»Vor dem Virus sind nicht alle gleich«

Der Arzt Gerhard Trabert befürchtet, dass durch die Coronakrise die Armut zunehmen wird - er fordert ein aktives Gegensteuern

  • Von Jakob Buhre
  • Lesedauer: 9 Min.

Herr Trabert, genau ein Jahr nach dem ersten Corona-Fall hat man in Deutschland hilfsbedürftigen Menschen kostenlose Masken zugesichert. Ist das eine gute Nachricht?

Es ist eine längst überfällige Nachricht. Dass es dieses Angebot erst jetzt gibt, macht in meinen Augen deutlich, dass die Lebenssituation von sozial benachteiligten und einkommensschwachen Menschen in der Politik immer noch nicht angekommen ist. Als wir mit unserem Verein »Armut und Gesundheit« im Mai 2020 von der Landesregierung in Rheinland-Pfalz kostenlose Masken forderten, bekamen wir als Antwort zu hören, man könne ja auch einen Schal benutzen. Das hat aber nicht den Sicherheitsfaktor wie eine medizinische oder FFP2-Maske. Sprich, es ist eine weitere Benachteiligung dieser Menschen.

Wie erklären Sie sich, dass es so lange gedauert hat?

Ein Punkt ist immer wieder, dass Menschen am Rande unserer Gesellschaft keine Lobby haben. Ein anderer, dass die Lebensrealität der Politiker weit entfernt ist von dieser Bevölkerungsgruppe. Diese Gruppe ist aber nicht gerade klein: Fast 16 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen sind von Einkommensarmut betroffen, sie gelten nach der EU-Definition als einkommensarm. Und es war absehbar, dass diese Menschen es in der Pandemiezeit noch schwerer haben werden.

Einen Berechtigungsschein für Masken bekommen Hilfsbedürftige von der Krankenkasse. Doch von den Menschen, die Sie auf der Straße behandeln ...

... hat ein Großteil keine Krankenkasse. In diesem Fall funktioniert die Verteilung nur durch Vernetzung der Politik mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich für diesen Personenkreis engagieren. Da arbeiten wir auch gerade dran und stellen eine Liste von Kontakten zusammen. Hier in Rheinland-Pfalz geht die Verteilung der Masken vom Landessozialamt aus. Dessen Leiter rief mich kürzlich an und sagte: »Es gibt doch sehr viele Menschen, die nicht versichert sind, die erreichen wir doch gar nicht« - da konnte ich ihm nur zustimmen.

Das heißt, die Politik erfährt in so einem Moment, dass sie den Zugang zu dieser Bevölkerungsgruppe verloren hat?

Genau. Und an der Stelle müsste sich ein Politiker natürlich fragen: Warum sind diese Menschen nicht krankenversichert? Schließlich haben wir in Deutschland eine Krankenversicherungspflicht. Wenn man dieser Frage nachgeht, trifft man auf elementare strukturelle Defizite. Ein EU-Bürger zum Beispiel, der ganz legal bei uns ist, aber kein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis hat, hat keinen Krankenversichertenschutz. Oder Privatversicherte, die verschuldet sind und ihre Beiträge nicht mehr zahlen können, Haftentlassene, die nach ihrer Entlassung sechs bis acht Wochen warten müssen, bis sie wieder eine Chipkarte haben. Es gibt sehr viele Strukturen, die verantwortlich dafür sind, dass Menschen ohne Krankenversicherung dastehen. Das weiß man schon seit Jahren, tut aber nichts dagegen.

Und Corona verdeutlicht so ein Problem einmal mehr.

Ja. Armut wird jetzt noch deutlicher sichtbar, und diese Menschen werden jetzt noch stärker benachteiligt. Zuerst hieß es, vor dem Virus wären wir alle gleich. Aber das stimmt so nicht. Eine Studie von Nico Dragano an der Uniklinik Düsseldorf hat schon im letzten Sommer nachgewiesen, dass sozial benachteiligte Menschen bei einer Covid-Erkrankung schwerere Verläufe haben.

Befürchten Sie, dass durch die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise die Obdachlosenzahlen in absehbarer Zeit steigen werden?

