Windrad auf Abruf

Für viele Anlagen läuft die Förderung aus

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Windräder bei Wittstock – etwa die Hälfte der Anlagen in der Mark steht zur Disposition.
Windräder bei Wittstock – etwa die Hälfte der Anlagen in der Mark steht zur Disposition.

Wenn Thoralf Uebach, Geschäftsführer der Stadtwerke Neuruppin, aus dem Fenster schaut, sieht er drei Windräder. Gerade drehen sie sich nicht. Es muss Erdgas verbrannt werden, um Wohnungen zu heizen. Manchmal bläst der Wind ordentlich. Dann ist zu viel Strom im Angebot und einzelne Windenergieanlagen müssen abgeschaltet werden, um die Netze nicht zu überlasten. Da wäre es doch sinnvoll, in dieser Zeit die Windkraft nach dem Prinzip des Tauchsieders zu nutzen und Wärme zu erzeugen, erklärt Uebach.

Gesagt, aber nicht leicht getan. »In Neuruppin, vor unseren Augen, sind jetzt die ersten drei Windkraftanlagen abgebaut worden. Das ist traurig«, bedauert der Geschäftsführer. »Wir haben uns bemüht, sie zu übernehmen. Das ist nicht gelungen.«

Was los ist, erläutert Uebach - er spricht hier auch für den Landesverband Berlin-Brandenburg kommunaler Unternehmen - am Montag bei einem Pressegespräch mit Jan Hinrich Glahr vom Landesverband Windenergie. Im Jahr 2000 trat unter einer rot-grünen Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft. Es sicherte für Windenergieanlagen eine finanzielle Förderung, die aber nach 20 Jahren ausläuft. Im Jahr 2000 hatten bereits Windräder in Brandenburg gestanden. Die bekommen jetzt keinen Zuschuss mehr - und für weitere Anlagen mit einer Gesamtleistung von 2385 Megawatt (MW) läuft die Förderung in den kommenden fünf Jahren aus. Fast der Hälfte der Anlagen droht der Rückbau - und das gefährdet die in der brandenburgischen Energiestrategie 2030 festgehaltenen Pläne zur Energiewende.

27 Anlagen mit einer Leistung von zusammen 238 MW sind im vergangenen Jahr in Brandenburg errichtet worden, aber 33 MW wurden im selben Zeitraum zurückgebaut, berichtet Jan Hinrich Glahr. Das müsse man jetzt immer gegenrechnen, da die Gefahr bestehe, dass die Bilanz irgendwann ins Negative rutsche.

Glahr versichert, es gäbe eine Alternative zum Rückbau - das sogenannte Repowering. Dabei werden alte Anlagen modernisiert beziehungsweise durch neue ersetzt. Die Windräder der ersten Generation hatten eine Leistung von weniger als einem Megawatt, die neuesten kommen auf 4,2 MW. Und sie sind leiser, betont Glahr. Somit wäre es auch möglich, den Abstand von 1000 Metern zum nächsten Haus deutlich zu unterschreiten, ohne dass dies zu einer Lärmbelästigung der Bewohner führen würde. 300 Megawatt müssten in Brandenburg jährlich zugebaut werden, um die Ziele der Energiestrategie zu erreichen, rechnet Glahr vor. 2017 seien es 539 Megawatt gewesen, 2019 dann nur 201. »Im vergangenen Jahr sind wir mit 238 Megawatt wieder deutlich besser geworden. Aber das reicht nicht.« Dabei betont Glahr, dass von einem noch steigenden Bedarf an erneuerbaren Energien auszugehen sei, beispielsweise durch Elektrofahrzeuge.

»Bei der Suche nach zusätzlichen, neuen Flächen für die Windenergie sieht es nicht gut aus«, beklagt Glahr. Weil Regionalpläne, mit denen der Bau von Windrädern gelenkt wird, »immer wieder vor Gericht scheitern, gibt es keine Planungsbasis für die Ausbauziele 2030 oder gar 2040«. Aktuell sind drei von fünf Regionalplänen für das Land Brandenburg gekippt. Das Dumme dabei: Es gehen nicht nur Windkraftgegner juristisch gegen solche Pläne vor. Das tun auch Firmen der Windbranche, die sich durch einen speziellen Regionalplan behindert sehen. Und so schnell ist kein Ersatz zur Stelle. Einen Regionalplan aufzustellen, dauere fünf bis sechs Jahre, manchmal länger, sagt Glahr. Ungefähr so lange benötige man auch, um die Sache zu reparieren. »Es funktioniert zwar ganz gut über Einzelfallgenehmigungen«, weiß der Experte. »Aber das darf nicht die Regel werden.«

Der Landesverband kommunaler Unternehmen und der Landesverband Windenergie legen am Montag ein gemeinsames Positionspapier vor. Es enthält zehn Punkte zur Stärkung des Windkraftausbaus. Naturschutz und Klimaschutz sollen demnach zusammen gedacht werden. Es wird auch mehr Personal für die Genehmigungsbehörden gefordert. Und das Land Brandenburg soll seine Energiestrategie an den steigenden Strombedarf anpassen.

Die Vorschläge der Verbände gehen »in die richtige Richtung«, meint der Landtagsabgeordnete Clemens Rostock (Grüne). »Wir müssen die Energiestrategie eng am Klimaplan orientieren und benötigen die Windenergie als wichtiges Standbein der zukünftig hundertprozentig erneuerbaren Energieversorgung in Brandenburg. Das Ziel von 10,5 Gigawatt installierte Nennleistung bis 2030 ist dabei für uns das Minimum.«

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