Werbung

Lauter vorletzte Dinge

»Hey, Alter«: Geschichten von Jürgen Nowak über den Ruhestand im Selbstversuch

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

Was tut einer, der sein Leben lang geschrieben, mit dem Wort gearbeitet und damit sein Geld verdient hat, wenn er Vollzeitkunde der Rentenversicherungsanstalt geworden ist? Im besten Falle: weiter schreiben - jedenfalls sofern er etwas mitzuteilen hat.

Jürgen Nowak hat etwas mitzuteilen. Acht satte Jahrzehnte hat er inzwischen auf dem Buckel, er schöpft also aus reicher Erfahrung. Die großen Ablenkungsmanöver des Lebens - Kindererziehung und Beruf - hat er hinter sich, nun ist er altersgerecht auf sich zurückgeworfen. Eine riesige Herausforderung: mit sich selbst auszukommen.

Wie er damit klarkommt, erzählt er in »Hey, Alter!«. Ein Titel, den man durchaus doppeldeutig lesen darf - als Gruß an einen Senior und als kecken Zuruf an das Alter, das alle unweigerlich erwischen wird, die nur lange genug durchhalten. Gewiss, nicht alles, was Nowak ausbreitet, wird genau so passiert sein; gleichwohl berichtet er über Erlebtes. Dinge, die ihm zu schaffen machen und Dinge, die er geschafft hat. Sein Ich-Erzähler, dem Arbeitsalltag längst entwachsen, ist munterer Pensionär und stellt sich gemeinsam mit einem kleinen, verschworenen Freundes- und Leidenskreis der finalen Herausforderung: dem Lebensabend.

Nowak, einst ein begnadeter Reporter für diese Zeitung, wechselte später ins satirische Fach und zum »Eulenspiegel«. Mittlerweile hat er auch drei Romane vorgelegt, die sich allesamt mit deutscher Teilung, Wendezeit und Vereinigung beschäftigen. Der Reporterblick kam ihm indessen nicht abhanden: im Kleinen das Große zu erkennen, das Prinzipielle am Detail zu erklären.

Und um Prinzipielles geht es durchweg in »Hey, Alter!«. Haushaltsfragen, Knieschmerzen, Erbschaftskuddelmuddel, Gewichtszunahme, eine tote Drossel auf der Terrasse, Alkohol, Beziehungsprobleme - lauter vorletzte Dinge, von denen jedes Einzelne das Zeug zum Existenziellen hat. Wobei sich im Existenziellen Tragik und Komik die Hand reichen; das möchte auch sein bei einem Satiriker.

Dabei gilt: Je kleiner der Aktionsradius, desto größer die Abenteuer. Bei denen die Protagonisten vor allem eines in die Waagschale zu werfen haben: Erfahrung. Lessing und Leberwerte, Gandhi und Gelenkentzündung, Marx und Meniskus - das ist der Kosmos, in dem sich der durch Sozialismus, Kapitalismus und kulturelle Bildung für so ziemlich alle Fährnisse gestählte Held bewegt. Verschiedene Welten erlebt und erlitten zu haben, diese Erfahrung verleiht ihm jene Souveränität, durch die kleine Katastrophen zu Komödien werden. Wobei umgekehrt auch mal eine Komödie im Tohuwabohu enden kann.

Der Autor hat seinem unterhaltsamen Buch ein Vorwort vorangestellt, in dem er das Grundmotiv seiner Geschichten vorwegnimmt: »Zu sehen, wie andere abbauen, kann einem durchaus Kraft geben.« Da klingt schon die Weisheit des Alters an: Es muss nicht mehr unbedingt aufwärts gehen; aber aus dem richtigen Blickwinkel kann auch das Abwärts Genuss verschaffen. Das heißt: aus den Widrigkeiten des fortschreitenden Lebens das Beste zu machen. Diese Haltung gerinnt in einem grandiosen Satz, der - gäbe es so etwas - der Dauerbrenner im Poesiealbum für Senioren wäre: »Meine Frau beneidet mich oft, weil ich so glücklich verheiratet bin.«

Jürgen Nowak: Hey, Alter! Enno-Verlag, 224 S., geb., 15,90 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung