Irgendwo ist es immer schlechter

Im Fußball gilt das Gleiche wie im echten Leben. Denn die vermeintliche Gewissheit, dass die Dinge in diesem Land besser laufen als »anderswo«, ist erstaunlich weit verinnerlicht.

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Samstag habe ich mir zur Feier des Tages eine kleine frühkindliche Regression gegönnt. Ich habe einigermaßen konsequent das Internet mit Missachtung gestraft, um abends mit großen staunenden Augen den Countdown von Liga drei bis eins in der »Sportschau« anzugucken und mich von den Resultaten überraschen zu lassen. Die staunenden Augen wurden dann tatsächlich immer größer, doch das hatte wenig mit den Ergebnissen zu tun. Sondern viel damit, dass in fast jedem Spiel schlimme Fehlentscheidungen der Schiedsrichter zu bestaunen waren.

Dass an jedem Spieltag unzählige Handelfmeter gepfiffen werden, die darauf beruhen, dass sich die Abwehrspieler ihre Arme nicht haben amputieren lassen, kann man den Referees nicht vorwerfen. Es sind Regeln, die sie anwenden müssen, und wenn sie noch so schwachsinnig sind. Wie man aber ein Foul wie das am Sandhäuser Julius Biada nicht als solches werten oder den Berliner Treffer zum 1:1 durch Max Kruse gelten lässt, ist mir schleierhaft. Das vorangegangene Foul an Makoto Hasebe, das Schiri Schmidt und sein Videokollege irgendwie nicht gesehen hatten, führte dazu, dass der Japaner mit einer klaffenden Wunde am Oberschenkel weiterspielte.

Zu gerne wäre ich nach diesem Spieltag jedenfalls noch ein bisschen in einer fußballaffinen Kneipe versackt. Fraglos hätte das Gemecker auf die Schiedsrichter Konjunktur gehabt - dass dem immer etwas Populistisches anhaftet, ist mir ja durchaus bewusst -, aber irgendwann hätte jemand unter beifälligem Nicken gesagt, dass die Referees in anderen Ländern halt noch schlechter seien. Was auch nur bestätigt, dass Fußball als Mikrokosmos ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Denn die erstaunliche Gewissheit, dass in diesem Land im Grund alles gut ist, wird in Deutschland generell nur selten ernsthaft in Frage gestellt. Und wenn doch, folgt umgehend die erlösende Behauptung, es müsse dann ja anderswo noch schlechter sein. Und zwar überall, wo anderswo ist.

Man darf gespannt sein, wie es um das unerschütterliche Selbstbewusstsein der Deutschen bestellt sein wird, wenn Corona irgendwann mal rum ist. Dass beim Impfen und Testen nicht viel klappt, ist ja so wenig zu übersehen, dass seit einigen Wochen selbst die Merkel-treuesten Medien schon anfangen, kritisch nachzufragen. Kann es denn wirklich sein, dass 86-Jährige über 600 Mal erfolglos versuchen mussten, einen Impftermin zu organisieren? Wenn das mal die Kanzlerin wüsste!

Noch erschütternder als eine Politik, die von Meinungsumfragen und »Bild«-Schlagzeilen getrieben wird und immer zwei Wochen zu früh lockert, um damit letztlich das Ende von zwei Monaten länger hinauszuzögern, noch bedenklicher als ein dilettantisches Krisenmanagement ist für den deutschen Hochmut vielleicht nur noch eines: dass selbst auf Law-and-order nur noch dann Verlass zu sein scheint, wenn es um linke Demos oder Fußball geht. Kein Ultra und kein Antifa könnte es sich jedenfalls erlauben, sich so wenig um Auflagen und Verbote zu scheren wie die 20 000 Ego-Shooter, die am Wochenende in Kassel unter den Augen der Polizei machen konnten, was sie wollten. Dass ausgerechnet diejenigen, die permanent herumplärren, ihre Freiheiten würden beschnitten, seit Monaten tun, was sie wollen, wäre fast schon lustig, wenn die Folgen dessen nicht diejenigen tragen würden, die von ihnen angesteckt werden.

Ein Staat, dessen Gerichte immer wieder behördliche Auflagen kippen, dann aber die strenge Einhaltung von Hygieneregeln und Höchstteilnehmerzahl anmahnen, die die Polizei selbst nicht interessieren, macht sich lächerlich. Und das nun schon seit fast einem Jahr.

Womit wir wieder beim Fußball wären. Knapp über 700 Fans durften am Samstag zum Spiel Hansa Rostock gegen den Halleschen FC. Und wer die Bilder aus dem Ostseestadion sah, kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich dabei jemand infiziert haben kann. Funktioniert hat das Ganze, weil es Regeln gab, die eingehalten und kontrolliert wurden. Ganz ohne Polizei. Wobei: In Rostock hätte es auch mit Polizei funktioniert. Beim Fußball wissen die Einsatzleiter ja immer sehr genau, wofür sie (nicht) bezahlt werden.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung