Das weiße Kreuz auf dem Neumarkt

Bürger sorgen dafür, dass Chemnitz seit 20 Jahren Friedensbotschaften sendet - am Jahrestag der Zerstörung am 5. März 1945

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 4 Min.
Friedenskreuz im Jahr 2010
Friedenskreuz im Jahr 2010

Das Friedenskreuz misst neun mal neun Meter, ist außen weiß und innen begehbar. Jedes Jahr am 5. März steht die von Chemnitzer Künstlern gestaltete Installation vor dem Rathaus der sächsischen Stadt. Auf die Innenwände werden Fotos in Kriegen zerstörter Städte projiziert. Manche zeigen Chemnitz selbst, dessen Innenstadt bei Angriffen kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zu 80 Prozent zerstört wurde. Andere Ruinen wurden in militärischen Konflikten fotografiert, die seither die Welt erschüttert haben. »Krieg soll nicht sein«, sagt die Sängerin Sabine Kühnrich: »Er ist immer ungerecht und bringt Leid über die Zivilbevölkerung.«

Krieg soll nicht sein: So lautet eine Botschaft, die in Chemnitz zum inzwischen 20. Mal am Jahrestag der Kriegszerstörung ausgesendet wird - bei einer Veranstaltung, die sich »Chemnitzer Friedenstag« nennt. Sie hat ihren Ursprung in einem Aufruf, den Kühnrich und der 2005 verstorbene Studentenpfarrer Hans-Jochen Vogel 2002 veröffentlichten. Ein Gruppe Bürger störte sich daran, dass am 5. März mit Kranzniederlegungen an die Opfer der Angriffe erinnert, aber nicht über die Vorgeschichte gesprochen wurde. Man wolle ein »Abgleiten« des Gedenkens »in inhaltslose Rituale« verhindern, hieß es, und Botschaften in Gegenwart und Zukunft senden: Am Jahrestag sollten »friedensstiftende kulturelle und politische Impulse für die Stadt und von der Stadt ausgehen«.

Chemnitz hatte, wie viele andere im Zweiten Weltkrieg zerstörte deutsche Städte, an den Jahrestagen zunächst an eigene Opfer und Verluste erinnert. In der Stadt waren 4000 Menschen im Bombenhagel gestorben, davon allein 2100 in der Nacht vom 5. zum 6. März 1945. Ein Viertel aller Wohnungen wurde zerstört, viele Fabriken, öffentliche Gebäude und Kulturbauten. So etwas wie eine historische Innenstadt gab es nach Ende des Krieges nicht mehr. Erst in den 70er Jahren wurde die Leere wieder gefüllt.

Allerdings: Ähnlich wie in Dresden oder Magdeburg lud der bloße Blick zurück auch in Chemnitz zu gezielten Umdeutungen der Geschichte ein, zum »Herumdrehen der Logik«, wie Kühnrich sagt: Neonazis relativierten deutsche Kriegsschuld unter Verweis auf die Angriffe. Sie luden zu »Trauermärschen« ein oder zu Mahnwachen vor einem ehemaligen Kinderheim, das von einer Bombe getroffen worden war. Scheinheilige Propaganda, sagten Nazigegner. Im März 1945 seien, so heißt es im Aufruf, »Tod und Zerstörung, die von Deutschland über andere Länder und Völker gebracht wurde«, ins Land zurückgekehrt.

Aus diesem Verständnis und einer pazifistischen Grundhaltung heraus suchte man in der Stadt seit 2002 neue Formen der Auseinandersetzung mit der Geschichte. Schüler stellten etwa Ergebnisse ihrer Forschungen zur NS-Rüstungsindustrie in Chemnitz vor. Zugleich bekenne man sich uneingeschränkt zum »Friedensgedanken«, sagt Kühnrich; ein Anliegen, das auch viele Zeitzeugen unterstützten, fügt sie hinzu: »Das war ihre allerwichtigste Lehre aus den schlimmen Erlebnissen.« Inzwischen leben immer weniger Vertreter jener Generation. Daher müht man sich, nachfolgende Generationen zur Befassung mit dem historischen Datum zu bewegen. Bei einer Aktion etwa gestalten Schüler bunte, sieben Meter lange Transparente, die aktuelle Nachrichten zum Anlass haben und am »Chemnitzer Friedenstag« die Fassaden des Rathauses und anderer Gebäude zieren.

All das wird weiter aus der Bürgerschaft heraus organisiert, sagt Kühnrich. Einer entsprechenden Arbeitsgruppe gehören neben der Sängerin die Leiterin der städtischen Musikschule sowie die Migrationsbeauftragte der Stadt an, eine Sozialarbeiterin, der Geschäftsführer eines Sozialverbandes, der frühere Schauspieldirektor sowie etliche aktive und frühere Pfarrer. Die Zahl der darüber hinaus Engagierten sei »so groß wie nie«, sagt Kühnrich, nicht zuletzt in jüngeren Generationen. Sie beobachte eine »starke Politisierung« bei jungen Menschen, die ausgehend von Themen wie Klimaschutz oder Migration zur Friedenspolitik fänden: »Das hängt ja eng miteinander zusammen.« Zudem gebe es auch Bewusstsein dafür, dass »wir in einem Land leben, das in seiner Außenpolitik einer Kriegslogik folgt«. Das gelte es zu ändern: »Und damit es auch da oben ankommt, müssen wir hier unten uns eben rühren.«

Rühren wird man sich in Chemnitz auch dieses Jahr, nur ist wegen Corona einiges anders. Das Friedenskreuz wird in einer symbolischen Form errichtet; die sonst in seinem Inneren gezeigten Fotos werden auf einer Leinwand präsentiert, wie auch zahlreiche von Bürgern gestaltete Friedensbotschaften. Statt einer Kundgebung gibt es Ausstellungswände auf dem Neumarkt. Das Anliegen der Veranstaltung werde all das nicht schmälern, meint Kühnrich. Die sei nach 20 Jahren so etabliert, dass man in der Stadt nicht mehr vom 5. März spreche, sondern nur noch vom »Chemnitzer Friedenstag«.

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