefunden. Und mich dann mit Gisela Schirmer verabredet. Sie berichtet mir viel über die Entstehung ihres Buchs und was sie an Sittes Werk interessant findet: seinen unangepassten Stil, der von Ambivalenzen geprägt sei. Je mehr ich sie frage, desto mehr wirken ihre Antworten wie eine dreidimensionale Powerpoint-Präsentation. Kombiniert aus Kommentaren, Geschichten und den Sitte-Gemälden, die um uns herum an den Wänden hängen. Davon fasziniert verliere mich in den Anekdoten, die ich über ihn gehört habe. Ganz so, als würde ich tatsächlich über einen geliebten Verwandten sprechen. Ich stelle nur Fragen, die Schirmer schon alle in ihrem Buch beantwortet hat. Es entstand aus Gesprächen mit Sitte und wurde auch von ihm autorisiert.

Als ich ihr das nicht signierte Gemälde meiner Großmutter zeige, weiten sich ihre Augen. Sie vergrößert das Bild auf meinem Handydisplay. Warum hat er das gemalt?, frage ich. Sie zögert. »Keine Ahnung«, sagt sie schließlich. Aber ich bekomme einen Hinweis, wo ich mehr erfahren könnte: In Kronenburg, in der Eifel.

Auftraggeber: Adolf Hitler

Ich fahre mit dem Auto hin. Die gedrungene 400-Seelen-Ortschaft macht den Eindruck, als würde sich ein ganzes Dorf in seinen bauchigen Mauern und Fachwerkhäusern verkriechen. Hier könnte das unbekannte Werk meiner Großmutter entstanden sein, schließlich hat Willi Sitte 1940 hier studiert. An der Hermann Göring-Meisterschule für Malerei, Kronenburg.

Das hier ist Westdeutschland. Ich mache einen kleinen Test. Die erste und einzige Person die ich bei meiner Ankunft auf einem Parkplatz treffe, frage ich, ob sie den Maler Willi Sitte kennt. Ich betone dabei das Wort »Maler«. Ich spreche es wie eine Schlagzeile aus: »MALER«. »Nein«, sagt die Person und geht weiter.

Kronenburg ist benannt nach einer Burgruine. Die steht in einer hügeligen Landschaft, die aufstrebenden Künstler Inspiration an jeder Ecke garantieren dürfte. Viel Zeit zum Wandern und Entdecken wird Willi Sitte hier jedoch nicht gehabt haben, da er sich zusammen mit den anderen Kunststudenten bis zum Ende des Krieges ausschließlich an den Auftragsarbeiten des Direktors Werner Peiner widmen sollten. Der Maler wurde noch 1944 in die »Gottbegnadetenliste« der Nazis aufgenommen. Seine Schüler in Kronenburg mussten sieben riesige Wandwebereien, die Nazi-Nostalgien, wie etwa die die Schlacht im Teutoburger Wald, darstellen sollten, anfertigen. Auftraggeber: Adolf Hitler. Gegen diese Ausbeutung half auch nicht das Protestschreiben, das Willi Sitte zusammen mit zwei weiteren Studenten und einer Sekretärin 1941 verfasst hatte. Man legte ihm nahe, sich zurückzuziehen. Als Sitte sich weigerte, musste er zur Wehrmacht und wurde an die Ostfront versetzt.

»Ja, gelernt hat hier keiner was«, raunt mir Martin Schöddert zu und zeigt auf eine Fotografie an der Wand hinter uns. Er ist Leiter des Gebäudes der ehemaligen Meisterschule. Inzwischen wird es vom Land NRW als »Haus für Lehrerfortbildung« genutzt. Schöddert zeigt auf eine Fotografie, an der Wand hinter uns. Darauf zu sehen ist ein junger Mann, der vor einer riesigen Leinwand steht und an einer Skizze arbeitet. Natürlich frage ich Schöddert sofort, ob das nicht möglicherweise mein Urgoßonkel sein könnte. »Ich hab Ihnen gleich gesagt, das kann ich nicht sagen!«, ruft Schöddert in breitestem Kölsch, »aber ich habe hier etwas anderes für Sie.« Er übergibt mir einen USB-Stick mit gut 800 Dokumenten des Schularchivs. Wie ich später am Rechner feststelle, liefern sie mir einen Überblick über die Buchhaltung der Göring-Meisterschule von 1936 - 1944. Aber meine Fragen zu Willi Sitte bleiben leider unbeantwortet.

