Frauenmarsch? Am Arsch!

JEJ NERVT: Über eine Demonstration, die nicht war, was sie vorgab

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.
Es könnten eigentlich noch viel mehr Anführungszeichen vor und hinter diesen
Es könnten eigentlich noch viel mehr Anführungszeichen vor und hinter diesen "Multikulturellen Frauenmarsch" gesetzt werden.

Unter dem Label »Multikultureller Frauenmarsch« organisieren esoterische Frauen gegenwärtig ihren Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesrepublik. Die Gruppe vereint allerlei gruseligen Frauenkitsch und bedient sich einer feministisch anmutenden Sprache, um Anschlussfähigkeit zu beweisen. Tatsächlich handelt es sich aber auch hier um eine Querfront-Bewegung. »Multikulturell« entpuppt sich bei näherem Hinsehen als schnell weißdeutsches Hippietum, nicht die Repräsentation der Interessen rassistisch marginalisierter Menschen. So lässt sich der »Frauenmarsch« auch insgesamt in das Spektrum der »Querdenker*innen« einordnen, der die Forschung bereits nachgewiesen hat, dass sie eine Bewegung von »links« nach rechts ist.

500 Menschen zogen am 28. Februar durch Berlin-Mitte. Die Kleider waren bunt, die Haare lang, die Gesichter vorwiegend weiß. Es wurde getanzt und gesungen. Alles, was irgendwie als vermeintlich naturnahe Kultur »anderer« Völker übernommen und für die eigene Ideologie verwertet werden kann, wurde auch nachgeahmt. »Rituale« wurden performt, Mantren gesungen, begleitet mit hierzulande eher unbekannten Instrumenten, und bunte Fahnen mit aufgedruckten Symbolen und Buchstaben geschwenkt. Die Deutung, dass »andere« Kulturen ähnlich naturnah seien wie das Wesen des geschlechtlich »Anderen«, des Weiblichen, weist bereits darauf hin: Rassismus und Misogynie verbinden sich hier auf eine komplexe, jedoch »sanfte« Art.

Schon das Einladungsvideo zu der Veranstaltung dürfte so manches Nackenhaar zum Aufstellen gebracht haben. Dort spricht etwa Sandra Seelig - Überraschung: Homöopathin - inmitten von tanzenden Frauen. Sie habe vor Monaten schon »diesen unglaublich tollen Impuls bekommen«. Im Januar wiederum habe sie »diesen Funken ins Feld gegeben« und sei »von vielen Frauen kraftvoll und unterstützend empfangen worden«. Es sei dann klar gewesen: »Der Zeitpunkt der Urkraft der Weiblichkeit ist da.« Die meilenweite Überschätzung der Bedeutung dieser doch ziemlich bescheidenen persönlichen Regungen darf nicht verwundern: Sie ist in der Esoterik Programm.

Anders als bei den Querdenker*innen droht hier das Anliegen, nämlich der Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen, unter dem Geblubber von Weiblichkeit, Natürlichkeit und um jeden Preis alternativem Leben beinahe unterzugehen. Das dürfte jedoch auch die Gefahr bei den Strömungen esoterischer Weiblichkeit ausmachen: Ihr politischer Gehalt wird in Botschaften geballten Wohlfühlens, demonstrativer Friedlichkeit und Ausgeglichenheit versteckt. So werden insbesondere Frauen in persönlichen Krisen, mit Fragen an die eigene Identität oder Betroffene patriarchaler Gewalt geködert. Die Hauptakteure der Szene wiederum dürften auch wirtschaftliche Interessen umtreiben. Sie verdienen oft ihr Geld als Heilpraktikerinnen oder Coaches - was dort verkauft wird, hat keinerlei Beleg oder Evidenz. Soll es auch nicht: Es geht darum, Geld gegen das Gefühl einzutauschen, einen privilegierten Blick auf die Welt zu bekommen und auf das, was in dieser zählt. Damit verbunden ist eine narzisstische Aufwertung, und die braucht es auch regelmäßig, wenn der Eindruck überwiegt, in der vermittelten kapitalistischen Gesellschaft nicht so wirklich den Durchblick zu haben. So machen diejenigen, die sich vom Aufstieg und der Teilhabe ausgeschlossen fühlen, aus ihrem Nachteil einen Vorteil.

Dass es sich bloß um den Schein von Feminismus handelt, zeigt sich auch beim Blick auf die Unterstützer*innen des Marsches. Der Erwachte Weiblichkeit e. V. zum Beispiel nennt sich auch Verein zur Förderung der Balance weiblicher und männlicher Prinzipien in unserer Kultur. Es soll also gar nicht um eine Auflösung des patriarchalen Gegensatzes der Geschlechter gehen, sondern um eine Anerkennung der als ewig verstandenen Wesenheiten von Männern und Frauen. Dass Letztere ihren Platz auf der Erde vor allem in der Geburt und im Schutz von Kindern erblicken sollen, ist da nur konsequent. Verkauft wird das Ganze als »neue Frauenbewegung«. In meinen Kreisen würde man sagen: »Wenn du ›Frauenbewegung‹ auf Wish bestellst.«

Dazu passende Podcast-Folgen:

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung