Die Angst vor dem Versagen

Aufstiegsfavorit Hamburger SV ist seit Wochen im »Schmerzmodus« und wurde jetzt auch noch von St. Pauli »auf die Bretter« geschickt

  • Von Franko Koitzsch und Thomas Prüfer, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Angst geht um im Hamburger Volkspark. Die große Sorge: Der einstige Bundesliga-Dino Hamburger SV könnte auch in der zweiten Liga zum Dauerbrenner werden. Nach dem 0:1 im Stadtderby gegen den FC St. Pauli scheint die Stimmung bei Spielern und Trainern besonders angeschlagen. Platz vier, drei Punkte hinter dem Führungsduo Bochum und Kiel und ein mieser Lauf in den vergangenen Wochen - der HSV steckt im Schmerzmodus. »Der Moment fühlt sich gerade beschissen an«, sagte Trainer Daniel Thioune. »Das war ein K.o.-Schlag. Wir sind auf die Bretter gegangen.«

Warum geht dem HSV immer wieder auf der Zielgeraden des Aufstiegsrennens die Luft aus? Platz vier vor zwei Jahren, Platz vier vor einem Jahr, und jetzt steht der Klub schon wieder auf dem ersten Nichtaufstiegsplatz. An fehlendem fußballerischen Potenzial liegt es sicher nicht: und das ist in in dieser Saison noch größer als in den Vorjahren. Bisweilen leistet sich zwar die Abwehr Aussetzer, aber das hat die torhungrigste Offensive der zweiten Liga stets ausgeglichen. Auffällig: In der Rückrunde hat Torjäger Simon Terodde nur in einem von sechs Spielen getroffen. Fehlen seine Tore, fehlt der Erfolg.

Der HSV ist sensibel. Das Nervenkostüm war noch nie das beste und scheint auch diesmal wackliger, als es der Trainer zugeben mag. Der studierte Sport- und Erziehungswissenschaftler Thioune ist mit dem mentalen Innenleben von Spitzensportlern vertraut. Daher will er die Angst vor dem Versagen und die Erinnerung an die bitteren Vorjahre gar nicht erst thematisieren. Je mehr in Medien und sozialen Netzwerken darüber diskutiert wird, desto wackliger scheint aber das Selbstvertrauen der Profis.

Die Tendenz zeigt klar nach unten. Kein Sieg in den jüngsten vier Spielen, zuletzt zwei Niederlagen. Nur sechs Punkte und Platz 14 in der Rückrundentabelle, neun Punkte hinter dem besten Team - dem FC St. Pauli. Der gravierende Unterschied: In der Hinrunde hatte der HSV gegen dieselben sechs Rivalen 16 Punkte geholt, jetzt sind es zehn weniger.

Vorentscheidende Partien

»Wer uns kennengelernt hat, der weiß, dass wir in den nächsten Tagen den Kopf wieder aufrichten und weiter beharrlich bleiben für große Ziele«, sagt Thioune. »Ich weiß, dass wir Mentalität haben und vielleicht sind mehr Straßenköter bei uns drin. Wir werden anfangen, uns zu wehren, wir werden weiterhin fleißig einsammeln.« Aber die Mannschaft hat kaum Zeit zum Luftholen. Am nächsten Montag kommt der Tabellenzweite Holstein Kiel ins Volksparkstadion, nur vier Tage darauf geht es zum Spitzenreiter Bochum. Das können vorentscheidende Partien sein. »Wir schütteln uns und stehen wieder auf«, verspricht Thioune. Dass ihm auch noch sein Kapitän abhanden gekommen ist, schmerzt doppelt. Tim Leibold kassierte nach einem Tritt gegen Guido Burgstaller in der Nachspielzeit die Rote Karte. »Nicht gut für uns, nicht gut für Tim«, meint Thioune.

Eine andere Welt auf dem Kiez: Das Hoch beim FC St. Pauli, der in der Hinrunde 13 Spiele in Serie sieglos geblieben war, ist beachtlich. Zu Weihnachten war der Klub mit lediglich acht Punkten aus zwölf Spielen Vorletzter und Abstiegskandidat. Danach sammelten die Kiezkicker 25 Zähler und sind nun Elfter. St. Pauli ist das Team der Stunde und mit fünf Siegen in Serie die beste Mannschaft der Rückrunde. Die im Winter stark kritisierte Transferpolitik erweist sich jetzt als richtig. Die ablösefrei geholten Sommerzugänge Daniel-Kofi Kyereh (7 Tore/8 Vorlagen) und Burgstaller (8/2) sind als Topscorer ebenso Erfolgsgaranten wie die Leihspieler Rodrigo Zalazar (5/2) und Omar Marmoush (4/1) oder die nachträglich geholten Abwehrstrategen James Lawrence und Tore Reginiussen. »Einige Puzzleteilchen haben wir dazugewonnen«, sagte Coach Timo Schultz.dpa/nd

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