Vom alten, sehr modernen Schlag

Gibt es so etwas wie das bessere Österreich? Durchaus: in den Erinnerungen von Lothar Müller

  • Von Werner Jung
  • Lesedauer: 3 Min.

Am Endes seines Erinnerungsbandes, schreibt Ernst Lothar: »Verschiedenartigeres, Verwirrenderes, Umstürzenderes konnte in eine Existenz nicht gepackt sein als in die meine, die zwei Weltkriege, Heimat und Exil, Revolution, Evolution bis zum Wahnsinn der Technik, mit einem Wort das Maßlose zum Übermaß umfasst. Doch sie endet, wie sie anfing: mit der Lust am Niederschreiben dessen, was man für wahr hält.«

Das Buch erschien erstmals 1960. Der Regisseur und Schriftsteller Ernst Lothar (1890-1974) war ein richtiger Tausendsassa: Geboren in einer jüdischen Anwaltsfamilie, wurde er erst einmal zum Juristen ausgebildet und kurzfristig als »Staatsanwaltsgehilfe« beschäftigt. Doch ab 1925 widmete er sich seinen musischen Neigungen, arbeitete erfolgreich als Theaterkritiker, Regisseur und schließlich Direktor in der Wiener Josefstadt. Nach der deutschen Annektion von Österreich emigrierte er 1938 gemeinsam mit seiner Frau Adrienne, einer bekannten Schauspielerin, und der Tochter über die Schweiz und Frankreich in die USA, wo er auf Englisch Romane schrieb, die in Hollywood verfilmt wurden. Nach Kriegsende kehrte er als US-amerikanischer Offizier, der für die Umstrukturierung und Organisation des neuen Theater- und Kulturlebens im besetzten Österreich zuständig war, zurück in die Heimat. 1948 begann seine Zeit als Regisseur am Burgtheater und Direktionsmitglied bei den Salzburger Festspielen.

Vor allem war Lothar, der eigentlich Ernst Lothar Müller hieß, ein glühender Österreicher vom alten Schlag, der tief im 19. Jahrhundert verwurzelt wie sein Freund Stefan Zweig kosmopolitisch ausgerichtet und allem Nationalismus und Chauvinismus gegenüber zutiefst abgeneigt war. Das hat er in zahlreichen Zeitromanen, in der Zwischenkriegszeit enorm populär und auch in den USA überaus geschätzt, wiewohl heute ob ihres bieder-konservativen Realismus mit gehöriger Patina versehen, beschrieben. Zwei dieser Romane kann man als seine Meisterwerke bezeichnen: Die Familiengeschichte »Der Engel mit der Posaune« (1946) und der auf eigenen Erlebnissen fußende Roman »Die Rückkehr« (1949). Sie hat der Zsolnay-Verlag bereits wieder veröffentlicht.

Als dritter Band werden nun Lothars Erinnerungen neu aufgelegt, die die verschiedenen Etappen eines insgesamt erfolgreichen und produktiven Lebensweges bilanzieren. Eines Lebens aber auch, das man nicht gleich mit Daniel Kehlmann, der der Neuveröffentlichung ein kleines Nachwort beigegeben hat, in sein Herz schließen muss, um dennoch - durchaus distanzierter - festhalten zu können: Hier ist jemand unbeirrt am besseren Österreich (mag dies selbst auch wieder nur ein Mythos sein) orientiert, an Liberalismus und Toleranz, an einer Aufklärung und Romantik vermittelnde Geisteshaltung, für die Theater, Musik und Literatur (insbesondere aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts) die zentralen Wegmarken darstellen.

Gleich zu Beginn seiner Erinnerungen berichtet Lothar von einem Besuch beim berühmtesten Wiener seiner Zeit, bei Dr. Sigmund Freud, den der junge Lothar mit der Bemerkung überrascht, dass für ihn Österreich das einzige Land sei, in dem er leben könne, worauf Freud, den nächsten Patienten bereits erwartend, zwischen Tür und Angel antwortet: »Sie haben (…) recht (…), es ist ein Land, über das man sich zu Tode ärgert und wo man trotzdem sterben will«. Freud war dieses Schicksal nicht bestimmt, er starb in der Emigration, während Lothar das große Glück hatte, das österreichische Kulturleben der 50er Jahre entscheidend mitzuprägen.

Ernst Lothar: Das Wunder des Überlebens. Erinnerungen. Zsolnay, 464 S., geb., 25 €.

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