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Weniger Geld und mehr Suizide

In Südkorea ist die Diskriminierung von Frauen besonders ausgeprägt

  • Von Felix Lill
  • Lesedauer: 4 Min.

Im Februar führte Gewerkschafterin Kim Jin-suk (61) einen Protestmarsch durch Südkorea an: Mehr als 30 Tage war sie marschiert, 400 Kilometer von der Industriestadt Busan bis zur Hauptstadt Seoul; Hunderte hatten sich unterwegs angeschlossen. Als sie vorm Amtssitz des Staatspräsidenten stand, wurde sie nur ignoriert. »Moon Jae-in hatte behauptet, er sei der Präsident, der die Arbeitsplätze schützt. Das ist er wohl doch nicht«, sagt Kim Jin-suk später. Doch der Protestmarsch sorgte für Aufsehen, denn Kim Jin-suk ist nicht irgendwer, sondern eine Ikone Südkoreas im Kampf um Gleichberechtigung. »In Korea wird mal wieder alles auf die Arbeiter abgewälzt«, klagt Kim. »Und auf die weiblichen ganz besonders!«

Solche Konflikte dieser Tage aus Südkorea zu vernehmen mag zunächst überraschen. Seit die Pandemie ihren globalen Lauf nahm, hat kaum ein Land die Welt so sehr beeindruckt wie dieses. Durch rasches, entschiedenes Handeln ist Südkorea bis heute relativ wenig von der Pandemie betroffen. Das Land zählt nur rund 90 000 Infektionen und 1600 Tote. Selbst die Volkswirtschaft schrumpfte 2020 mit 1,1 Prozent nur leicht.

Doch auch hier hat die Pandemie Verlierer geschaffen. Und diese sind laut Gewerkschaftsführerin Kim vor allem die ohnehin verwundbaren Gruppen. Kims persönlicher Fall zeigt, dass dies nichts Neues ist. »Ich wurde 1986 als junge Frau beim Schwerindustriekonzern Hanjin entlassen, nachdem ich mich gewerkschaftlich engagiert hatte«, erklärt sie. Bis heute würden Frauen systematisch benachteiligt und, sobald sie unbequem werden, schnellstmöglich gefeuert.

»Covid-19 hat Südkoreas Geschlechterungleichheit noch verstärkt«, lautet der Titel eines Essays von Troy Stangarone, Direktor des Korea Economic Institute of America. Waren Frauen schon vor der Pandemie rund doppelt so häufig wie Männer prekär beschäftigt und lebten in Einkommensarmut, hat sich die Lage noch verschärft. Einerseits arbeiten sie vermehrt in Branchen, die pandemiebedingt durch Überlastung betroffen sind: Kaum ein Viertel der Ärzte ist weiblich, aber etwa 94 Prozent der weiteren Arbeitskräfte im Gesundheitssektor sind Frauen.

Andererseits sind weibliche Arbeitskräfte besonders von Jobverlust betroffen. »Frauen machen die Mehrheit der Arbeitskräfte in den Branchen Bildung, Transport, Hotellerie, Gastronomie und Catering aus«, berichtet Stangarone. Ebendort sind erheblich Stellen reduziert worden. Und nicht genug: Frauen mit Lebenspartnern erledigen daheim auch noch den Großteil der Hausarbeit.

Auch im internationalen Vergleich fällt die Benachteiligung von Frauen in Südkorea auf. Im Global Gender Gap Report des World Economic Forum, der die Geschlechtergleichstellung in den Bereichen Arbeitsmarkt, Bildung, Politik und Gesundheit vergleicht, belegt das Land derzeit Platz 108 von 153. Frauen in Südkorea sind heutzutage gleich gut ausgebildet wie Männer und haben auch den gleichen Zugang zu Gesundheitsleistungen. Besonders ungleich behandelt werden die Geschlechter aber in der Politik und auf dem Arbeitsmarkt. Arbeitgeber gehen häufig davon aus, dass eine Frau ohnehin irgendwann schwangerschaftsbedingt aus dem Job ausscheiden werde. So investiert man auch weniger in deren Fortbildungen.

Und in dieser Pandemie zeigen sich die Ungleichheiten sogar in Suiziden. Statistiken zeigten zwar bisher, dass sich Männer etwa doppelt so häufig das Leben nehmen. Frauen versuchen es dagegen häufiger. Und sie scheinen aufzuholen. Im ersten Halbjahr 2020, während der Pandemie, schoss die Zahl gelungener Selbstmordversuche plötzlich in die Höhe. Kim Jin-suk und auch Troy Stangarone sehen wichtige Gründe in der sozioökonomischen Benachteiligung.

Seit sich Südkorea in den Nachkriegsjahrzehnten von einem Agrarland in eine Industrienation gewandelt hat, wird hier auch für Gleichheit gekämpft. Und von Anfang an gehörten Frauen zu den treibenden Kräften. Neben Kim Jin-suk gehört zu den Vorbildern auch die Gewerkschafterin Kim So-yeon, die für den Elektronikkonzern Kiryung arbeitete. Als sie nach der Jahrtausendwende jahrelang Proteste organisiert hatte, um den prekären Angestellten reguläre Jobs zu erstreiten, wurde auch ihr gekündigt. Der Fall machte große Schlagzeilen, auch weil er in einen Hungerstreik mündete.

Als vor vier Jahren der linksliberale Moon Jae-in zum Präsidenten Südkoreas gewählt wurde, versprach er eine Reduzierung prekärer Jobs. Heute ist jede vierte Arbeitsstelle zeitlich befristet - gut doppelt so häufig wie im Durchschnitt der Industrieländer. Frauen sind hiervon rund doppelt so häufig betroffen. Doch Moons Versuch, dies durch öffentlich geförderte Stellen zu beheben, ist kaum gelungen. »Womöglich will er deshalb nicht mit mir sprechen«, sagt Kim Jin-suk. Daran, dass sich die beiden nicht kennen, liegt es nicht: Als Anwalt vertrat Moon Jae-in einst die Interessen von Gewerkschaftern, die mit Kim eng zusammenarbeiten.

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