Ich denke schon, dass dadurch die Armut zunehmen wird. Die staatlichen Unterstützungen werden den Verlust vieler Arbeitsplätze nicht verhindern können, wir wissen jetzt schon, dass viele Selbstständige und kleine Betriebe insolvent oder kurz vor der Insolvenz sind. Vereinzelt habe ich auch schon Menschen auf der Straße angetroffen, die durch Corona ihren Job verloren haben. Da wird Armut zunehmen. Wahrscheinlich ist auch, dass einige ihren Wohnraum verlieren werden. Deshalb ist es so wichtig in diesen Zeiten, dass bei Mietrückständen nicht gekündigt werden darf, dafür muss ein Konzept her.

»Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den schwächsten ihrer Glieder verfährt«, sagte der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann. Ist im Hinblick darauf unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren stärker oder schwächer geworden?

Ich nehme zwei unterschiedliche Entwicklungen wahr: Was die Politik angeht, habe ich den Eindruck, dass sie sich immer weiter entfernt bezüglich ihrer Verantwortung für sozial benachteiligte Menschen.

Woran machen Sie das fest?

An Gesetzesänderungen. Sowohl bei Gesundheitsgesetzen als auch bei der Sozialgesetzgebung. Alle Wohlfahrtsverbände, die Nationale Armutskonferenz etc. - alle sagen, dass der Hartz IV-Satz zu gering ist, er reicht nicht aus für eine Partizipation am gesellschaftlichen Leben. Sprich, dort sehe ich, dass die Distanz zwischen etablierter Politik und den Ärmsten der Gesellschaft immer größer wird.

Und jenseits der Ärmsten, die es in unserer Gesellschaft gibt?

Dort sehe ich eine andere Tendenz: Viele Menschen verstehen und spüren, dass der soziale Abstieg sehr schnell eintreten kann - und werden dadurch solidarischer. Vielleicht auch, weil sie es selbst schon mal erlebt haben und wissen, was es bedeutet, den Job zu verlieren und von sozialen Transferleistungen leben zu müssen. Diese Sensibilität spüre ich auch bei den Menschen, die unsere Arbeit unterstützen, nicht nur finanziell, sondern auch durch Man- und Frauenpower. Da rückt die Gesellschaft enger zusammen.

Aber es gibt auch eine Entwicklung, dass wir uns an ein gewisses Wohlstandsgefälle gewöhnen? Dass man Obdachlosigkeit als etwas »Normales« betrachtet.

Auch bei den Tafeln, den Notschlafstellen oder bei unserem Arztmobil kommt der Gedanke auf, dass wir mit solchen Angeboten Armut ein Stück weit manifestieren. Diese Gefahr besteht - und zum Teil ist es auch bereits Realität, dass Armut akzeptiert wird. Ähnlich ist es bei der Position Deutschlands und Europas gegenüber geflüchteten Menschen. Ich war auf Lesbos und vor wenigen Wochen in Bosnien: Das Leid und Sterben der Flüchtlinge dort und auf dem Mittelmeer kann man nicht akzeptieren. Und doch wird es von vielen hingenommen, als etwas »Natürliches« - was es selbstverständlich nicht ist.

Warum wird es hingenommen?

Ich denke, das hat etwas mit unserer kapitalistischen Demokratie zu tun, wo Armut vielleicht auch als ein Abschreckungsszenario gebraucht wird. Nach dem Motto: »Wenn du nicht funktionierst, droht dir diese Verarmung, der ökonomische Abstieg.« Man darf Armut aber nicht akzeptieren. Wir sind ein reiches Land, wir haben ja genügend Ressourcen, nur müssten wir das Geld anders verteilen. Das tun wir aber nicht. Stattdessen sehen wir, dass in Pandemiezeiten sich die Entwicklung noch weiter verschärft, dass die Reichen reicher und die Armen noch ärmer werden.

Norbert Blüm zeltete einst selbst in einem Flüchtlingscamp. Sehen Sie heute Politiker ähnlichen Formats?

Da fällt mir im Moment keiner ein. Bei Blüm waren die Besuche in Flüchtlingslagern ja nicht bloß Fototermine, sondern er war darin sehr authentisch. Er war jemand, der aus der Arbeiterschaft kam. Heute dagegen sehe ich, mit Ausnahmen, fast nur noch Profi-Politiker, die nach dem Studium Karriere machen wollen und kaum Lebenserfahrung haben. Ich würde mir wünschen, dass die Politik sich mit Betroffenen unterhält und auseinandersetzt.

