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Immer die Rinne entlang

Berliner Stadtwanderung: Von Schöneberg nach Grunewald – über trockengelegte Sümpfe, verschüttete Seen und Autobahn bis ins Villenviertel. Ein eiszeitlicher Graben dient als loser Kompass.

  • Von Wolfgang Scherreiks
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Carl-Zuckmayer-Brücke ist so etwas wie das erwachsenere Gegenstück zur Kreuzberger Admiralsbrücke. Eine luftige Piazza für Flaneure und Musiker, eine großzügige Passage für Fahrräder. Zugleich Deckenabschluss des Berliner U-Bahnhofs Rathaus Schöneberg, der offen in der Talsenke des Rudolph-Wilde-Park liegt.

Auf dem Brückengeländer aalen sich Sandsteinfiguren unter der Morgensonne: Tritonen, Mischwesen aus Menschen und Fisch, die auf ihrem Rücken Nymphen von Ufer zu Ufer tragen. Sie erinnern an das einstige Fenn, ein morastiges Sumpfland, dem ich folgen werde. Der Nebenarm einer eiszeitlichen Rinne führt von hier bis zum Koenigssee in Grunewald.

Um den Sumpf zum Verschwinden zu bringen, schüttete man Anfang des 19. Jahrhunderts Tag für Tag Sand darüber. Über Nacht verschlang das widerspenstige Fenn die Sandkörner wieder in seinem wässrigen Schlund. Der Kampf zwischen Mensch und Natur dauerte eine Weile, bis die Sandaufschütter vorerst triumphierten, die U-Bahn darauf bauten und die wachsende Stadt drum herum. Vielleicht lauert der Sumpf nur in den Dimensionen geologischer Zeit, die sich in Millionen Jahren bewegt, und manchmal schneller: Mitte der 1990er musste der um 60 Zentimeter abgesackte U-Bahnhof stabilisiert werden. Und spaziere ich die Wiese Richtung Westen hinunter, sehe ich die hochgedrückte Wasserlache wieder, vor der Picknicker regelmäßig flüchten.

Solange ich durch die schmale Senke Richtung Stadtautobahn stromere, bleibt die glaziale Rinne vorstellbar. Auch wenn darauf ein schlauchartiger Miniaturpark mit knorrigen Platanen gesetzt ist, der hinter der Prinzregentenstraße landschaftliche Wellen wirft. An der Bundesallee ignoriere ich die Fußgängerbrücke, weil sie zu tief in den Park entlässt. Lieber steige ich über das Stahlgehege in der Straßenmitte, um am Eingang zum Volkspark Wilmersdorf eine ausladende Platane zu betrachten. Kaum mehr vorstellbar, dass ein Stück weiter auf der Höhe der Sportplätze einmal der Wilmersdorfer See lag. Um dem Gestank der eingeleiteten Abwässer zu entkommen, wurde er 1915 zugeschüttet.

Halte ich mich rechts, gelange ich durch den Schoelerpark in die Wilhelmsaue. Dort begegne ich einem sprechenden Stein. »Du!« sagt er. »Befindest dich hier auf der ehemaligen Dorfaue im ältesten Teil unseres Bezirkes. Um 1750 gaben Bauerngehöfte, umschlossen von Feldern, Wiesen und Seen Alt-Wilmersdorf das Gepräge.« Zu lesen auf der im Stein versenkten Bronzetafel. Später erfahre ich, sie ist eine Idee der 1950er Jahre, um mit Idylle Geschichte zu klittern. In Wirklichkeit hatten die Nationalsozialisten den Menhir hierher gehievt, um damit ihrem Märtyrer Schlageter zu huldigen. Enthüllt wurde er unter Glockengeläut der nahen Auenkirche und mit einer Weiherede des Pfarrers.

Wieder im Park quere ich die Uhlandstraße. Vor mir liegt der Fennsee. Als ich zum ersten Mal an seiner Nordseite spazierte, mäanderte ich über die Barstraße vor dem Wilmersdorfer Friedhof in die Brienner Straßezur ältesten deutschen Moschee - am Tag des offenen Denkmals. Der Imam verkündete, dass die Ahmadiyya-Moschee dem Taj Mahal nachempfunden sei. Und wie das indische Weltwunder aus Liebe erbaut. Aus Liebe zu den Menschen.

