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Plastikblumen für die Ewigkeit

Trinkgedichte, Großstadt- und Landlyrik - selbst für TV-Fans ist gesorgt: Helmut Kraussers neue Lyriksammlung

Kann man Ravioli aus der Dose so zubereiten, als wäre es eine höhere Kunst? Oder ist es möglich, mit Beethoven zu sprechen, obwohl er bekanntermaßen längst nicht mehr unter uns weilt? Ja, beides geht - und noch viel mehr, wenn Helmut Krausser, ein Multitalent in Sachen Sprache, Literatur und Musik, die dichterische Feder mit altbewährt leichter Hand schwingt.

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Helmut Krausser: Glutnester. Piper, 112 S., geb., 22 €. •

Obgleich ihm dabei das Poem so manche Möglichkeit gewährt, zum Pathos dient es ihm nicht. Auch nicht zum überschwänglichen Höhenflug oder zur Beschwörung neuer Zeiten. Und erst recht nicht zur Vehemenz in Sachen Gesellschaftskritik. Stattdessen taugt ihm die Lyrik in seinem aktuellen Band »Glutnester« stets zum ironischen Seitenblick auf die Welt - einer, der weder sich selbst noch die eigene Zunft allzu ernst nimmt. Im Gegenteil: Vergesst den liederlichen Geniekult, jetzt gibt’s ein »Fertiggedicht (…) Aufbauverse gibt es hier: // www.sonettdotcom // Heute günstig: Reime auf -om, / drei für hundert Euro. (…) Übrigens - für tausend mehr / gibts von mir den Reim auf -ensch.«

Wo es so billig etwas zu holen gibt, werden viele Leser*innen mit ihren Interessensgebieten fündig. Im Sortiment des 1964 in Esslingen am Neckar geborenen Krausser findet man Trinkgedichte, Großstadt- und Landlyrik. Selbst für TV-Fans ist gesorgt. Als sich in einer Miniatur bei »Terra X« Hyänen und Geier um einen Elefantenkadaver versammeln und friedlich nebeneinander speisen, stellt sich beim lyrischen Ich unversehens die Erkenntnis ein, dass so das Paradies aussehen muss.

All jenen, denen der Sinn dann nach hochwertigem Kulturgenuss steht, sei vielleicht stattdessen ein Loreley-Gedicht empfohlen. Bevor sich das Textsubjekt dem Sirenengesang hätte hingeben können, tauchte es, von Gier getrieben, hinunter in den Rhein, um den Nibelungenschatz zu heben. Allerdings vergeblich. Nachdem ihm die Luft ausgegangen ist, sehnt es sich auf dem Grund des Flusses nach einem schöneren Tod, einem in der Musik. Das wäre doch zumindest ein Dahinscheiden in Schönheit gewesen, oder nicht?

Ob Alltagsbeobachtungen oder Reflexionen über die Menschheit - Kraussers Talent äußert sich in einem immerzu eingängigen, schonungslos-flapsigen Stil, der eng mit dem mündlichen Sprachgebrauch verbunden ist. Doch damit wäre nur die Hälfte über seine Verskunst gesagt. Denn die Einfachheit im Ausdruck, die - so viel Kritik sei angebracht - manchmal auch in Banalität kippt, steht häufig im Kontrast zur Komposition. Paar- und Kreuzreime wie gleichsam das strenge Korsett des Sonetts werden gebraucht, um das Absurde unseres Daseins in die richtige Form zu packen.

Natürlich dient dieser Clash zwischen einfacher Rede und erlesener, klassischer Lyrikschreibung der Erzeugung von Witz und Komik. Nicht einmal der Vergänglichkeit, eines der Urmotive der Poesie, bleibt die Schwere, wenn das lyrische Ich auf dem Friedhof auf Plastikblumen trifft. Sie sind »Zum Kranz gebunden. / Bisschen verblichen, sonst / tadellose Helden des Gedenkens. / Haudegen funeraler Flora, / sozusagen. Mit Weitsicht / ausgesucht.«

Für bare Münze darf man in Kraussers neuer Gedichtsammlung jedoch das titelgebende Poem nehmen. Dieses liest sich wie ein Kommentar zur Ermüdung unter dem Regime der Pandemie: »Glutnester suchen, / draußen in der Nacht, / mit der bloßen nackten / Hand aufnehmen, zum / Mund hinaufheben, / Luft reinpusten, / bis sie heller leuchten, bis / ich Feuer fange, brenne, / wieder Fackel bin und / zündeln kann.« Winter- und Lockdownblues haben sämtliche Funken des sozialen Lebens erstickt.

Dass nun endlich wieder Wärme und Freude und Leidenschaft entbrennt - von dieser ungelebten Lust her schreibt sich Kraussers Text und mithin sein ganzer Band. Kurzum: Wer hätte schon vermutet, dass sich zwischen zwei Buchdeckeln wirklich das verlorene Leben wiederfinden lässt?

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