Sind schon mal Politiker bei Ihnen im Arztmobil mitgefahren?

Ja, Kurt Beck, als er noch Ministerpräsident war, auch der frühere Gesundheitsminister von Rheinland-Pfalz, Alexander Schweitzer, und seine Nachfolgerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler. Solche Begegnungen machen etwas mit einem Menschen. Ich mache es niemandem zum Vorwurf, dass er oder sie die Lebenswelt eines Obdachlosen nicht kennt. Aber ich werfe Politikern vor, dass sie sich nicht bemühen, mehr über dieses Leben zu erfahren. Wenn es hier mehr Konfrontation und Sensibilisierung gäbe, würde sich die Sozialpolitik verändern.

Die Grünen haben unlängst das Grundeinkommen als »Leitidee« in ihr Wahlprogramm aufgenommen. Wie stehen Sie dazu?

Ich bin noch etwas zwiegespalten. Ich kenne etwa die Position der Gewerkschaften, die sagen: »Mit Grundeinkommen können wir gewerkschaftliche Forderungen nur noch schwer durchsetzen.« Genauso kenne ich das Argument, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen die Menschen im Kopf freier macht, sich um Bildung und Arbeit zu bemühen, anders, als wenn man ständig am Existenzminimum lebt und aus der Armut nicht herauskommt. Im Prinzip bin ich schon für ein Grundeinkommen und glaube, dass es Menschen befähigen würde, mehr Initiative zu ergreifen. Richtig ist auch, dass man es »Einkommen« nennt, denn mit Begriffen wie »Sozialgeld« oder »Arbeitslosengeld« wird uns suggeriert, es handele sich um Almosen - was aber de facto nicht zutrifft, denn die Menschen haben in diesem Land ein Recht darauf, diese Unterstützung zu erhalten.

Im September ist Bundestagswahl. Welche Partei kommt Ihrer Vorstellung von Sozialpolitik im Moment am nächsten?

Es ist eine Mischung. Die Grünen haben inzwischen immer mehr das Thema soziale Gerechtigkeit auf ihrer Agenda, und vieles von dem, was sie fordern, finde ich richtig und gut. Die Linken haben klare Vorstellungen, was Mindestlohn und Hartz IV angeht, wo ich mit ihnen d’accord bin. Und in der SPD ist zumindest der linke Flügel dabei, sich wieder auf diese Wurzeln zu besinnen. Das Problematische ist, dass die Parteien sich dann häufig in Koalitionen von wichtigen Standpunkten und Inhalten entfernen, häufig im Sozialbereich. Da würde ich mir mehr Standhaftigkeit wünschen.

Wäre es für Sie eigentlich eine Option, in die Politik zu gehen?

Nein. Auch weil es mir schwerfallen würde, bei einem Thema wie Sozialpolitik Kompromisse einzugehen.

Zum Schluss: Was ist Ihr persönlicher Luxus?

Einen Cappuccino zu trinken, am besten in einem Café, was im Moment etwas schwieriger ist. Sich bei einem Stück Kuchen eine Auszeit zu nehmen und sich bedienen zu lassen, das ist Luxus für mich.

Andere Menschen hätten jetzt eine Rolex oder einen Swimmingpool genannt.

Das ist für mich irrational. Weltfremd. Wie manche Menschen sich so mit Reichtum umgeben können, verstehe ich nicht. Ich könnte nicht so egoistisch sein, während man weiß, wie viel Not und Leid es auf der Welt gibt. Mir wird vor allem bei meiner Arbeit im Ausland immer wieder bewusst, wie gut es uns in Deutschland geht. Ich selbst habe eine feste Anstellung an der Universität, ich bin privilegiert in jederlei Hinsicht.

Aber wie gut lässt sich Ihre Professorenstelle an der Universität RheinMain in Wiesbaden denn überhaupt mit der Arbeit als »Straßen-Doc« verbinden?

Es ist mitunter schon anstrengend, nach der Vorlesung im Arztmobil unterwegs zu sein, da braucht es ein klares Zeitmanagement. Aber die Universität ist meine existenzielle Basis - und ich kann nebenher noch tun, was mir so wichtig ist. Das ist mein Luxus, und für den bin ich sehr dankbar.

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