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Ist es Eso-Kitsch oder nicht?

Plattenbau

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.

Eine zentrale Idee von Pauline Anna Strom war es, ihre Wahrnehmung der Welt in Sound zu überführen, hergestellt mit Synthesizern. Eine Wahrnehmung, die im Fall der im Dezember letzten Jahres mit 74 Jahren verstorbenen Komponistin primär eine Klangwahrnehmung gewesen sein wird: Pauline Anna Strom war von Geburt an blind. »Ich möchte das kreieren, was in meinem Kopf ist«, hat sie in einem Interview kurz vor ihrem Tod erzählt. »So etwas wie Wassertropfen in einer Höhle zum Beispiel, ich möchte das Wasser nicht samplen; ich möchte das Wasser durch die Algorithmen des DX erzeugen [gemeint ist der in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts populäre Synthesizer Yamaha DX7, Red.], die all das modulieren.«

Die Ergebnisse dieser Modulationen eröffnen Möglichkeiten zur Weltflucht durch Musik.»Angel Tears in Sunlight« ist ihr erstes Album seit 33 Jahren und zugleich ihr letztes geworden. Stroms Kompositionen sind einerseits streng durchkomponiert. Es sitzt jeder Ton und jedes der Muster, ganz in der Tradition der Minimal Music: Patterns wiederholen sich, während im Hintergrund Klänge dazu- und wieder rausgemischt werden. Auf »Angel Tears in Sunlight« ist dieses Prinzip am schönsten ausgespielt in den Stücken »Tropical Convergence«, »Marking Time«, »The Pulsation« und »Equautorial Sunrise«. Andere Tracks gehen zurück auf die amerikanische New-Age-Musik der Achtzigerjahre, die, neben vielem Blödsinn auch immer wieder inspirierte Geister hervorgebracht hat. Es werden sich in San Francisco damals so einige zu den Stücken Stroms weggedröhnt haben; es war vermutlich nicht die schlechteste Zeit.

Wo genau die Grenze zwischen Eso-Kitsch und immersivem Ambient verläuft, bleibt auch nach dem Hören von »Angel Tears in Sunlight« unklar. Aber Strom ist immer mit einer traumwandlerischen Sicherheit auf ihr entlangbalanciert. Danielle de Picciotto hat das mit ihrem neuen Album »The Element of Love« nicht vermocht. Sie ist damit auf der Eso-Kitsch-Seite gelandet. Wenn über Streicher in düsterem Ton bedeutsame Spoken-Word-Texte vorgetragen werden, schlägt das Problem voll durch, das der musikalische Underground, der im Westberlin der Achtzigerjahre wurzelt, immer wieder hat (zumindest der Strang, der von den Einstürzenden Neubauten und Nick Cave & The Bad Seeds ausgeht): bleierne Ernsthaftigkeit.

Im Stück »Strange Times« rezitiert de Picciotto über Albträume, die durch die Nacht galoppieren und räsoniert anschließend über die brennende Frage, ob Gott nun tot sei (ist er nicht, sagt das lyrische Ich). Die Musik verschwindet hinter der Lyrik, und das ist schade, denn eigentlich klingt »The Element of Love« sehr schön - sinfonischer Ambient, immer wieder mit dezentem Kratzen und Schaben. Und das instrumentale Titelstück sowie der Rausschmeißer »The Decline of Western Civilization« (drunter geht es hier nicht) sind schöne Klagelieder.

Aber während die Träume bei Danielle de Picciotto als Albträume durch die Nacht galoppieren müssen, hat Pauline Anna Strom, wie sie sagt, in Farben geträumt und das dann vertont. Wenn man schon vergleicht, ist »Angel Tears in Sunlight« das bessere New-Age-Album.

Anna Pauline Strom: »Angel Tears in Sunlight« (Rvng Intl. / Cargo)

Danielle de Picciotto: »The Element of Love« (Broken Clover)

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