Zurück zur Natur: Hatte die Stadt das Fenn zum Verschwinden gebracht, so verläuft am Fennsee ein Ufertrampelpfad, der die Stadt verschwinden lässt. Die Zeit kriecht dort langsamer. Sonnenflecken funkeln auf dem See. Federlibellen sausen heran und harren aus in der Luft. Blesshühner mit weißem Hornschild über dem Schnabel nähern sich in Erwartung von Brotkrumen. Am Wassersaum rändert Süßgras mit vornehm fächelnden Besen, durch die der Seespiegel lebhaft glitzert. Ein aufgesplitterter Weidenstamm sperrt den Weg. Darauf wachsen orangefarbene Baumpilze. Und eine winzige Halbinsel täuscht mir die Bucht einer Seenlandschaft vor.

Schon länger höre ich eine Quelle rauschen. Sie erweist sich als Rohr, aus dem Wasser in den Fennsee plätschert. Ungefilterte Straßenabwässer, Laub und mangelndes Frischwasser sorgten Anfang des Jahrtausends für unerträgliche Fäulnisgerüche des Stadtsees, der als künstliches Regenauffangbecken dient. Mittlerweile werden die Abwässer unterirdisch vorgereinigt. Die Zahl der Laub abwerfenden Bäume und Sträucher ist geschmälert worden. Es riecht nach Seewasser und frischem Grün. Aus dem eiszeitlichen Graben steige ich auf - in ein Neubauviertel.

Die Fußgängerbrücke, die sich Hoher Bogen nennt, liegt rechts davon etwas versteckt neben einem Parkplatz an der Rudolstädter Straße. Nicht aufgrund ihrer Form so getauft, sondern nach dem Höhenzug im Bayerischen Wald, wo sich unter der Burg des Grafen von Bogen ein Schatz verbergen soll. Das ist eine märchenhafte Schönrederei: Erst schneiden stählerne S-Bahn-Schienen, dann die Stadtautobahn, der betonierte Highway mit seinem nie abreißenden Strom motorisierter Karossen, die eiszeitliche Rinne. Auf der Brückenmitte leuchten die drei gelben Blöcke des Heizkraftwerks im idealen Vormittagslicht. Das Fahrzeugdröhnen unter den Sohlen denke ich: »Was wäre eine Landschaft ohne Schneise?«

Hinter der Brücke halte ich mich links. Lose folge ich dem tief unter der Erde liegenden betonierten Talgraben, in Stadtplänen als dünne blaue Linie eingezeichnet. Er verbindet Fennsee und Hubertussee. Und ich ahne die Forstsetzung der Rinne in den ausgehöhlten Miniaturtälern, heute Freibad, Sportplatz und Eisstadion. Weiter Richtung Fritz-Wildung-Straße passiere ich eine Flüchtlingsunterkunft. Menschen hinter Zäunen, in Nachbarschaft zu eingezäunten Tennisclub-Plätzen, »Zutritt nur für Mitglieder und eingeführte Gäste«.

Ich quere den Hohenzollerndamm, halte mich links am FIinsberger Platz bis zur Reinerzstraße. Von einem urzeitlichen Graben nichts zu sehen. Hinter der israelischen Botschaft tauchen ockerfarbene Wohnanlagen auf, erbaut im sogenannten Heimatstil. In deren Gärten steht haushoher Hibiskus. Über die Hubertusallee komme ich zum gleichnamigen See. Auf einmal ist der Graben zurück.

Auch dieser See wurde vor 1900 künstlich ausgehoben, um den Sumpf für die Villenkolonie Grunewald trockenzulegen. Wenn ich mir schon keine malerischen Villen im Umkreis leisten kann, darf ich am linken Uferweg über große Farne, Kaukasische Flügelnuss- und Japanische Kuchenbäume staunen. Über ein paar Straßen könnte ich weiter bis zum Koenigssee laufen, wo der eiszeitliche Graben auf die Grunewaldrinne trifft. Weil der Uferweg kurz hinter der Bismarckbrücke endet und einmal mehr der Weg das Ziel ist, steige ich unter der Brücke auf. Dort grüßen mich wieder Steinfiguren. Diesmal Sphingen, dem Frauenbild der Gründerzeit nachempfunden. Die Stadt hat mich wieder.

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