Hinter amerikanischen Gardinen

Mit Kamera und Mikrofon dokumentieren Häftlinge in den USA das harte Leben im Gefängnis

  • Von Johannes Streeck
  • Lesedauer: 7 Min.

Ein großer Mann mit freundlichen Augen sitzt in einem Arbeitszimmer und erzählt ruhig in die Kamera. Auf eine sanfte, manchmal fast schüchterne Art beschreibt er eine Nacht vor 20 Jahren in Vacaville, einer ruhigen Stadt im us-amerikanischen Kalifornien. Der Mann, der sich heute Ron Uso nennt, ist damals Anfang 20, und trinkt mit ein paar Freunden im Vorgarten eines Bekannten. Als einer ihrer Freunde am Ende der Straße in eine Auseinandersetzung mit einem Fremden gerät, rennt auch Ron Uso dazu. Die Schlägerei ist schnell vorbei, der Fremde liegt am Boden, Ron und seine Freunde kehren in den Garten zurück. Dass der Fremde nie wieder aufsteht, erfahren er und seine Freunde erst später. Schon am darauffolgenden Morgen ist Ron Uso in Handschellen, angeklagt wegen Mordes. Für ihn beginnt mehr als ein Jahrzehnt in den Händen der kalifornischen Justiz.

Ron Usos Erzählung stammt nicht aus einer der unzähligen sogenannten True-Crime-Dokus, die seit den Nuller Jahren auch im deutschen Fernsehen laufen, sondern von seinem eigenen YouTube-Kanal, der »30 to Life« heißt. In Dutzenden Videos erzählt er ehrlich und schonungslos von seiner Zeit hinter Gittern, und wird dabei von Tausenden Abonnenten verfolgt. »30 to Life« ist kein Einzelphänomen; YouTube-Kanäle wie »Fresh Out«, »Lockdown 21and1« und »Jessica Kent« werden alle von ehemals in den USA inhaftierten Menschen produziert und behandeln das Knastleben: Vom korrekten Verhalten während eines Gefängnisaufstands bis hin zu ausgefeilten Rezepten für Instant-Nudeln. Der Podcast Ear Hustle wird sogar zu großen Teilen im San-Quentin-Gefängnis selbst aufgezeichnet und wurde 2019 für einen Pulitzer-Preis nominiert.

Für die amerikanische Unterhaltungsindustrie ist der Knast schon lange ein beliebter Schauplatz, wohl auch, weil es in den USA so leicht ist, dort zu landen. Kein Land sperrt so viele Menschen ein wie die Vereinigten Staaten. Die Angst vor Inhaftierung, Gewalt und Isolierung in einem der Tausenden Gefängnisse des Landes ist gesellschaftlich tief verankert. Gladiatorenkämpfe zwischen voll tätowierten Gefangenen sind im Reality-TV genauso wie in Hollywood ein festes Motiv. Auch wenn die meisten der Knast-YouTuber um Authentizität bemüht zu sein scheinen und genüsslich die Klischees auseinandernehmen, vertrauen sie oft genau dieser Logik um ihr Publikum zu erreichen. Videos mit Titeln wie »Wenn du die Seife fallen lässt«, »Musst du einer Gang beitreten?« oder »Wie man im Gefängnis kämpft« erzielen Hunderttausende Klicks.

»Der schnellste Weg zu einem gigantischen Film- oder Fernsehpublikum in den USA besteht darin, die Serie oder den Film mit einer Luftaufnahme eines großen Gefängnisses anfangen zu lassen«, beschreibt Benjamin Boyce die amerikanische Faszination von Haftanstalten und das, was in ihnen passiert. »Leider ist es im Gefängnis meistens einfach unglaublich langweilig.«

Für Boyce ist das Leben als Gefangener der amerikanischen Justiz keine Abstraktion. Heute Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität von Colorado in Denver, war er selber bis 2005 wegen diverser Drogenvergehen immer wieder im Bundesstaat Michigan in Haft. Sein Podcast »The Dr. Junkie Show« ist eine gründliche Abrechnung mit der amerikanischen Drogenpolitik. Aus seinem Arbeitszimmer, in dem ein altes Polizeibild hängt und ein geschnitztes Holzschild mit der Aufschrift »Dr. Junkie«, beschreibt er den Bruch zwischen Klischee und Tatsache: »Im Gefängnis zu sein variiert zwischen langen Abschnitten, in denen absolut nichts passiert, und solchen, in denen die Realität selbst wie verbogen ist. Kein Fernsehproduzent kann damit arbeiten, wenn jemand 30 Stunden am Stück nur die Wand anstarrt.«

Boyce hat mehrere Jahre mit dem Gedanken gespielt, einen Podcast zu machen, in dem er seine Vergangenheit aufarbeitet, hatte aber Sorgen, dass ein solches Outing seine akademische Laufbahn aufs Spiel setzen könnte. »Dann ist eine gute Freundin an einer Überdosis gestorben, und kurz darauf eine weitere. Da habe ich mich gefragt: Wenn es hier für viele wirklich um Leben und Tod geht, was habe ich überhaupt zu verlieren?«

Für Boyce sind seine verstorbenen Freundinnen Opfer des sogenannten Kriegs gegen Drogen. 1971 von Präsident Richard Nixon ausgerufen, setzt dieses Programm auf Kriminalisierung und Abstinenz, und hat bis dato Millionen von Suchtkranken zu langen Haft- und Bewährungsstrafen verdammt. Laut dem Thinktank »Center for American Progress« wird in den USA alle 25 Sekunden ein Mensch wegen Drogenbesitzes verhaftet. Für Benjamin Boyce ist klar, dass in diesem Krieg gegen die eigene Bevölkerung vor allem wirtschaftliche Motive im Spiel sind. Jeder Mensch in Haft bedeutet Einnahmen für eine Lokalregierung, besonders dort, wo es sonst wenig gibt. Der selbsterklärte Kriegszustand bedeutet für viele kleine Polizeidezernate Geld für militärische Ausrüstung und zusätzliches Personal.

