Es lebe der Verdruss!

Phantom, Dämon und Halbbruder: Peter Fabjan über den Übertreibungskünstler Thomas Bernhard

  • Von Matthias Reichelt
  • Lesedauer: 4 Min.

Peter Fabjan war der Halbbruder von Thomas Bernhard (1931- 1989). Lange Zeit war er auch sein Arzt und seine Vertrauensperson. Der Schriftsteller war schon in früher Jugend an Morbus Boeck erkrankt. Fabjan betreute ihn nicht nur medizinisch, als einfühlsamer Helfer begleitete er ihn auch auf seinen Reisen.

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Peter Fabjan: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Ein Rapport.
Suhrkamp, 200 S.,geb., 24 €. •

Nun hat er ein Buch über Bernhard und dessen »Lebensmenschen« veröffentlicht. Mit diesem Begriff bezeichnete Bernhard die für ihn wichtigen und ihm nahestehenden Personen, die aber oft schlecht von ihm behandelt wurden. Laut Fabjan forderte Bernhard viel, ohne viel zu geben, ein Missverhältnis, dass mit Undankbarkeit nur unzureichend beschrieben ist. »Er war unfähig, Dankbarkeit zu zeigen. Menschen, denen er etwas schulde, habe er ›vernichten‹ müssen, um sie loszuwerden«, erinnert sich Fabjan an eine selbstkritische Bemerkung Bernhards. Für Fabjan blieb der Halbbruder ein »Phantom«, wurde gar zum »Dämon«. Sein Buch ist so ehrlich wie bedrückend und offenbart einen Langmut, der eher zu bedauern als zu bewundern ist.

Neben kurzen Passagen, in denen Fabjan die »Lebensmenschen« Bernhards charakterisiert, behandelt er detailliert die gemeinsame Jugend. Die Eltern und Großeltern, vor allem der schreibende Großvater Johannes Freumbichler, und deren schwierige ökonomischen Verhältnisse werden ausführlich beleuchtet. Des Weiteren sind Abrisse der Krankengeschichte Bernhards sowie der gemeinsam unternommenen Reisen eingefügt, die für die Werkrezeption und -analyse von großer Bedeutung sind.

Sexualität spielte keine Rolle in Bernhards Werk und in seinem Leben offenbar auch nicht: »Die früh aus Thomas’ Leben verdrängten Bereiche waren körperliche Nähe und Sexualität. Beziehungen blieben lebenslang platonisch. Er war schlicht asexuell.«

Mit diesem »Rapport«, der keinen literarischen Anspruch verfolgt, tritt ein bescheidener Mensch aus dem Schatten seines berühmten Halbbruders. Überhaupt war Bernhard höchst unleidlich, hat es aber verstanden, aus seinem Verdruss über Menschen, Gesellschaft und eigentlich alles eine höllisch gute Literatur zu machen. Das Hadern und das Granteln ließ er in Prosa zu langen Suaden gerinnen. Diese trieb er mit Wiederholungen und Steigerungen in Superlative der Verunglimpfung und Beschimpfung, nur um die aufgetürmte Sprachwut und Empörung auf der nächsten Seite wieder einzureißen.

Es ist zweifelhaft, ob er sich selber ernst nahm, denn Übertreibung und spätere Revidierung waren bei ihm gängige Erzähltechnik. Spielerisch ließ er eine Figur im letzten großen Roman »Auslöschung« (1986) über das von ihm so geliebte Stilmittel reflektieren: »Wenn wir unsere Übertreibungskunst nicht hätten, (…) wären wir zu einem entsetzlich langweiligen Leben verurteilt, zu einer gar nicht mehr existierenswerten Existenz. Und ich habe meine Übertreibungskunst in eine unglaubliche Höhe entwickelt (…) Um etwas begreiflich zu machen, müssen wir übertreiben, (…) nur die Übertreibung macht anschaulich (…)«

Hartnäckig, in fast liebevollem Hass betrieb er bis zum Ende seines Lebens die Verächtlichmachung Österreichs, so wie der afroamerikanische Poet und Musiker Gil Scott-Heron einmal gesungen hatte: »Home is, where the hatred is.« Mit genüsslicher Freude hatte Bernhard seiner Halbschwester und seinem Halbbruder verkündet: »Ich mache kein Testament, und ihr werdet sehen, was da einmal über euch hereinbricht!«, erzählt Fabjan. Kurz vor seinem Tod revidierte er dies und verfasste ein Testament, das unter anderem ein Aufführungsverbot aller Stücke für 70 Jahre in Österreich vorsah. Diese harte Nuss zu knacken und das Aufführungsverbot durch viele Verhandlungen und Geschick zu umgehen, oblag dem Bruder, der zu einem sorgsamen Nachlassverwalter wurde. Kürzlich wurde »Heldenplatz«, mit August Zirner in der Hauptrolle des von den Nazis aus Österreich vertriebenen jüdischen Professors Schuster, als digitale Premiere zum 90. Geburtstag Bernhards wieder in Salzburg aufgeführt.

Initiiert von Peter Fabjan sind ein dem Schriftsteller gewidmetes Archiv, eine Gesellschaft und eine Stiftung entstanden. Außerdem rettete Fabjan die Liegenschaften Bernhards, den Vierkanthof in Obernathal, die Krucka am Grasberg bei Altmünster und das Haus in Ottnang, um sie für Künstlerförderung zu nutzen und auch für Besucher zugänglich zu machen.

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