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Ganz in Weiß

Warum der Protest in Belarus von Frauen dominiert wird

  • Von Ute Weinmann
  • Lesedauer: 3 Min.
In Belarus gingen auffallend viele Frauen auf die Straße. Ein Grund: »Weil sie zu dem Zeitpunkt nicht geschlagen wurden.«
In Belarus gingen auffallend viele Frauen auf die Straße. Ein Grund: »Weil sie zu dem Zeitpunkt nicht geschlagen wurden.«

Für Volya (Name geändert) aus Minsk begannen die Proteste lange vor den belarussischen Präsidentschaftswahlen. Im Frühjahr 2020 zeichnete sich ab, dass die Ambitionen der Opposition auf eine so noch nicht dagewesene Unterstützung in der Bevölkerung treffen. »Da begann es in unserem Sumpf zu blubbern«, erinnert sich die 31-jährige Fotografin. Swetlana Tichanowskaja schaffte es als Präsidentschaftskandidatin sogar anstelle ihres verhafteten Ehemannes bis auf die Zielgerade.

Nicht nur die Oppositionsführung wurde plötzlich von Frauen dominiert, auch die Straßenproteste erhielten zunehmend ein weibliches Gesicht. Volya sieht diese Zuschreibung ambivalent. An sich sei der Versuch, eine weibliche oder feministische Tagesordnung auszumachen, berechtigt, aber die aktive Teilnahme aller Bevölkerungsschichten stelle eine gesamtgesellschaftliche Evolution dar. Auf die Frage, warum auffallend viele Frauen auf die Straße gingen, hält sie eine pragmatische Antwort parat: »Weil sie zu dem Zeitpunkt nicht geschlagen wurden.« Den belarussischen Herrschaftsapparat bezeichnet sie als durch und durch patriarchal. Von Polizeigewalt waren anfangs überwiegend Männer betroffen. Frauen konnten sich dies zunutze machen, um gegen das Regime zu kämpfen. Aber dieser Zustand dauerte nur kurz an.

Am 12. August, wenige Tage nach den Wahlen, fanden sich Frauen mit Blumen und in Weiß gekleidet, unter ihnen auch Volya, vor dem Minsker Komarow-Markt ein, um sich mit den Opfern von Polizeigewalt zu solidarisieren. Das Internet in der Stadt war blockiert, weshalb sich die Ankündigung nur per Mundpropaganda verbreiten konnte. Wie gut das bereits funktionierte, hat viele überrascht und inspiriert weiterzumachen, obwohl es bereits erste Tote gab und es galt, die eigene Angst zu überwinden.

Beruflich befasst sich Volya seit geraumer Zeit mit der Aufarbeitung von historischem Fotomaterial zum Thema Alltagsgeschichte. Frauen sichtbar zu machen, die im offiziellen Narrativ kaum vorkommen, ist ihr ein zentrales Anliegen. Das ist ihr auch im aktuellen Kontext gelungen, denn die Entwicklungen im letzten Jahr haben sie motiviert, wieder selbst zu fotografieren. So hat sie Tichanowskajas Auftritte dokumentiert, sich aber auch wie viele andere als Wahlbeobachterin betätigt und Festgenommene bei den späteren Protesten unterstützt. Da zahlreichen Journalisten ihre Akkreditierungen abgesprochen worden waren, hielt sie auf eigene Faust das Geschehen auf der Straße fest.

Weil sie das gewaltvolle Vorgehen der Polizei fotografierte, wurde sie im November bei einer Großdemonstration zum ersten Mal festgenommen. Umstehende Frauen schafften es, Volya loszureißen, kurz bevor Uniformierte sie in den Polizeiwagen verfrachten konnten. Im Januar wurde sie im Hof ihres Wohnhauses aufgegriffen und landete, zusammen mit 23 weiteren Frauen, in einer für sechs Personen ausgelegten Zelle im berüchtigten Okrestina-Gefängnis. »Das waren Folterbedingungen.« Es gab weder Matratzen noch Zahnbürsten, und der Raum wurde nicht belüftet. Nur einmal wurde die Lüftungsanlage angestellt, wodurch Zigarettenrauch eindrang. Alle waren bei den Demonstrationen gewesen, nur eine obdachlose Frau kannte den Grund für ihre Festnahme nicht. »Obdachlose werden benutzt, um die Haftbedingungen zu verschlechtern und psychologischen Druck auszuüben«, hat Volya von anderen Festgenommenen gehört.

Bei einem Gerichtsverfahren wurde sie zu einer Strafe von umgerechnet 230 Euro verdonnert und durfte nach zweieinhalb Tagen gehen, weil sie Mutter eines minderjährigen Kindes ist. Eine Mitgefangene musste sich vom gleichen Richter die Frage gefallen lassen, warum sie verheiratet, aber kinderlos sei. Solche Schikanen zeigen Wirkung, trotzdem gehen die Aktionen weiter. »Wenn sich die ganze Gesellschaft wehrt, gibt es kein zurück mehr.«

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