»Die Politik hier hat bemerkt, dass sie den Hahn einfach aufdrehen kann, und Polizeidezernate, Bewährungsbüros und Gefängnisse größer machen können. Damit schaffen sie nicht nur Arbeit im Justizapparat, sondern auch um den Knast zu bauen oder für die benötigte Infrastruktur zu sorgen.« Im Zweiparteiensystem sei dieses Manöver bei Republikanern und Demokraten mittlerweile gleichsam beliebt, sagt Boyce über Zoom. »Dieser Trick funktioniert so gut, dass er für beide Seiten mittlerweile zum Standardrepertoire gehört.«

Nach wie vor sind es nicht-weiße Amerikaner*innen, die dem höchsten Risiko durch Polizei und Justiz ausgesetzt sind und die überproportional zu langen Haftstrafen verurteilt werden. Auch in Ron Uso’s Erzählungen auf YouTube spielt »Rasse« eine große Rolle. Als Amerikaner mit Wurzeln auf Samoa ist er in den streng segregierten Gefängnissen Kaliforniens Teil einer Gruppe, die sich »the Others« nennt, wortwörtlich »die Anderen«. Dieser Name bezieht sich auf »Native Hawaiian and Other Pacific Islander«, eine Kategorie zur ethnischen Einordnung des CDCR, der Gefängnisbehörde Kaliforniens. Neuinhaftierte müssen bei ihrer Aufnahme ins Gefängnis selber eine ethnische Kategorie wählen, die dann innerhalb des Gefängnisses große Teile ihres Alltags bestimmt. Viele von Ron Usos Videos erklären die Feinheiten dieses komplizierten Verhaltenskodex, der von den Inhaftierten selbst überwacht wird. Wer wann und wo Sport machen, essen oder schlafen darf, alles bestimmt die ethnische Zugehörigkeit in diesen Hochsicherheitsgefängnissen.

Jessica Kent gehört zu den wenigen Frauen in der Welt der Knast-YouTuber. Sie ist sehr beliebt. Gewalt und Gangs finden in ihren Videos kaum Erwähnung, dafür erzählt sie detailliert über ihre vergangenen Suchtprobleme, Beziehungen und natürlich aus ihrer Zeit in Gefangenschaft. Obwohl sich offensichtlich Kent einem anderen Publikum widmet als ihre männlichen Kollegen, teilt sie mit ihnen die gleiche schonungslose Ehrlichkeit. Fast alle der beliebten Knast-YouTuber scheinen darum bemüht, offen mit ihren Taten umzugehen, keine Ausflüchte für das zu suchen, was geschehen ist. Wie so oft in den USA geht es viel um persönliche Verantwortung. Wer dadurch meist ungeschoren davon kommt, ist der Justizapparat selbst. Wenn Ron Uso von der Anhörung spricht, bei der er zu zehn Jahren verurteilt wurde, erwähnt er den offenen Rassismus der Staatsanwaltschaft nur in einem Nebensatz, als wäre es ein beiläufiges Detail. Bei dem Podcast Ear Hustle, der 2019 für den renommierten Pulitzer-Preis nominiert war, ist das Aussparen bestimmter Details fester Bestandteil des Programms. Jede Folge des Kritikers endet mit einem Statement des zuständigen Aufsehers, dass der Podcast inhaltlich von der Leitung des Gefängnisses abgesegnet wurde. »Wenn die wirklich die Wahrheit über das erzählen würden, was in diesem Gefängnis passiert, würde der Aufseher das ganz bestimmt nicht absegnen«, sagt Boyce dazu.

Vollkommen unbeweglich ist die amerikanische Drogenpolitik indes nicht. In Kalifornien und vielen anderen Bundesstaaten ist der Gebrauch und Verkauf von Cannabis legalisiert. In Denver, Colorado, wo Benjamin Boyce seinen Lehrstuhl hat, wurde vor kurzem der Besitz von Psilocybin dekriminalisiert. Mit mindestens 80 000 Toten durch Überdosis im vergangenen Jahr drängen mittlerweile auch manche konservative Politiker*innen auf eine Reform der Haftstrafen für den Besitz kleiner Mengen harter Drogen. Und mit US-Präsident Joe Biden macht ein Architekt des modernen amerikanischen Gefängnissystems heute damit Politik, dass er versucht, dieses wieder abzubauen. Boyce ist dabei skeptisch: »Was wir in Denver bemerken, ist, dass sich diese Kräfte einfach woanders fokussieren. Wenn sie jetzt niemanden für Marihuana verhaften können, verlagern sie sich einfach auf Sexarbeiter*innen oder auf Obdachlose.«

Die USA sind mit ihren Gefängnissen verzahnt. Auch in Ron Usos Heimatstadt Vacaville gehören zwei Gefängnisse des CDCR zu großen Arbeitgebern. Dessen Rat an seine Zuschauer ist entsprechend pragmatisch: »Bleibt verdammt nochmal sauber.«

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