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  • Ski-WM in Oberstdorf

Weltmeisterschaft voller Wehmut

Oberstdorf hatte sich viel von der Ski-WM erhofft. Nun ist der Ort im Rettungsmodus.

  • Von Lars Becker
  • Lesedauer: 5 Min.

Ganz kurz vor der Eröffnung dieser Nordischen Ski-Weltmeisterschaften kam so richtig Stimmung im Herzen von Oberstdorf auf. Weithin hörbar schallte das Läuten von Kuhglocken durch die gespenstisch leeren Gassen. Im Kurpark, direkt vor dem Organisationsbüro dieser Titelkämpfe, hatten sich reichlich 50 Menschen versammelt. Umgeben von den wachsamen Augen vieler Polizisten. Denn die zumeist in bayerischer Tracht gekleideten Demonstranten wollten lautstark gegen den Start der dritten WM im Allgäu nach 1987 und 2005 protestieren.

»Ich will Skikurse geben«, »Ich möchte auch meinen Beruf ausüben« oder »Rote Karte für Söder« stand auf den Plakaten. Sie brachten all den Unmut eines Teils der einheimischen Bevölkerung über diese WM auf den Punkt, zu der mitten im Lockdown fast 5000 Beteiligte aus 60 Ländern in den Allgäu gereist sind. »Natürlich verstehe ich die Ängste der Bürger. Sie selbst dürfen nicht raus und ihren Beruf ausüben, und hier kommen Tausende aus aller Welt«, erklärt Klaus King. Er ist Bürgermeister des Ortes, der in normalen Zeiten durch den Tourismus monatlich 50 Millionen Euro an Wertschöpfung generiert.

King hat trotz großer Bedenken vieler Bürger alles dafür getan, dass diese WM unter strengsten Corona-Regeln über die Bühne gehen kann. Nicht, weil damit wenigstens ein Viertel der 16 800 Gästebetten des Ortes für die zwei WM-Wochen gefüllt werden können. Auch nicht, um die Investitionen von 40 Millionen Euro in die Sportanlagen zu rechtfertigen. Sondern, weil Millionen Deutsche an den Fernsehschirmen mit Traumbildern an einen ihrer liebsten Ferienorte erinnert und deshalb hoffentlich bald zurückkommen werden. Vor allem aber will King mit der erfolgreichen Austragung dieser Titelkämpfe ohne größere Corona-Zwischenfälle ein Signal an die große Politik senden, »dass wir nach dem 7. März eine Öffnung machen können«.

Dafür wird bei dieser WM wirklich alles getan. Das ausgeklügelte Hygienekonzept wurde in Zusammenarbeit mit dem renommierten Corona-Experten Alexander Kekulé erarbeitet. Der Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hält es »für vermeidbar, dass es bei dieser WM zu einem größeren Corona-Ausbruch durch die anreisenden Gäste kommt«. Für jeden an dieser WM beteiligten Sportler, Betreuer, Medienschaffenden oder Freiwilligen Helfer wurden PCR- und Antigentests im Zwei-Tages-Rhythmus angeordnet. Pro Person kostet das etwa 500 Euro, insgesamt über zwei Millionen Euro.

Zwei Corona-Testzentren wurden in der Eislaufhalle und am WM-Langlaufstadion extra dafür errichtet. Um auf die Ängste der Einheimischen einzugehen, kam kurzfristig noch ein drittes dazu. Dort können sich jetzt zum Beispiel Hotel- und Gaststättenmitarbeiter sowie ängstliche Einheimische jederzeit testen lassen. Bei den WM-Teilnehmern geht das Kontakt-Tracking auch außerhalb der Wettkampfstadien noch weiter: Bei jeder Fahrt in einem Shuttle muss man sich über einen QR-Code identifizieren. Bis jetzt wirkt das Konzept: Bei den fast 5000 Eingangstests vor Ort gab es nur einen einzigen Verdachtsfall.

Das vermittelt zumindest dem WM-Zirkus Sicherheit. Selbst die norwegischen Skilangläufer, die wegen Corona-Bedenken auf den Großteil der Weltcups in dieser Saison verzichtet haben, sind zum Höhepunkt nach Deutschland angereist. »Der allgemeine Tenor ist: Wenn es jemand hinbekommt, dann die Oberstdorfer«, sagt Horst Hüttel, der im Deutschen Skiverband (DSV) für die Erfolgsdisziplinen Skispringen und Nordische Kombination zuständig ist.

Wehmut über diese Geister-WM gibt es bei den Protagonisten trotzdem. Zum Beispiel bei Hermann Weinbuch, der nun bei allen drei Titelkämpfen in Oberstdorf dabei war. 1987 wurde er als Aktiver Weltmeister, 2005 führte er als Chefcoach Ronny Ackermann zu Doppelgold. »Das waren echte Wintermärchen, Festspiele für den Skisport. Es ist schon sehr traurig, dass das diesmal so anders ist«, sagt Weinbuch wehmütig. 350 000 Zuschauer sorgten vor 16 Jahren für unvergessliche Tage. Die Oberstdorfer Skilangläuferin Laura Gimmler, die als kleines Mädchen bei der Eröffnungsfeier als Weihnachtsbaum verkleidet unterwegs war, erinnert sich noch lebhaft daran: »2005 war eine richtige Feier. Natürlich hat man sich das auch dieses Mal erträumt.« Stattdessen konnten nicht einmal ihre Freunde am Auftakttag der WM miterleben, wie sie mit Platz zehn im Sprint das beste WM-Resultat ihrer Karriere ablieferte.

Das Organisationskomitee, das einen Monat vor der WM die letzte Hoffnung auf wenigstens ein paar Fans in den Stadien begraben musste, versucht die Leere auf den Zuschauerrängen mit einem »Papplikum« ein bisschen zu kaschieren. 2000 Fans konnten sich für 19 Euro mit ihrem Foto auf Pappfiguren verewigen lassen, die jetzt im Skisprung- und Skilanglaufstadion stehen. Das eingenommene Geld geht teilweise an gemeinnützige Einrichtungen. Große finanzielle Verluste durch die WM drohen nicht, denn die fehlenden Zuschauereinnahmen waren zuvor durch Ausfallversicherungen abgedeckt worden.

Zudem wurde kräftig gespart. So kann nun im Kurpark, wo sonst Tausende Fans auf der WM-Plaza die Sieger gefeiert hätten, ein kleiner Junge in einem Elektro-Spielauto unbehelligt über die leeren Wege fahren. Der letzte Schnee im Ort schmilzt derweil in der warmen Frühlingssonne dahin, die auch den Streckenexperten im Langlaufstadion zu schaffen macht. Aber die in der Skiwelt geschätzten Profis in Oberstdorf werden auch dieses Problem lösen. Schließlich wollen sie sich mit einer makellosen Geister-WM für eine Austragung der Nordischen Ski-WM 2027 empfehlen. »Man spürt Tag für Tag, dass die Chancen auf eine Bonus-WM steigen«, sagte Horst Hüttel. Es gibt also einen Funken Hoffnung, dass in sechs Jahren tatsächlich wieder echte WM-Stimmung in Oberstdorf aufkommen könnte.

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