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»Nicht einer Partei oder Clique …«

Der unbequemen Denkerin Rosa Luxemburg zum 150. Geburtstag

Es ist gar nicht so einfach, dem Werk der wichtigsten Denkerin des demokratischen Sozialismus noch einen neuen Aspekt abzugewinnen. Michael Brie und Jörn Schütrumpf, beide nicht gerade Spaziergänger auf ausgelatschten Wegen, haben das, wieder einmal geschafft. »Rosa Luxemburg. Eine revolutionäre Marxistin an den Grenzen des Marxismus« arbeitet das Visionäre im Kontext der west-östlichen Spannungen heraus, die (kleine Ironie der Geschichte) gerade heute wieder an Bedeutung gewinnt. Nun steht weder in Polen noch in Russland der Sozialismus auf der Tagesordnung, vielmehr eine Verfestigung autoritärer Herrschaft, deren Wurzeln weit ins 19. Jahrhundert hineinreichen und die trotz vielversprechender Ansätze insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als starrer Staat verharrte - und unterging. Auch das westliche Modell sozialistischer oder sozialdemokratischer parlamentarischer Herrschaftstechnik ist an seine Grenzen gelangt und offenkundig unfähig, auch nur die Versprechungen von gestern einzulösen. Wie soll der dritte Weg aussehen? Schlag nach bei Luxemburg …

Aus ihren Ansätzen entwickelt Michael Brie seine Studie »Sozialismus neu entdecken. Ein hellblaues Bändchen von der Utopie zur Wissenschaft und zur großen Transformation«. Brie kommt nicht umhin, die klassischen Grabenkämpfe des 19. und 20. Jahrhunderts anzureißen, in denen sich im Westen die Sozialdemokratie und im Osten die Bolschewiki durchsetzten. Wieder mal ist der Kapitalismus in seiner Endphase angelangt, die diesmal zugleich das Ende der Menschheit denkbar werden lässt. Ausführlich widmet er sich dem chinesischen Modell, das eine ganz eigene Dynamik entwickelt und durchaus eine kritische Würdigung verdient. Aber Brie wäre nicht Brie, wenn er nicht Ausschau hielte nach der dritten Welle des Sozialismus, einer tatsächlich neuen Politik, die nicht alte Muster reproduziert oder sich in Mikromilieu-Identitäten verbunkert. Guter Stoff für Leute, deren revolutionärer Elan sich nicht bis zur nächsten Wahl erschöpft.

Guter Stoff will verarbeitet werden, und Spazierengehen befördert die Arbeit der kleinen grauen Zellen. Um gedanklich beim Thema zu bleiben, nehme man »Rosa Luxemburg in Berlin. Ein biografischer Stadtführer« zur Hand, laufe einfach los. Es lohnt sich.

Mit »Rosa Luxemburg: Spurensuche. Dokumente und Zeugnisse einer jüdischen Familie« haben Krzysztof Pilawski und Holger Politt eine spannende Studie zum Umfeld, in dem Luxemburg groß geworden ist, betrieben und zu einem Panorama polnischen jüdischen Lebens von 1830 bis 1945 ausgebaut, das gleich von drei Seiten in Bedrängnis geriet und, unbeabsichtigt, etliche Thesen Luxemburgs noch im Nachgang bestätigte. Wer das Minenfeld erfassen will, in dem sich Linke heute in Polen bewegen müssen, sollte auch zu diesem Buch greifen.

Eine solide Biografie hat der Historiker Ernst Piper mit »Rosa Luxemburg. Ein Leben« vorgelegt, faktengesättigt und gut lesbar. Seine Analyse der politischen Sklerose der SPD um 1914, die Rosa letztlich ins Messer laufen ließ, sollte von heutigen linken Mandatsträgern gründlich studiert (und hoffentlich verstanden) werden.

Auf Rosa Luxemburg als steinerne Wiedergängerin hat Uwe Schütte in »nd.DerTag« vom 23.2. aufmerksam gemacht. »Irrblock« von Axel Ruoff ist eine allegorische Geschichte, die der zur Ikone gepressten Revolutionärin ob ihrer dialektischen Wendungen gefallen hätte. Mario Pschera

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