Tun, was nötig ist

Die deutsche Corona-Impfkampagne ist zu langsam, es geht nicht nur um »Startprobleme«.

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Sie rollt immer schneller an, während sie in Deutschland stottert: Die Corona-Impfkampagne in den USA, hier Mitarbeiter von Johnson & Johnson beim Verpacken von Impfstoffen zur Verschickung in einer Fabrik in Kentucky.
Sie rollt immer schneller an, während sie in Deutschland stottert: Die Corona-Impfkampagne in den USA, hier Mitarbeiter von Johnson & Johnson beim Verpacken von Impfstoffen zur Verschickung in einer Fabrik in Kentucky.

Es ist nicht mehr zu leugnen und sollte klar ausgesprochen werden: Die deutsche Impfkampagne ist zu langsam und zu unflexibel. Rigide deutsche Beamtenmentalität, Bürokratie und die sparsame Haltung des »Nur-nicht-zuviel-Geld-Ausgebens« hierzulande sind wichtige Gründe dafür. Das zeigt der Vergleich mit den USA.

Am Dienstag verkündete US-Präsident Joe Biden, durch Anwendung des »Defense Production Act« aus dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Unternehmen zur Produktionsumstellung gezwungen werden können, werde der Pharmagigant Merck zwei Fabriken bereitstellen, um weiteren Impfstoff von Johnson & Johnson herzustellen. 105 Millionen US-Dollar für die Fabrikumrüstung stellt die US-Regierung bereit.

Damit kann Johnson & Johnson die Produktionskapazitäten für seinen erst am Wochenende in den Vereinigten Staaten zugelassenen Impfstoff verdoppeln. Bis Ende Mai werde man deswegen jedem US-Bürger ein Impfangebot machen können, so Biden – zuvor hatte die US-Regierung Ende Juli angepeilt. Das ist möglich und realistisch. Seit anderthalb Monaten werden zwischen einer und zwei Millionen Menschen pro Tag geimpft – Tendenz steigend. Insgesamt wurden bereits 78 Millionen Impfdosen vergeben, das entspricht 15 Prozent der Bevölkerung.

In Deutschland dagegen haben nur etwas mehr als fünf Prozent der Bevölkerung zumindest eine Impfung erhalten. Im Land der Bedenkenträger schnarcht die Impfkampagne gemütlich vor sich hin: mit zuletzt rund 170.000 pro Tag und insgesamt rund 6,4 Millionen bisher verabreichten Impfdosen.

Dass ab Donnerstag rund 2,5 Millionen Impfdosen von Astrazeneca ungenutzt herumliegen, ist nur das kleinste Problem, weil diese nun offenbar schneller verimpft werden sollen und es erste Anzeichen dafür gibt. Jedoch: Auch nach dem Vorliegen von weiteren »erdrückenden« wissenschaftlichen Daten (Karl Lauterbach) aus Großbritannien Ende Februar »prüft« man bei der ständigen Impfkommission immer noch, ob man auch über 65-Jährige mit Astrazeneca impfen kann.

Auch das in Großbritannien aus der Not gestartete, aber erfolgreiche Großexperiment, nur erste Impfdosen zu spritzen und die zweite erst zwölf Wochen später zu verabreichen, wird in Deutschland ignoriert. Obwohl die Daten mittlerweile zeigen, dass bereits die Schutzwirkung einer Erstdosis sehr hoch ist – und damit Millionen Menschen mehr geholfen werden könnte, denn Deutschland soll bis Ende März 18 Millionen neue Impfdosen erhalten. Doch leider: Statt vor einer gerade beginnenden dritten Infektionswelle die Strategie zu ändern und möglichst schnell möglichst viele Leute zu impfen, wie es etwa Epidemiologe Lauterbach empfiehlt, wird nicht auf die veränderte Lage reagiert.

Statt Praktikern dominieren Bürokraten und angstgetriebene Politiker das Geschehen, die lieber gar nichts tun, als Fehler zu riskieren. Zwar hat man über die EU einen geringeren Preis pro Ampulle ausgehandelt als etwa Israel und Großbritannien, aber deswegen wird man nun auch langsamer beliefert.

Die Bundesregierung will weder der Idee der Linkspartei folgen, Impfstoffhersteller wie Biontech zu zwingen, ihre »Impfformel« mit anderen zur Produktion fähigen Pharmaherstellern zu teilen, noch dem FDP-Konzept, Herstellern mit Prämien Anreize zu setzen. Letzteres hat zur Folge, dass ein Problem bei der schnelleren Impfstoffproduktion offenbar ist, dass Zulieferer die Herstellung von chemischen Grundstoffen nicht prioritär behandeln, weil andere Aufträge höheren Profit versprechen. Genau hier müsste der Staat eingreifen, wie es die US-Regierung mit einer Mischung aus staatlicher Planung und finanziellen Anreizen für Unternehmen wie Johnson & Johnson tut.

Bis zu 77 Millionen Impfdosen könnte Deutschland nach derzeitigen Planungen im zweiten Quartal laut Gesundheitsministerium erhalten. Doch die Kette der »Lieferprobleme« in den letzten zwei Monaten zeigt: Verlassen kann man sich darauf nicht. Die deutsche Politik sollte jetzt Anreize für schnellere Lieferungen setzen und den Aufbau weiterer Produktionskapazitäten fördern, weil Produktionsumstellungen nicht über Nacht zu schaffen sind. Sollte tatsächlich im Spätsommer zu viel Impfstoff da sein, dann sollten damit Staaten im globalen Süden schneller beliefert werden. Tun, was nötig ist – das sollte Maxime sein. Stattdessen aber ist weiter Durchwurschteln angesagt.

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