Ohne Grusel

Nancy Aris soll neue Beauftragte für die SED-Diktatur in Sachsen werden

Um in Sachsen Beauftragter für die Stasi-Unterlagen zu werden, war bisher vor allem ein Qualifikationsmerkmal nötig: Dissident oder Bürgerrechtler in der DDR gewesen zu sein. Das trifft auf den Schriftsteller Lutz Rathenow zu, der das Amt seit 2011 innehat, zuvor auf Michael Beleites und Siegmar Faust. Auch die im Jahr 2000 bei der Wahl im Landtag gescheiterte Angelika Barbe und die 2011 gehandelte Freya Klier kamen wegen ihrer politischen Rolle in der DDR ins Gespräch.

Heute dürfte Sachsens Landtag von diesem Muster abweichen. Nachfolgerin Rathenows auf dem Posten, der seit 2016 als Landesbeauftragter für die »fortwährende Aufarbeitung der SED-Diktatur, ihrer Auflösung und der Nachwirkungen auf dem Gebiet Sachsens« firmiert, soll die Historikerin Nancy Aris werden. Sie erlebte das Ende der DDR als 19-Jährige, studierte später in Moskau und Wrocław und promovierte zur Geschichte der Moskauer Metro. Seit 2003 war sie Stellvertreterin zunächst von Beleites und dann von Rathenow, schrieb aber daneben auch Bücher, zum Beispiel ein Reisetagebuch über Wladiwostok und den in Fernost angesiedelten historischen Roman »Dattans Erbe«.

Die schriftstellerische Ader teilt sie mit Rathenow und Faust. In ihrer Tätigkeit als Landesbeauftragte erwartet man sich aber von ihr deutlich andere Akzente als von ihren Vorgängern. Bei der Vorstellung vor Abgeordneten erklärte sie, Bildungsarbeit »abseits von Grusel- und Heldengeschichten« vorantreiben zu wollen. In der Debatte um den letzten Tätigkeitsbericht Rathenows hatte der SPD-Abgeordnete Frank Richter gefordert, den Alltag in der DDR, der »nicht identisch mit der Diktatur« gewesen sei, aus dem »toten Winkel« von dessen Arbeit zu holen. Die Linksabgeordnete Luise Neuhaus-Wartenberg betont, die Aufarbeitung der DDR-Geschichte dürfe nicht »totale Verteufelung«, sondern müsse »Versöhnung« zum Ziel haben. Aris könnte dafür die richtige Frau sein.

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