Nur zum Schein verhandelt

Kein Nachfolger: Das Haribo-Werk in Wilkau-Haßlau schließt endgültig

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 3 Min.
Lichterkette gegen das Ende von Haribo in Wilkau-Haßlau
Lichterkette gegen das Ende von Haribo in Wilkau-Haßlau

Die Katze kommt nicht nach Wilkau-Haßlau. In der Stadt in Westsachsen hatte man große Hoffnungen in den Süßwarenhersteller Katjes gesetzt, dessen Name auf Niederländisch »Kätzchen« bedeutet. Das Unternehmen aus Emmerich in Nordrhein-Westfalen wurde als Interessent für einen Betrieb mit 100-jähriger Tradition gehandelt, der 30 Jahre zum Haribo-Konzern gehört hatte, von diesem jedoch aus wirtschaftlichen Gründen Ende vorigen Jahres fallen gelassen wurde. Nun haben sich die Hoffnungen auf einen Erhalt des Werkes zerschlagen. Haribo teilte mit, man habe entschieden, Verkaufsverhandlungen für die Immobilie »zu beenden«. Es solle mit der Stadt über eine Nutzung geredet werden. »Nachdem kein Kaufgebot für das Areal abgegeben wurde, halten wir es für richtig, die Fläche im Sinne der Bürger zu nutzen«, erklärte Geschäftsführer Hans Guido Riegel.

Im Interesse der Stadt und vieler Bürger wäre es gewesen, wenn der Betrieb weiter produziert hätte. Als im Oktober aus heiterem Himmel die Schließung verkündet wurde, arbeiteten dort noch 150 Menschen. Er erwarte »von so einem Unternehmen, dass es auch eine politische Verantwortung wahrnimmt«, sagte Stefan Feustel, Bürgermeister von Wilkau-Haßlau, bei einer Protestkundgebung gegen die Abwicklung im November. Haribo, das 2018 eine moderne, teure neue Firmenzentrale am Stammsitz in Grafschaft bei Bonn errichtet hatte, verwies aber auf angeblich zu hohen Investitionsbedarf bei seinem einzigen Werk in Ostdeutschland. CDU-Mann Feustel bezeichnete das Verhalten als Ausdruck von »asozialer Marktwirtschaft«.

Ähnlich scharfe Kritik wird laut, nachdem nun klar ist, dass auch vielfältige Protestaktionen die Werksschließung nicht verhindern konnten. Dass ein möglicher Verkauf abgeblasen wurde, sei »ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten«, sagt Thomas Lißner, zuständiger Sekretär der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG). Er spricht von »Raubtierkapitalismus pur«. Auch Rico Gebhardt, der Vorsitzende der Linksfraktion im Landtag, schimpft: »Im Kapitalismus zählen eben nur die nackten Zahlen.« Für die Mitarbeiter, die am sächsischen Standort 30 Jahre lang Profite erwirtschaftet hätten, »bleibt wenig mehr übrig als ein Schulterzucken«.

Der sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig sieht in dem Verhalten von Haribo nicht so sehr ein Grundproblem kapitalistischen Wirtschaftens als ein Verhaltensmuster in Ostdeutschland tätiger Unternehmen aus dem Westen. Diese sähen den Osten nur als »verlängerte und preiswerte Werkbank« und strichen »beim kleinsten wirtschaftlichen Gegenwind hier die Segel«, sagte der SPD-Politiker: »Das ist verantwortungslos.« Duligs Hoffnungen hatten mit Katjes freilich erneut auf einem Unternehmen aus dem Westen gelegen - dem er nach Bekanntwerden des möglichen Interesses an dem Werk in Sachsen aber »hohe soziale Verantwortung« attestierte: »Die wissen, was Sozialpartnerschaft heißt.« Die Kontakte zu Katjes wurden über ein SPD-Netzwerk eingefädelt; Bundeschef Norbert Walter-Borjans war beteiligt.

Wie ernsthaft Katjes tatsächlich verhandelte, ist unklar. Nicht nur Haribo erklärt, es sei gar kein Kaufangebot abgegeben worden. Auch der Zwickauer CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Körber sagt, Katjes habe »kein ernsthaftes Interesse am Haribo-Werk« gehabt. Dagegen vermutet Gebhardt, Haribo habe ohnehin »nur aus taktischen Gründen mit einem Mitbewerber verhandelt, damit der Proteststurm abflaut«. Er fügte hinzu: »Möge er nun umso kräftiger wieder aufziehen.«

Der ist aber nicht zu erwarten. Die Belegschaft hatte lange Widerstand geleistet: mit einer Kundgebung, einer Aktion zum 100. Geburtstag von Haribo, per Online-Petition und einer Lichterkette um das Werk. Das geschah mit, wie die NGG betont, »ungeheurer Solidarität in der Region«. Jetzt aber seien »die Messen gesungen«, sagt Lißner ernüchtert. Haribo erklärt, inzwischen hätten knapp 80 der zuletzt 119 Mitarbeiter eine neue Arbeit gefunden oder gingen in den Ruhestand. Man sei wegen der Lage auf dem Arbeitsmarkt zuversichtlich, »zeitnah die meisten Mitarbeitenden wieder in neue Anstellungen zu bringen«, erklärte Geschäftsführer Riegel. Ob sich die Käufer im Osten an den Umgang des Unternehmens mit der Region erinnern, ist eine ganz andere Frage. Haribo, sagt jedenfalls Gebhardt, »macht Kinder und Erwachsene im Osten nicht mehr froh«.

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