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  • Sexuelle Gewalt gegen Kinder

Rücktritte wären das Minimum

Matthias Katsch: Die Kirchen haben bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Kinder versagt

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 4 Min.
Nie wieder still sein: Protest gegen Vertuscher in Köln im Februar mit einem Karnevalswagen des Künstlers Jacques Tilly
Nie wieder still sein: Protest gegen Vertuscher in Köln im Februar mit einem Karnevalswagen des Künstlers Jacques Tilly

Kardinal Rainer Maria Woelki hat wenige Tage vor der Veröffentlichung des Gutachtens zu sexueller Gewalt gegen Kinder durch Geistliche im Erzbistum Köln angekündigt, dort benannte Verantwortliche für die Vertuschung von Verbrechen »wenn nötig« vorläufig von ihren Aufgaben zu entbinden und auch sich selbst zur Disposition gestellt. Könnte der Bremser Woelki damit zum Vorreiter der Aufarbeitung werden?

Wenn er Vorreiter werden wollte, würde er mehr zuhören, bevor er handelt. Es gibt seit Jahren die Forderung nach unabhängiger Aufarbeitung, und er hat stattdessen entschieden, mit anwaltlichen Gutachten zu arbeiten, die er beauftragt. Das erste Gutachten, das vor einem Jahr fertiggestellt war, hat er zurückgehalten und ein neues in Auftrag gegeben. Aber wenn Woelki jetzt tatsächlich Verantwortliche suspendieren und selbst seinen Rücktritt anbieten würde, wäre das tatsächlich etwas Neues. Aber ein Vorreiter wäre er damit natürlich trotzdem nicht.

Es sollen immerhin öffentlich Namen genannt werden. Was sollte es für die noch lebenden Täter für Konsequenzen geben?

Wenn es so einfach ist, durch simples Aktenstudium innerhalb von nur drei Monaten 200 Täter und 300 Opfer zu ermitteln, dann zeigt das, dass die Kirche die ganze Zeit auf diesen Informationen gesessen und sie einer öffentlichen Aufarbeitung nicht zugänglich gemacht hat. Mich macht die Vorstellung zornig, dass wir als Betroffene elf Jahre nach der Aufdeckung des Missbrauchsskandals den Herrschaften für dieses Vorgehen auch noch auf die Schulter klopfen sollen. Und ich bezweifle natürlich auch diese Zahlen, weil sie nur das widerspiegeln, was die Institution selbst in ihren Personalakten dokumentiert hat. Wir kennen aber viele Betroffene, die in diesen Akten nicht auftauchen und sich auch nicht an die Kirche gewandt haben. Wirkliche Aufarbeitung würde bei den Opfern beginnen, würde Menschen einladen zu sprechen, sich mitzuteilen und nicht nur nach Aktenlage die Dinge beurteilen.

Nach Kirchenrecht können Bischöfe nicht entlassen werden, sie können nur freiwillig zurücktreten. Sehen Sie Ansätze im Strafrecht, wie diese, wenn sie Verbrechen Untergebener vertuscht haben, noch zur Verantwortung gezogen werden können?

Leider weist unser Strafrecht an dieser Stelle eine Lücke auf. Es ist nicht strafbar, als Vorgesetzter Missbrauch in einer Institution zu vertuschen. Das ist in anderen Ländern anders, wo es bereits Verfahren gegen Bischöfe gegeben hat, zum Beispiel in Frankreich. Deutsche Staatsanwaltschaften haben es wiederholt abgelehnt, Ermittlungen gegen Verantwortliche aufzunehmen. Deswegen ist es unbedingt notwendig, dass es hier eine Gesetzesreform gibt, auch wenn das für Vergangenes nichts mehr ändert. Angesichts dessen erwarten wir wenigstens, dass Männer wie der Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße, früher Personalchef im Bistum Köln, und andere, deren Namen offenbar im Gutachten stehen, ihre Ämter niederlegen.

Ein Bündnis von Betroffeneninitiativen fordert in einer im Februar gestarteten Onlinepetition den Bundestag zum Eingreifen auf. Was erwarten Sie vom Parlament konkret?

Wir haben gesehen, dass die Kirchen, und das betrifft die Evangelische Kirche genauso, zu einer echten Aufarbeitung nicht in der Lage sind. Deshalb erwarten wir, dass der Bundestag diese Dinge nicht mehr nur als Beobachter begleitet, sondern sich aktiv einbringt. Entweder, indem er eine Wahrheitskommission zur Aufarbeitung der Verbrechen als unabhängiges Gremium außerhalb des Parlaments beruft, oder, indem er selbst eine Enquetekommission einsetzt, die die Aufarbeitung in den Bistümern und Landeskirchen begleitet.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat im vergangenen September beschlossen, dass Opfern auf Antrag sogenannte Ausgleichszahlungen von bis zu 50 000 Euro gewährt werden sollen. Ist das nicht ein deutlicher Fortschritt?

Ja, es ist ein Fortschritt, dass man von den symbolischen Anerkennungszahlungen der Vergangenheit wegkommt zu Beträgen, die man überhaupt als relevant begreifen kann. Trotzdem sind wir nicht zufrieden damit, dass die Kirche weiterhin von »Anerkennung« spricht und nicht von Entschädigung. Damit vermeidet sie, Schuld einzuräumen. Gäbe es dieses Eingeständnis, wären die Summen deutlich höher. Und natürlich haben die Betroffenen dieses Zugeständnis in zehn Jahren Auseinandersetzung mit der Kirche hart erkämpft. Ohne diesen beharrlichen Druck wären wir immer noch bei symbolischen Beträgen von 1000 bis 5000 Euro. Auch da sehe ich ein Versagen der Politik. Angesichts des großen Machtgefälles zwischen der Institution Kirche und ihren Opfern ist sie gefordert, sich klar auf die Seite der Betroffenen zu stellen und ihnen den Rücken zu stärken.

Sie werden an diesem Donnerstag zusammen mit anderen Aktivisten in Köln sein. Was haben Sie geplant?

Wir wollen klarmachen, dass die Veröffentlichung des Gutachtens kein Ersatz für echte, unabhängige Aufarbeitung ist. Wir werden auf der Domplatte stehen und unsere Forderungen nach Aufarbeitung und Unterstützung durch die Politik unterstreichen. Und wir wollen zeigen, dass wir als Betroffene uns immer besser vernetzen und uns gegenseitig stärken. Betroffeneninitiativen aus mehreren Bistümern und solche, die in Ordensgemeinschaften begangene Taten aufarbeiten, haben sich zu einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen.

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