Wortlos sind Martin Schöddert und ich in das ehemalige Atelier gegangen, das inzwischen als Mensa der Tagungsstätte für Lehrer dient, und schauen noch einmal auf die Fotografie des Meisterschülers, der Sitte sein könnte. Aber nur eventuell. »Viel Glück noch!«, sagt Schöddert zum Abschied.

Das gescheiterte Studium in Kronenburg führte letztlich dazu, dass Willi Sitte während des Krieges mit italienischen Partisanen in Kontakt kam. Er war an der Ostfront an Gelbsucht erkrankt. Zur Erholung wurde er auf Heimaturlaub geschickt und danach nach Norditalien abkommandiert, nach Vicenza. Dort kam er in Kontakt mit der Resistenza. Er desertierte und schloss sich den Partisanen an.

In Norditalien hatte er auch seine erste erfolgreiche Ausstellung, 1946 in Mailand. Aber er ging dann zurück nach Deutschland und landete in Halle an der Saale. Dort wurde er Lehrer für das zeichnerische Grundstudium. Um genau jenen realistischen Stil zu vermitteln, mit dem er dann international bekannt werden sollte.

Ein unnormaler Lehrer

Fast 40 Jahre hat Willi Sitte in Halle an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein gelehrt. Ich fahre hin. Kaum angekommen, gebe ich mich den malerischen Beschreibungen der Pressesprecherin Brigitte Beiling hin. Mir wird schnell bewusst, dass ich hier keine Antworten auf die Fragen zu »meinem Gemälde« bekommen werde. Auch bleiben meine Fragen zu Sittes Anfängen als Lehrer ungeklärt. Dieses Kapitel seiner Biografie ist besonders dunkel, denke ich, während wir durch den verschneiten Burggarten stapfen, um in die ehemalige Textil-Werkstatt von Sitte zu gehen. Dort unterrichtete er Textilgestaltung.

In der Werkstatt knarren die Holzdielen. Ich stelle mir vor, wie bedächtig die Studierenden darauf gelaufen sein müssen. Es ist Nachmittag, Licht fällt durch die Fenster. Vielleicht hat Sitte zu dieser Uhrzeit in den Rosengarten hinaus geschaut und sich gezwungen, diesen Blick zu genießen? Zufrieden konnte er damals nicht sein. Denn er sollte sozialistischen Realismus lehren, dabei wollte er sich künstlerisch neu orientieren und zwar an Pablo Picasso. »In seiner Malweise tendiert er zu Abstraktionen und unnormalen Gebilden« lauteten damals die Vorwürfe gegen ihn. Ich habe sie in Berlin in Sittes Stasi-Akte gelesen. Da steht, er sei »wegen übermäßiger Übertreibung von menschlichen Gliedmaßen bei den dargestellten Arbeitern stark angegriffen und kritisiert worden«. Sein Vergehen war »Formalismus«: Ein Stil, der mehr Wert auf die Form legt als auf den Gehalt. Das vertrug sich nicht mit der sowjetisch-sozialistischen Kunsterwartung. Die Folgen waren zwei Suizidversuche und eine kurze Lehrpause. Doch dann lernt ihn Ingrid Dreßler kennen, sie ist 19 Jahre jünger als er. Sie verlieben sich, heiraten und ziehen zusammen in ein Haus in einer Straße namens »Frohe Zukunft«, da wohnt Ingrid noch heute.

Seine Arbeitsstätte beschrieb die Stasi 1964 so: »Das Atelier dient ihm gleichzeitig als Wohnzimmer, eine Ecke ist mit bequemer Sitzbank, Fernseher, Plattenspieler, Bücherecke und Aquarium ausgestattet.« Stimmt auch noch 2021, nur das Aquarium fehlt.

Die Kunstwerke, die Sitte geschaffen hat, kann man hier immer noch anschauen. Jedenfalls ein paar. Wesentlich mehr davon werden bald in der Sitte-Ausstellung in der Moritzburg in Halle zu finden sein. Als Sitte sie malte, lief klassische Musik, »ganz laut, das hat man bis draußen gehört!«, sagt mir Ingrid Sitte, während sich unter ihrer Brille zaghafte Lachfalten bilden. »Er war da sehr diszipliniert. Ab 14 Uhr hat er gearbeitet, bis es dunkel war.« Und was hat er vorher gemacht? »Da war er meistens im Garten«.

