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»Wir bauen das schnell um«

Die Langzeitdokumentation einer Schnapsidee: »Das Hausboot« mit Olli Schulz und Fynn Kliemann

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Bootsverbesserer mit Alleskönnerattitüde: Fynn Kliemann ahoi!
Ein Bootsverbesserer mit Alleskönnerattitüde: Fynn Kliemann ahoi!

Es ist eigentlich immer besser, Fachleute zu fragen. Das weiß auch Max, ein Handwerker wie aus dem norddeutschen Bilderbuch. Max der Baumeister also sagt am toten Punkt einer neuen Netflixserie: »Die hätten das besser mal mit einem Sachverständigen gekauft.« Dann lächelt er: »Ham’se aber nicht.« Deshalb ham’se jetzt den Salat, genauer: Fynn Kliemann und Olli Schulz haben ihn - Gunter Gabriels Hausboot nämlich. Oder wie Bjarne Mädel es auf Stippvisite formuliert: »Ein Haufen Schrott.«

Dabei fing alles so schön an in dieser vierteiligen Langzeitdokumentation einer Schnapsidee: Fynn Kliemann, Land-WG-Influencer bei funk und Youtube, hat mit Olli Schulz, der singenden Ich-AG des Podcasts »Fest & Flauschig«, die dümpelnde Hinterlassenschaft eines verstorbenen Countrystars gekauft. Bis unters Deck vollgestopft mit Nippes, Müll und Erinnerungen einer Boulevardlegende, die vor ihrem Tod 2017 so mythenumrankt war, dass Schulz auf einen Artikel über sein Erbe sofort ansprang. »Fan-Ansturm«, stand da rot auf weiß und: »Wer schnappt sich Gunter Gabriels Hausboot?«. »Ich!«, rief Jan Böhmermanns andere Hälfte und hätte es da schon wissen müssen, wie er in »Das Hausboot« einräumt.

Die Schlagzeile stand nämlich in »Bild«. Und so entpuppt sich das Netflix-Format Rostschicht für Rostschicht als das, was Olli Schulz schneller als gedacht realisieren muss: »Ein Überraschungsei, das gefüllt ist mit Scheiße«. Auf diesem Niveau begleiten wir Kliemann und Schulz dabei, wie ihr wachsendes Team tief und tiefer im Dreck einer Investitionsruine steckt, deren Kaufpreis im Lauf der nächsten 18 Monaten das Fünfundzwanzigfache an Sanierungskosten verschlingt. »Boot, geil, 20 000 Euro«, rekapituliert Schulz seine Anfangseuphorie, »wir bauen das schnell um, verdienen bisschen Geld, kleines Café, kleines Studio«. Fertig.

Fertig sind jedoch nur die zwei Traumtänzer, je länger wir sie auf dem Weg zur Eröffnung ihres Musikparadieses im Hamburger Hafen mit Dachbühne und Künstlerhotel begleiten. Hatte Kliemann bei der Ortsbegehung mit Gunter Gabriels Tochter noch gesagt, »die Bank, der Tisch, die Decke, der Boden - das bleibt alles ohnehin genauso, wie es ist«, realisiert er kurz darauf unter einem tropfenden Dach, dass hier mal gar nichts bleiben wird, wie es ist. Im Gegenteil. Je mehr Fachleute dazustoßen, desto öfter lautet ihr Befund: Komplettentkernung. Und so begleiten wir von der Illusion über Erkenntnisgewinn, Fatalismus und Durchhalteparolen bis - Achtung Spoiler! - zum feierlichen Richtfest.

Klingt zwar sehr wie eine handelsübliche Scripted-Reality-Show zynischer Privatkanäle im Do-it-yourself-Genre, ist aber viel mehr. Vor allem: viel unterhaltsamer. Denn natürlich geraten Kliemann und Schulz ständig krachend aneinander. Im Pappmodell stellt Regisseurin Regina Schlatter beide als Animationen nebeneinander und lässt Nachrichten eines Chatverlaufs aufpoppen, in dem sie sich über Gelddinge anpampen. »Olli ist der Meister darin, sich aus jeder Situation mit ’nem Spruch zu retten«, meckert Kliemann andernorts, dem Schulz entgegenhält, er sei »der Typ, der aufm Scheißhaus sitzt und dabei Filme hochlädt«.

Beide halten sich gegenseitig für Blender, beide haben ein bisschen recht, beiden sind aber auch herzensgetriebene Überzeugungstäter. Deshalb kriegt das Publikum hier eine Seifenoper, in der niemand irgendwem was vorspielt. Das Gros der Dialoge ist ja schon deshalb real, weil diese analogen Alphatiere des Digitalzeitalters schwer zu steuern sind - schon gar nicht von potenziellen Autoren einer so persönlichen Serie. Kein Wunder, dass die beiden neben der Produktion (Kliemannsland) auch für den Soundtrack verantwortlich sind. So genervt man also gelegentlich vom faulen Egoshooter Schulz oder von Kliemanns Alleskönnerattitüde ist: Hier agiert ein Duett zweier Rampensäue, das mangelnde Angst vor dem Scheitern mit maximaler Lust am Schaffen vereint. Falls irgendwo noch ein Hausboot verrottet: Bitte bei den beiden melden!

»Das Hausboot« ab 9. März auf Netflix.

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