Ich zeige ihr das abfotografierte Gemälde meiner Großmutter. Wie wirkt das auf sie? Zu gern würde ich nach diesem Text alle Mundbewegungen nachsehen können, die mir in den Gesprächen durch die FFP2-Masken verwehrt geblieben sind. Ingrid Sitte holt hektisch ein Notizbuch hervor. »Das Hochzeitsgeschenk?«, murmelt sie. »Ja!«, rufe ich. Meine Stimme ist dabei viel zu laut. Ich zeige auf die Bleistiftschrift auf dem Gemälde, das neben der Jahreszahl nur das Wort »Leben« zu erkennen gibt. »Ja, das ist seine Schrift.«, sagt sie. »Klar: Kronenburg. Kaum zu glauben, dass das ein Sitte ist, oder?«

Ich weiß jedoch nicht, was ein »echter Sitte« sein soll und frage sie stattdessen, ob es sie stören würde, wenn sie ständig zu ihrem 2013 verstorbenen Ehemann befragt wird? »Überhaupt nicht.«, sagt sie sofort. »Ich hoffe einfach, dass jetzt alle endlich das Interesse gegenüber seiner Kunst aufbringen, das er auch verdient.«

Was passierte 2001 in Nürnberg?

Aber wieso war das die ganze Zeit nicht möglich? Wegen der DDR? Ist Sitte denn sofort nach 1989 aus dem öffentlichen Interesse verschwunden? Wichtig ist das Jahr 2001. Damals sollte im Deutschen Germanischen Museum Nürnberg eine große Ausstellung zu Sittes Leben und Werk statt finden. Doch dann wurde die Ausstellung abgesagt. Der Vorwurf: Sitte habe in der DDR, als er Präsident des Verbandes Bildender Künstler war (1972-1986), aktiv verhindert, das andere ostdeutsche Künstler*innen in der BRD ausstellen durften - ihm war das gestattet. Ich telefoniere mit Ulrich Großmann, der Direktor des Germanischen Museums war. Er erinnert sich noch gut an 2001. Es seien damals »berechtigte Bedenken« wegen Sittes Funktionärsrolle aufgekommen, sagt er. Hauptleidtragender war der Künstler Eberhard Göschel. Den versuche ich nun anzurufen. Seine Frau geht ran. Sie fragt Göschel, ob er mit mir sprechen will. Aber nur, weil ich so eine angenehme Stimme habe, wie sie mir versichert. Aber ich habe keine Chance. Nie wieder wolle er darüber sprechen, sagt mir seine Frau. Stattdessen könne ich mit ihr darüber reden. Ich versuche es. Ich weiß nicht, ob ich zu wenig nachgefragt und zuviel in meinen Laptop getippt habe, jedenfalls fordert sie mich später per SMS dazu auf, nichts von unserem Gespräch zu veröffentlichen.

Wieder schaue ich in Sittes Stasi-Akten. Willi Sitte habe 1984 als Präsident des Verbandes Bildender Künstler eine Bitte des westdeutschen Bankiers Bernhard Freiherr von Löffelholz abgelehnt, steht da. Der Bankier wollte den Dresdner Künstler Eberhard Göschel mit einem Großwerk beauftragen. Doch Sitte attestierte diesem jedoch Unfähigkeit und schlug Löffelholz vor, doch besser einen BRD-Künstler zu beauftragen. Berechtigterweise beschlich Göschel die Sorge, seine Existenz wäre nicht nur dadurch gefährdet, dass er (im Gegensatz zu Sitte) nicht mehr in die BRD verkaufen könnte, sondern dass man ihm nun auch in der DDR Steine in den Weg legen würde, wenn der Verbandspräsident ihn ablehnte. Der Fall ging, 27 Jahre später, durch einen von von Löffelholz verfassten Bericht über »einige Bedenken« an den Verwaltungsrat des Germanischen Museums viral. Kurz vor der geplanten Ausstellung. Es wurde eine Tagung organisiert, um Sittes Funktionärsrolle in der DDR zu klären. Die Ausstellung wurde nicht eröffnet.

Warum hatte mir Gisela Schirmer nichts davon gesagt? Sie hatte lediglich auf ihr Nachwort verwiesen, in dem sie die damalige Kontroverse in den Feuilletons über Sitte als irrational darstellt. Ich fahre wieder zu ihr nach Osnabrück. Als ich erneut ihre Bibliothek betrete, ist die Stimmung etwas angespannter als beim letzten Mal. Statt Tee und Gebäck findet sich jetzt, bereits vorsortiert, ein Stapel mit alten Zeitungsberichten, Katalogen und Notizen auf dem Tisch.

Ich blättere durch die Artikel des Jahres 2001: »Willi Sitte sagt Veranstaltung ab« (»Spiegel«); »Das System Sitte« (»Zeit«) oder »Es gibt keine richtige Avantgarde in der falschen« (»Welt«), um nur einige Überschriften zu nennen. Während ich mir einzelne Sätze notiere, holt Gisela Schirmer weitere Kataloge aus ihren Schränken. Außerdem zeigt sie mir den Vertrag der geplanten Ausstellung, den Willi Sitte bereits 1999 unterschrieben hatte. Klar und deutlich steht da: »Ausstellungszeitraum ist Ihr 80. Geburtstag«. Ulrich Großmann aber hatte mir während unseres Telefoninterviews mitgeteilt, dass ein »Geburtstagsangebot« nie zur Debatte gestanden hätte, sonst könnte ja jeder Künstler eine Ausstellung zu seinem runden Geburtstag verlangen.

Auch ein Interview in der FAZ aus dem Jahr 2001, kurz nach der Absage der Veranstaltung, wirft Fragen auf. Dort erklärt Claus Pese, damals Archivar des Germanischen Museums, dass das Haus die Ausstellung abgesagt hätte. Ich rufe ihn an und frage, wie es denn sein kann, dass Willi Sitte damals selbst auf eine Verschiebung der Veranstaltung verzichtet habe. Daraufhin erwidert Pese, dass ich doch wissen müsste, »was Journalisten manchmal aus Aussagen machen«.

Später seufzt Ulrich Großmann nur, als wir schon wieder telefonieren. Er spricht von internen Unstimmigkeiten, die sich nicht immer vermeiden ließen. Und Claus Pese besteht darauf, sich in Zukunft nur noch schriftlich über diesen Vorfall zu äußern.

Diese Aussagen malen weiter an dem Bild des Ungefähren, das ich schon aus den Gesprächen in meiner Familie über Sitte kenne. Fakt ist: Die Nürnberger Ausstellung wurde abgesagt. Zwei Jahre später stellt Willi Sitte seine Arbeit ein, zehn Jahre darauf stirbt er, am 8. Juni 2013 in Halle. Eine große Retrospektive in der Moritzburg Halle findet in diesem Herbst 2021 statt.

Erschöpfen und Entdecken

Ich denke an Ingrids Sittes müden Blick, als sie sich wünschte, dass »endlich« mehr über Sittes Kunst gesprochen werden würde. Doch die Menschen, mit denen ich versuchte, darüber und auch über die kontroversen Phasen in Sittes Leben zu sprechen, wirkten angestrengt, ja erschöpft. Ich glaube nicht, dass sie etwas verdrängen wollen. Auf mich wirkt es eher wie ein Bedauern, darüber, dass die Diskussion um Sittes Rolle als Parteifunktionär einen derart weiten Schatten auf sein Schaffen geworfen hat. Sein Gesamtwerk ist inzwischen über 80 Jahre alt und wird jetzt neu entdeckt.

Ich frage mich, wie es wäre, wenn ich Onkel Willi sein nichtsigniertes Gemälde zu seinem 100. Geburtstag zeigen könnte. Ob er mich zuerst fragen würde, wie ich es gefunden hätte? Nach dem Schreck, der ihn ereilen würde, wenn ihn plötzlich ein unbekannter Verwandter besucht, der einen Artikel über ihn schreibt? Was würde ich ihm antworten? Ich würde vermutlich alle Begegnungen und Funde, die ich auf dieser Reise getroffen habe, zu einer Frage formulieren, die derart verschachtelt wäre, dass sie kein Ende nehmen würde.

Denn ich war nicht gewillt, und das wird mir erst zum Ende bewusst, dieses Bild zu interpretieren oder zu erforschen. Vielmehr habe ich versucht etwas zu interpretieren, das schier unmöglich ist: Willi Sittes Leben. So bleiben am Ende weiterhin Fragen. Und ein neues altes nicht signiertes Gemälde, über das man jetzt eine Geschichte erzählen kann. Und die Menschen, die jetzt auf die Bilder von Willie Sitte schauen, werden genügend Zeit haben, sich Geschichten anzuhören und sich eine Meinung zu bilden.

Aron Boks ist ein Berliner Autor, Jahrgang 1997. Er hat seinen Urgroßonkel Willi Sitte persönlich nie kennengelernt.

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